Antwort der Senatskanzlei auf den Beiratsbeschluss zur Einführung eines Umwelt- und Sozialatlasses für Bremen
Stellungnahme des Beirats Gröpelingen zur Antwort der Senatskanzlei auf den Beiratsbeschluss zur Einführung eines Umwelt- und Sozialatlasses für Bremen vom 24.10.2025.
An den Senator für Umwelt, Klima und Wissenschaft,
an die Senatorin für Arbeit, Soziales, Jugend und Integration,
an die Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz,
und an die Senatskanzlei der Freien Hansestadt Bremen
Beschlussvorschlag für die Beiratssitzung am 29. Oktober 2025
Der Beirat Gröpelingen nimmt die Antwort der Senatskanzlei auf seinen Beschluss zur Einführung eines Umwelt- und Sozialatlasses für Bremen mit Dank zur Kenntnis.
Zugleich hält der Beirat fest, dass die Stellungnahme der Senatskanzlei das Anliegen des Beirats inhaltlich nicht aufgreift, sondern auf bereits bestehende Einzelmaßnahmen und Datenerhebungen verweist, ohne den Kern des Beiratsantrags – die systematische und öffentlich zugängliche Zusammenführung von Umwelt-, Sozial- und Gesundheitsdaten – aufzugreifen.
1. Zum Inhalt der Antwort
Die Senatskanzlei bestätigt in ihrer Antwort ausdrücklich,
• dass in Stadtteilen mit hohen sozialen Belastungen auch gesundheitliche Risiken und geringere Lebenserwartung häufiger auftreten,
• und dass sich auch umweltbezogene Risiken über das Stadtgebiet ungleich verteilen. Damit wird der zentrale Befund des Beirats Gröpelingen anerkannt.
Gleichzeitig wird jedoch behauptet, es bestehe „kein Erkenntnisproblem“, und es sei daher nicht erforderlich, die Daten in einem Umwelt- und Sozialatlas zu bündeln. Aus Sicht des Beirats Gröpelingen ist diese Einschätzung nicht zutreffend.
2. Kein Erkenntnisproblem – aber ein Umsetzungsdefizit
Richtig ist: Die einzelnen Daten liegen in verschiedenen Ressorts vor.
Falsch ist: Dass sie „gut im Zusammenhang betrachtet“ werden können.
Tatsächlich existiert kein integriertes, öffentlich zugängliches Instrument, das die Zusammenhänge von Umweltbelastung, Gesundheit und sozialer Lage kleinräumig sichtbar macht. Ein solches Instrument ist jedoch Voraussetzung für gezielte, gerechte und überprüfbare Stadtentwicklungspolitik. Es schafft die Datengrundlage dafür, Belastungsschwerpunkte zu identifizieren, Investitionen zu steuern, Beteiligung zu fördern und Transparenz herzustellen – und zwar über Ressortgrenzen hinweg.
3. Transparenz ist selbst ein sozialpolitisches Ziel
Die von der Senatskanzlei formulierte Auffassung, man müsse „die Situation konkret in den Stadtteilen verändern“ statt Daten zu bündeln, verkennt den Charakter des vorgeschlagenen Instruments. Der Umwelt- und Sozialatlas soll nicht zusätzliche Erkenntnisse erzeugen, sondern bestehende Daten integrieren, visualisieren und öffentlich zugänglich machen. Gerade durch Transparenz entstehen Handlungsdruck, Nachvollziehbarkeit und Beteiligungsmöglichkeiten – Voraussetzungen für soziale und gesundheitliche Verbesserungen.
4. Fehlende Integration der Ressorts
Der Beirat stellt fest, dass die bestehenden Vorhaben – etwa das geplante Sozialmonitoring –
derzeit isoliert innerhalb einzelner Ressorts geführt werden. Eine ressortübergreifende Betrachtung, wie sie der Beirat fordert, findet bislang nicht statt. Der Berliner Umweltatlas zeigt, dass die Zusammenführung vorhandener Daten technisch und organisatorisch möglich ist – und dass sie die Grundlage für zielgerichtete kommunale Maßnahmen bilden kann.
5. Politische Bedeutung
Die Vermeidung sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit ist nicht allein eine Frage der „konkreten Maßnahmen“, sondern auch der strukturellen Steuerungsinstrumente. Ein Umwelt- und Sozialatlas würde ungleiche Lebensbedingungen sichtbar und messbar machen – und damit politische Verantwortung präziser zuordnen. Das liegt im Interesse einer sozial gerechten, transparenten und wissenschaftlich fundierten Stadtentwicklung.
6. Forderung
Der Beirat Gröpelingen hält daher an seinem Beschluss fest und fordert den Senat erneut auf,
1. ein Konzept zur Entwicklung eines Umwelt- und Sozialatlasses zu erarbeiten,
2. die bestehenden Datenbestände ressortübergreifend zu bündeln und
3. die Ergebnisse in einem öffentlich zugänglichen Online-Portal regelmäßig zu veröffentlichen.
Zudem regt der Beirat an, die Ergebnisse des geplanten Sozialmonitorings in dieses Konzept zu integrieren, um Doppelarbeit zu vermeiden und Synergien zu nutzen.
Begründung:
Die gesundheitlichen und sozialen Belastungen in Stadtteilen wie Gröpelingen, Blumenthal, Hemelingen oder Tenever sind Ausdruck von Mehrfachbenachteiligung. Nur eine transparente, kleinräumig auswertbare Datengrundlage ermöglicht es, Ressourcen gerecht zu verteilen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Der Beirat Gröpelingen sieht daher die Einführung eines Umwelt- und Sozialatlasses als wichtigen
Baustein einer sozial und ökologisch gerechten Stadtentwicklungspolitik in Bremen.
Dieter Winge und die Fraktion DIE LINKE im Beirat Gröpelingen
Anlage: Quellen und Dokumentation zum Nutzen des Berliner Umwelt- und Sozialatlas-Modells („Umweltgerechtigkeitsatlas Berlin“) (zur Stellungnahme des Beirats Gröpelingen vom 29. Oktober 2025)
1. Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt Berlin (2024): Umweltgerechtigkeit in Berlin – Umweltatlas Mensch www.berlin.de/umweltatlas/mensch/umweltgerechtigkeit/
Der Atlas verknüpft Umwelt-, Sozial- und Gesundheitsdaten kleinräumig, um ungleiche Umweltbelastungen sichtbar zu machen. Er dient der Integration von Umwelt-, Gesundheitsund Sozialbelangen in die Stadtentwicklung.
2. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2025): Neue Karten zur Umweltbelastung im Berliner Stadtgebiet
www.statistik-berlin-brandenburg.de/news/2025/umweltgerechtigkeit-berlin/
Aktuelle Luft-, Lärm- und Hitzedaten werden mit sozialen Indikatoren verknüpft. Der Atlas unterstützt evidenzbasierte Maßnahmenplanung und Gesundheitsförderung in belasteten Quartieren.
3. Senatsverwaltung Berlin (2024): Methode des Umweltgerechtigkeitsatlas https://www.berlin.de/umweltatlas/mensch/umweltgerechtigkeit/2024/methode/ Beschreibt das Verfahren zur Bewertung von Umweltbelastungen und sozialer Benachteiligung auf Blockebene. Grundlage für zielgerichtete Maßnahmenplanung und -kontrolle.
4. Senatsverwaltung Berlin (2024): Umweltatlas Berlin – Interaktives Kartenportal https://www.berlin.de/umweltatlas/ Umfasst über 95 Themen mit mehr als 500 Karten zu Umwelt, Klima, Lärm und Bevölkerung. Zentraler Informationsdienst für Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit.
5. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2022): Umweltgerechtigkeit in Berlin
https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/publikationen/news/2022/umweltgerechtigkeit Dokumentiert die dauerhafte institutionelle Nutzung des Umweltgerechtigkeitsatlas als Steuerungsinstrument für sozial gerechte Stadtentwicklung.
Zusammenfassung:
Der Berliner Umweltgerechtigkeitsatlas zeigt, dass bestehende Verwaltungs- und Statistikdaten ohne neue Erhebungen integriert werden können. Das Instrument erhöht Transparenz, ermöglicht Beteiligung und dient als Grundlage gezielter Maßnahmen gegen Mehrfachbelastungen – ein Modell, das auch in Bremen umgesetzt werden kann.
Fußnoten
1. SenMVKU Berlin (2024): Umweltgerechtigkeit in Berlin – Umweltatlas Mensch.
2. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2025): Neue Karten zur Umweltbelastung im Berliner Stadtgebiet.
3. SenMVKU Berlin (2024): Methode des Umweltgerechtigkeitsatlas.
4. SenMVKU Berlin (2024): Umweltatlas Berlin – Interaktives Kartenportal.
5. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2022): Presseinformation: Umweltgerechtigkeit in Berlin.
