Erfolg der AfD, Zäsur für die Bundespolitik
Schnellauswertung von Christoph Spehr zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 6.09.2026.
Die Wahlen in Sachsen-Anhalt sind eine Zäsur. Die AfD kommt nahe an die absolute Mehrheit. Durch den Einzug des BSW gibt es im Landtag keine parlamentarische Mehrheit mehr für eine Zusammenarbeit jenseits der AfD. Die Wahl ist stark bundespolitisch bestimmt, aber markiert ebenfalls, dass es im Land eine Mehrheit für ein rechtspopulistisches strategisches Projekt gibt. Erstmals schafft die AfD mit Ulrich Siegmund einen starken Kandidatenfaktor. Viele Bewertungen zur Bundesregierung sind in Sachsen-Anhalt nicht groß anders als bundesweit.
Die Wahl unterstreicht, dass die schwarz-rote Bundesregierung spätestens seit 2026 das Gegenteil einer antifaschistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik betreibt und mit ihrem derzeitigen Kurs den Aufstieg der AfD weiter fördern wird. Das gilt für die kommenden Landtagswahlen genauso wie auf Bundesebene.
Einige Beobachtungen aus den Daten und Befragungen:
Wähler*innen-Wanderung
Die Wahl ist durch zwei große Wähler*innen-Bewegungen entschieden worden. Die AfD halbiert die CDU (ca. 8 Prozent direkter Verlust CDU à AfD), und die AfD mobilisiert massenhaft Nichtwähler*innen (zwei Drittel der gestiegenen Wahlbeteiligung kommen der AfD zugute). Die Wahlbeteiligung war mit über 70 Prozent ähnlich hoch wie bei einer Bundestagswahl.
Alle anderen Wähler*innen-Bewegungen sind auffallend geringfügig. (Eine Nettobewegung von 10-12.000 Stimmen entspricht einem Prozent der Stimmen, d.h. Bewegungen von 2.000 oder 4.000 Stimmen sind relativ marginal.)
Linke, SPD und Grüne kommen zusammen auf 27 Prozent der Stimmen und damit etwas mehr als 2021 (plus 1,5%). SPD und Grüne haben (auf Kosten der Linken) davon profitiert, dass die Wähler*innen dieses Lagers sie sicher über die 5%-Grenze befördern wollten – das Mitte-Links-Lager denkt taktisch und mit inzwischen wenig fester Parteibindung. Zwei Drittel der Grünen- und SPD-Wähler*innen gaben an, Grüne bzw. SPD gewählt zu haben, um einen AfD-MP zu verhindern. Ohne diese Motivation wäre es für beide knapp geworden, aus eigener Kraft wäre die SPD nur knapp oberhalb der 5% gelandet.
Das BSW erhält dagegen keine Stützstimmen von der AfD. Seine Stimmen (2021 gab es noch kein BSW) kommen jeweils zu ca. 1 Prozent von Linke und CDU, ca. 2 Prozent kommen von Erst- und Nichtwähler*innen. Das ist weit weg von den Ergebnissen in Thüringen und Brandenburg, deutet aber eine mögliche Nische für das BSW an als softere Alternative zur AfD.
Daten zur Wähler*innen-Gruppen und aus qualitativer Befragung
Die AfD ist die dominierende Volkspartei und verfehlt die absolute Mehrheit der Stimmen nur, weil sie in der Altersgruppe ab 70 Jahren deutlich schlechter abschneidet. Sie wird stärker in ländlichen Wahlkreisen und von Männern gewählt, das ist aber nur ein begrenzter Effekt. Sie erzielt bei „Arbeiter*innen“ 60% und liegt auch bei Selbständigen überdurchschnittlich, unterdurchschnittlich bei Rentner*innen, durchschnittlich bei „Angestellten“.
Das wichtigste Wahlthema war „soziale Sicherheit“. Für AfD-Wähler*innen sind die wichtigsten Themen Kriminalität/innere Sicherheit, Zuwanderung, soziale Sicherheit. Der AfD gelingt es, auch die höchste Kompetenz für „soziale Gerechtigkeit“ zugeschrieben zu bekommen (AfD: 29%, Linke: 18%, SPD: 14%). Dabei gibt es eine bemerkenswerte Differenz: im Unterschied zur Frage „Welche Partei kann am ehesten soziale Gerechtigkeit schaffen“ liegen Linke und SPD deutlich höher bei der Frage „bemüht sich am stärksten um sozialen Ausgleich“ (Linke: 41%, SPD: 21%). Linke und SPD wird ein inklusiver Gerechtigkeitsbegriff zugeschrieben, der AfD ein stärker „korrigierender“ Gerechtigkeitsbegriff.
Die Wahl ist bestimmt von auf die Zukunft gerichteten Sorgen. Die Befragten bezeichnen ganz überwiegend die allgemeine wirtschaftliche Situation als schlecht, ihre eigene wirtschaftliche Situation aber als gut. Unter denen, die ihre eigene Situation als schlecht beschreiben, schneidet aber die AfD besonders stark ab (auch die Linke liegt hier überdurchschnittlich).
Die Unbeliebtheit der Bundesregierung erreicht Rekordwerte. Nur 9 Prozent sind zufrieden mit Friedrich Merz. Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung richtet sich überwiegend gegen die CDU. Nur 30 Prozent sind der Meinung, die Bundesregierung solle ihren Kurs der Sozialkürzungs-„Reformen“ fortsetzen, auch unter CDU- und SPD-Wähler*innen hat diese Position keine Mehrheit. Insbesondere die CDU-Abwandernden kritisieren die fehlende Berücksichtigung von Arbeitnehmer*innen-Interessen, fehlende Entlastungen und das Festhalten an den „Reformen“.
Die Brandmauer hat keine klare Mehrheit. Mit Ausnahme von BSW (und AfD) sagt eine überwiegende Mehrheit der Wähler*innen aller Parteien, die AfD dürfe nicht den MP stellen und die Linke solle dafür einen CDU-MP mitwählen. Aber: 60 Prozent stimmen zu, dass die anderen Parteien die AfD „unfair behandeln“, auch z.B. 25% der Linken-Wähler*innen.
Die Parteien werden mit klaren Kernkompetenzen verbunden: Die AfD mit Asyl/Fluchtpolitik, die CDU mit Wirtschaft, Linke und SPD mit sozialer Gerechtigkeit, die Grünen mit Umwelt/Klima.
Die AfD gewinnt eine Beinahe-Mehrheit quer durch die Bevölkerung. Von den AfD-Wähler*innen sind ca. 20% als klar rechtsextrem einzustufen, ca. 18% haben ein sehr rechtes Weltbild, 62% weisen dagegen keine oder nur sehr geringe rechtsextreme Haltungen auf. Aus dem harten rechten Feld allein käme die AfD also nur auf ca. 17% der Wähler*innen-Stimmen, die anderen 27% sind keine genuinen „Rechts-Wähler*innen“.
Die Linke setzt ihre starken Ergebnisse unter jüngeren Wähler*innen fort. Sie erzielt 20% bei Frauen unter 25.
Anders als bei der Linken, verbinden SPD-Wählende ihre Entscheidung für die SPD mit starker Kritik an der SPD, insbesondere der Kritik, keine klare Arbeitnehmer*innen-Partei mehr zu sein und die Interessen der breiten Bevölkerung zu wenig zu vertreten.
Konsequenzen des Ergebnisses
Mit dem Wahlergebnis ist völlig unklar, wie es weitergeht. Alle im Parlament vertretenen Parteien haben sich auf Haltelinien festgelegt, die in der Summe alles blockieren. Die AfD will nur mit einer klaren Mehrheit regieren, das BSW aber nur punktuell kooperieren. CDU, Linke, SPD, Grüne lehnen wechselnde Mehrheiten unter Einschluss der AfD ab, haben dafür aber keine Mehrheit. Ohne die BSW-Stimmen gäbe es bei der MP-Wahl ein Patt (je 39 Sitze AfD bzw. CDU/Linke/SPD/Grüne). Die amtierende Landesregierung kann relativ lange geschäftsführend weiterregieren, aber für einen Haushalt braucht es zumindest eine relative Mehrheit.
Der AfD fehlen mindestens 3 Sitze für eine eigene parlamentarische Mehrheit. Das dürfte zu viel sein für die Option „Übertritte“. Die AfD hat nicht das Hauptinteresse, jetzt den MP zu stellen, sondern die CDU weiter an der Situation ausbluten zu lassen und ggf. Neuwahlen dann mit einer absoluten Mehrheit zu gewinnen.
Das „Modell Sachsen-Anhalt“ der AfD unterscheidet sich deutlich von den bisherigen Ländermodellen. Mit Siegmund verfügt die AfD über einen charismatischen Kandidaten, der Abwehrhaltungen unterläuft und Wähler*innen nicht durch martialisches Auftreten verprellt. Mit der Personalie Siegmund wäre ab jetzt auch bei Bundeswahlen zu rechnen.
Das Ergebnis ist kein „Ost-Effekt“, auch wenn verschiedene Spezifika greifen. Mit dem in Sachsen-Anhalt gefahrenen Modell könnte die AfD auch auf Bundesebene noch deutlich weiterkommen als in den derzeitigen Bundes-Umfragen. Die AfD verkörpert inzwischen ein strategisches Projekt, das auch jenseits von rechtsgeprägten Wähler*innen auf breite Zustimmung stößt: Entlastung und Sicherheit; wirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung durch „low road“-Orientierung; finanzieller Spielraum durch Verzicht auf wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Modernisierung; keine vertikale Umverteilung, aber Umverteilung auf Kosten von Erwerbslosen und Zugewanderten. Das ist sehr nahe am Trump-Projekt. Die Friedensfrage spielte in der Sachsen-Anhalt eine auffallend geringe Wahl, hier gehen die Meinungsunterschiede quer durch alle Parteien.
Die CDU hat dem aktuell nichts entgegenzusetzen, zeigt aber keine Bereitschaft zur Kurskorrektur. Ihre Erzählung „Einschnitte bringen Wachstum, von dem alle letztlich wieder profitieren“ greift nicht. In dem Maße wie die SPD sich dieser Erzählung annähert, setzt sich auch ihr Niedergang fort. Die SPD wird weiterhin bestenfalls passiv Beteiligte sein bei der Ausprägung eines konkurrierenden strategischen Projekts. Das vorhandene „sozialdemokratische Bedürfnis“ kann sie vorläufig nur durch die „Linie Schwesig“ erfüllen (maximale Distanz zur Bundespolitik, Landesinteresse, ausgewählte soziale Kernbotschaften), was aber die strategische Lücke auf Bundesebene nicht füllen kann. Grünen und Linken gelingt es dagegen aktuell nicht, ihrerseits ein Projekt zu prägen, das auch außerhalb von linksgeprägten Wähler*innen in ähnlicher Weise mobilisierungsfähig wäre.
