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Das Bild zeigt eine Fleischtheke im Supermarkt.

„Klimaschutzstrategie für Bremen 2030“: Konsum und Ernährung

Ein Bericht über die 9. Sitzung der Enquete-Kommission

Wie viel Verzicht auf tierische Produkte und Bio beim Essen und wie viel Nachhaltigkeit beim Konsum lässt sich wie auf dem Weg zur Klimaneutralität erreichen? Darum ging es in der mittlerweile 9. Öffentlichen Sitzung der Enquete-Kommission „Klimaschutzstrategie für Bremen 2030“.

Der Energieverbrauch und CO2-Ausstoß der privaten Haushalte haben sich seit 2000 kaum verändert, in den Bereichen Mobilität, Ernährung, sonstige Produkte und Dienstleistungen sei er gleich geblieben, lediglich im Bereich Wohnen habe sich eine leichte Reduzierung ergeben. Darauf verwies Prof. Dr. Ines Weller vom Artec Forschungszentrum zu Nachhaltigkeit an der Uni Bremen und machte damit den Handlungsbedarf im Bereich Konsum deutlich. Dabei spielten Verhaltensroutinen und Informationsdefizite sicherlich eine große Rolle, aber auch die mangelnde Verfügbarkeit von ressourcen- und energieschonenden Produkten, so Weller. Politik müsse daher Infrastruktur- und Anreizstrukturen schaffen.

Insbesondere auf die Probleme des Fleischkonsums verwies Sonja Pannenbecker von der Verbraucherzentrale mit all seinen negativen Folgen für Klimaschutz und auch Gesundheit. Die Verbraucher:innen könnten dies allein nicht ändern. Hier müsse Politik aktiv werden, z.B. durch die Unterzeichnung der Mailänder Erklärung (Milan Urban Food Policy Pact), die eine Vielzahl von Maßnahmen zur Veränderung des Konsums enthalte. Handeln könne Politik dabei insbesondere bei der Gemeinschaftsverpflegung. Zu diesem Thema hatte wenige Tage zuvor das Agrarpolitische Bündnis Bremen (ABB) eine ausführliche Stellungnahme über die Zukunftsperspektiven einer „enkeltauglichen Landwirtschaft“ in Bremen an die Enquete-Kommission übersandt.

Zwar sei bei den Verbraucher:innen das klimafreundliche Wissen relativ hoch, dennoch führe dies nicht automatisch zu Verhaltensänderungen. Das zeigte Dr. Immanuel Spieß vom Institut für sozial-ökonomische Forschung, Frankfurt. Es hielten sich in einer Umfrage 21 % der Befragten für „klimaschonend“, doch gerade im Bereich Ernährung würden dies lediglich 4% auch konsequent umsetzen.  Deshalb müssten Alternativen gestärkt werden: weniger Verpackung, längere Nutzungsdauer von Gütern, Reparaturfähigkeit, Nachnutzungsmöglichkeiten stärken, lokale Ökonomie fördern. Verbraucher:innen mit geringerem Einkommen, die durch geringeren Konsum ohnehin schon einen geringeren Anteil am CO2-Ausstoß hätten, müssten zudem entlastet werden, z.B. durch Energiekostensenkung und Prävention vor Stromsperren, Nutzung von Mieterstrommodellen.

Mit dem Thema „Verschwendung von Lebensmitteln“ insbesondere in der Gemeinschaftsverpflegung beschäftigte sich Torsten von Borstel von „United against waste e.V.“, denn im Durchschnitt landet 1/3 der Lebensmittel im Müll. Er zeigte auf wie mit einem „Werkzeugkoffer“ voller einzelner Möglichkeiten eine Menge Verschwendung vermieden werden kann. Verschwendung, die nicht nur klimaschädlich ist, sondern auch viel Geld kostet, dass besser verwendet werden könnte zur Steigerung der Qualität des Essens.

Eine Neuausrichtung der Ernährungspolitik forderte auch Prof. Dr. Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda, die sich dabei u.a. auf den gerade neu erschienenen Fleischatlas bezog. Auffällig ist vor allem, dass Veganismus und Vegetarismus ein weibliches Phänomen sind. 80% der Anhänger:innen der klimafreundlicheren Ernährung sind weiblich. Auch neigen eher jüngere Menschen dazu sich auf diese Weise zu ernähren. Das Probleme liege hier in der Symbolik und Semantik die nach Rückert-John das Fleisch noch immer darstelle. Neben Wohlstand, Kraft, Macht, Stärke und Männlichkeit sei es immer noch auch der Inbegriff für eine „richtige“ Mahlzeit.

Ernährung sei nicht nur ein „individuelles“ Thema. Verbraucher:innen müssten entlastet werden durch Stärkung von Alternativen, Steuerregulierung z.B. durch veränderte Mehrwertsteuersätze (19  % auf Fleisch u. Zucker; 5 % auf Obst und Gemüse oder auch Second Hand Produkte), Regulierung von Werbung (wie auch bei Zigaretten und Alkohol) , Kennzeichnung von Produkten.

Ingo Tebje begrüßte diese Ansätze: „Auch das seit Jahren in der Pipeline stehende Lieferkettengesetz könnte hier eine wichtige Rolle spielen, um die Nachhaltigkeit von Produkten insgesamt erheblich zu verbessern. Leider ist hier ein Stillstand seitens der Bundesregierung zu beobachten. Um dem entgegen zu wirken, ist es wichtig, dass wir die Regionalität der Lebensmittel und die regionale Kreislaufwirtschaft für Verbrauchsprodukte weiter stärken.“

Auch die Stärkung der Biolandwirtschaft sei ein wichtiger Punkt und hätte großes Innovationspotential, machte Frau Rückert-John deutlich, passend zur jährlichen „Wir haben es satt!“ Demo in Berlin, Essen sei eben politisch. Auf Nachfrage, wie denn das Verhältnis von Freiwilligkeit und Regulierung sei, antwortete sie, dass Freiwilligkeit nur funktionieren könne, wenn es auch einen entsprechenden und leicht verfügbaren Mix im Angebot gäbe – Regulierung könne dafür den Anreiz bieten.

Für Aufregung sorgte schließlich Herr Dr. Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut, der auf die Notwendigkeit von Regulierungen zur Stärkung von Selbstverständlichkeiten in der Verhaltensänderung verwies und nannte die Beispiele Anschnallpflicht in Autos, Rauchverbot in Gaststätten und ähnliches., die dann schnell zu Selbstverständlichkeiten wurden. Die CDU-Vertreter:innen sahen da nur sehr viel Reglementierung, nur Vorschriften – Anreize seien doch der richtige Weg. Die Politik verweise immer darauf, dass jeder doch bei sich anfangen müsse, konterte Michael Kopatz, und zwar immer dann, wenn sie selbst nichts regeln wolle.

Die Aufzeichnung der Sitzung findet sich hier. [Zapo]


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