Paritätisches Bildungswerk LV Bremen

Weiterbildung – für VIELFALT & CHANCENGERECHTIGKEIT

Das Paritätische Bildungswerk LV Bremen e.V. (PBW) verortet sich als Weiterbildungseinrichtung in der Einwanderungsgesellschaft.

Pluralität ist der Normalfall, funktioniert aber nicht von selbst und hat viel zu oft zu tun mit Prozessen von Ausgrenzung und Diskriminierung. Dem tritt das PBW entschieden entgegen.

Das PBW Bremen macht sich stark für Chancengerechtigkeit und gleichberechtigte Zugänge zu Weiterbildung, beruflicher Qualifizierung und zum Arbeitsmarkt. Durch seine nachweislich erfolgreiche Arbeit konnte es sich ein Alleinstellungsmerkmal erwerben in den Bereichen

  • Sprachliche und berufliche Qualifizierung von Bremer_innen aus aller Welt
  • Staatlich anerkannte Berufsabschlüsse für Quereinsteiger_innen in der Arbeit mit Kindern und behinderten Menschen

Damit übernimmt das PBW Aufgaben, die zur staatlichen Daseinsvorsorge gehören.
Es leistet zugleich einen bedeutenden Beitrag bei der Bekämpfung von Armut und Langzeitarbeitslosigkeit.
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Fragen an die in der Bremischen Bürgerschaft vertretenen Parteien:

1.    Was erwarten Sie von den nach dem Brem. Weiterbildung anerkannten Einrichtungen im Land Bremen – was sollten sie leisten und wie könnten sie in ihrer Aufgabenwahrnehmung gestärkt werden?


Die Aufgaben der Weiterbildung haben enorm zugenommen. Berufliche Inhalte und Anforderungen verändern sich rasch. Politische und gesellschaftliche Fragestellungen werden komplexer und bedürfen der weiterbildenden Angebote, um demokratische Willensbildung zu befördern. Migration und Flucht stellen spezifische Anforderungen an Weiterbildung. Die anerkannten Träger der Weiterbildung leisten einen wichtigen Beitrag dazu, diesen Anforderungen nachzukommen, können sie aber unmöglich alleine erfüllen, sondern nur in wechselnder Arbeitsteilung mit Schulen, Hochschulen, Behörden und vielen anderen Initiativen.
Wir befürworten daher, dass in Zusammenarbeit mit den Trägern endlich ein umfassendes Konzept zur Weiterbildung im Land Bremen erarbeitet wird, wie es längst angekündigt war und bis heute nur in Form von zwei Seiten mit Spiegelstrichen vorliegt.
Die Arbeit der Träger der Weiterbildung muss finanziell und strukturell abgesichert sein. Die Erhöhung der Mittel nach dem WBG auf 2 Millionen Euro ist ein erster Schritt. Weiterbildung muss aber auch in der Landesarbeitsmarktpolitik (Beschäftigungspolitisches Aktionsprogramm BAP), in der Flüchtlingskonzeption, in der sozialen Stadtteilentwicklung integriert und angemessen gefördert werden. Träger brauchen verlässliche und längerfristige Finanzierung. Es muss daher einen hinreichenden Anteil institutioneller Förderung geben. Gerade weil Weiterbildung auch neue Formen und Experimente beinhalten muss, darf den Trägern nicht das Risiko für unzureichend angenommene Angebote aufgebürdet werden, wie das z.B. bei der Förderung nach Pauschalen der Fall ist.

2.    Wo sehen Sie das PBW Bremen mit seinem Profil und Programm in einem koordinierten Gesamtangebot der Weiterbildung nach dem Brem. WBG?

Das PBW Bremen hat sich etabliert als ein besonders erfahrener Träger auf dem Gebiet der beruflichen Integrationsarbeit. Es hat besondere Erfahrungen und Angebote entwickelt, wie die aufsuchende Bildungsarbeit. In allen diesen Feldern sollte die Arbeit des PBW gestärkt und besser unterstützt werden.
Vorstellbar wäre, dass das PBW auch spezifische Aufgaben in der politischen Bildung ausprägen könnte, z.B. zum Thema von Armutsbekämpfung und Armutsprävention.

3.    Welchen Stellenwert messen Sie der aufsuchenden Bildungsarbeit bei (z.B. Projektansätze wie ‚Mama-lernt-Deutsch’ oder ‚Bildung ist Reichtum’?)

Bildungsarbeit muss ihre Zielgruppen erreichen, dass ist ihr Maßstab. Bei „Mama-lernt-Deutsch“ zum Beispiel können die Frauen direkt vor Ort in dem Fall an den Grundschulen an dem Kurs teilnehmen. Diese aufsuchende Bildungsarbeit ist von großer Bedeutung, um gerade hier Frauen, die aus allen möglichen Herkunftsländern kommen einzubinden und ihnen die Möglichkeit für eine stärkere Partizipation zu geben. Menschen aus sozial benachteiligten Stadtteilen, mit niedrigerem Einkommen, mit anderem kulturellen oder sprachlichen Hintergrund müssen wohnortnah und ohne größere Hemmschwellen diese Chancen bekommen. Ebenso wichtig ist, dass dabei noch stärker mit den vorhandenen sozialen Netzwerken kooperiert wird, in denen die Betroffenen organisiert oder integriert sind.

4.    Das Angebot der Kinderbetreuung (KB) in Integrationskursen sichert die Möglichkeit der Teilnahme für Eltern mit kleinen Kindern. Das BAMF hat sich mit Hinweis auf die Zuständigkeit der Kommunen aus der Förderung zurückgezogen. Das Land hat zunächst für 12 Monate die Förderung der KB übernommen. Wie schätzen Sie die Bedeutung der KB für das Sprachlernen der Eltern und den Integrationsprozess der Familien ein? Teilen Sie die Auffassung, dass es über das bestehende staatliche Angebot der öffentlichen Kinderbetreuung hinaus ein zusätzliches Angebot der KB in Integrationskursen geben sollte, um Eltern von kleinen Kindern die Teilnahme am Sprachkurs zu ermöglichen und dabei (z.B. über einen engen Kontakt zu PIB) die Eltern perspektivisch für eine Inanspruchnahme der öffentlichen Kinderbetreuung zu gewinnen?
Wie ist die KB in Integrationskursen ab Oktober 2015 abzusichern?


Für die Integration von Kinderbetreuung in Integrationskurse gilt dasselbe wie für die aufsuchende Bildungsarbeit: die Bedeutung ist exorbitant hoch, denn ansonsten haben Eltern nicht die Möglichkeit die Kurse auch kontinuierlich zu besuchen. Auch hier sind die Frauen in erster Linie betroffen und brauchen die Angebote um perspektivisch ihre Existenz zu sichern.
Die höheren Integrationsleistungen, die von Kommunen mit höherem Migrationsanteil erbracht werden müssen, müssen bundesweit stärker ausgeglichen werden. Unabhängig davon steht aber das Land in der Pflicht, eine Absicherung der Integrationskurse ab Oktober 2015 frühzeitig sicher zu stellen und dies muss zusätzlich geschehen. Wenn Sprachkenntnisse anerkanntermaßen als Schlüssel zur Integration gesehen wird, müssen die Grundlagen zur Aneignung auch bereitgestellt werden. Im Rahmen eines zu erwartenden Nachtragshaushalts 2015 und im Haushalt 2016 müssen daher Mittel eingestellt werden, um diese Angebote auf jeden Fall aufrechtzuerhalten. Die Bedarfe dafür werden in Zukunft steigen, auch im Anbetracht der Zuwanderung.

5.    Wie sollen Flüchtlinge im Land Bremen perspektivisch in das System der Deutschförderung durch Integrationskurse und Berufsbezogene Sprachkurse einbezogen werden?

Mit der Einführung der Arbeitsberechtigung nach 3 Monaten sollten Flüchtlinge spätestens ab diesem Zeitpunkt auch vollen Zugang zu allen Angeboten der berufsbezogenen Sprachkurse haben. Wünschenswert wäre, dass dies von Anfang an der Fall wäre, um nicht wertvolle Zeit zu verlieren und um auch die Motivation der Flüchtlinge von vornherein aufzugreifen. Für das Ziel einer erfolgreichen beruflichen Integration sollte keine Zeit verloren werden.

6.    Die Berufsbezogene Deutschförderung des Bundes (ESF BAMF-Programm) hat sich bewährt und findet eine anhaltend große und steigende Nachfrage. Gleichwohl kam es durch die Budgetierung seit Mitte 2014 zu einem deutlichen Rückgang der Fördermittel. Während im Jahr 2013 insgesamt 24 Kurse begonnen werden konnten, werden 2015 max. 13 Kurse möglich sein. Wie kann das Land sicherstellen, dass der tatsächliche Bedarf (ca. 15 Kurse für ca. 300TN p.a.) in 2015 und in den Folgejahren gedeckt werden kann?

Mindestens der tatsächliche Bedarf muss auf jeden Fall finanziell abgesichert werden, darüber hinaus ist ein Puffer erforderlich, um weiter ansteigende Flüchtlingszahlen einzukalkulieren. Das Land muss dafür eine entsprechende Kofinanzierung oder Gesamtfinanzierung bereitstellen (siehe Antwort zu Frage 4). Die Budgetierung der BAMF-Mittel war ein Fehler; Bremen sollte sich über den Bundesrat für eine Korrektur einsetzen, um die Budgetierung wieder aufzuheben.

7.    Durch die Integrationskurse und die Berufsbezogene Sprachförderung (ESF BAMF-Programm) des Bundes können zugewanderte Menschen mit einem auf Dauer angelegten Aufenthaltsstatus eine gute sprachliche Grundlage im Deutschen erwerben. Diese sprachliche Basis reicht in der Regel für die Integration in den Arbeitsmarkt nicht aus. Die ARGE Reißverschluss als trägerübergreifender Verbund hat festgestellt, dass es eine Lücke im Angebotssystem gibt: Im Anschluss an die vom Bund geförderten I- und B-Kurse fehlen im Land Bremen öffentlich geförderte Deutschkurse, die zum Sprachniveau B2 (samt Sprachprüfung) führen. Ohne B2 ist ein Übergang in Ausbildung, Umschulung oder Arbeit in der Regel nicht möglich. Wie kann der Aufbau eines solchen Angebotes im Land sichergestellt werden?


Hier besteht eine deutliche Förderlücke, die Arbeitsmarktzugänge erschweren bis unmöglich machen und für die bislang keine Lösung vorhanden ist. Bremen muss generell die begleitende und aufbauende Sprachförderung stärken und dafür eine übergreifende Konzeption erarbeiten. Für die beschriebene Angebotslücke muss dringend ein Angebot entwickelt werden. Finanziert werden könnte es u.U. aus der Landesarbeitsmarktpolitik (BAP), die entsprechende Interventionsmöglichkeiten definieren sollte.

8.    Die ARGE Reißverschluss kritisiert, dass es bezüglich der Erwerbsintegration von Migrant_innen nach wie vor ein Nebeneinander von singulären Ansätzen und zeitlich befristeten Projekten gibt. Es fehlt eine in sich stringente und nachhaltig wirksame Strategie zur Erwerbsintegration von Bremer_innen aus aller Welt. Wie kann es gelingen, ein abgestimmtes, bedarfsgerechtes und systematisches Angebot von Qualifizierungs-Bausteinen (Fördertreppen) für Bremer_innen aus aller Welt zu entwickeln? Wer sollte in einem solchen Prozess der Motor sein? Wer sollte beteiligt werden?


Der Motor sollte das Sozialressort sein, da bei ihm die Hauptverantwortung auch für andere Flüchtlings- und Migrationsfragen liegt. Eine Konzeption sollte entwickelt werden in Zusammenarbeit von Weiterbildungsträgern, Senatsressorts für Soziales/Frauen, Bildung, Arbeit, Netzwerken und Organisationen der Betroffenen selbst. Für sozialräumliche Angebote sollten auch die Stadtteilkonferenzen einbezogen werden. Auch die Erfahrungen der Sprach- und Kulturlotsen gehören hier mit hinein. Ein Top-Down-Verfahren wäre fehl am Platz. Neben den einzurichtenden Gremien für die Abstimmungsprozesse braucht es allerdings eine kleinere Entwicklungs- oder Steuerungsgruppe, die über Mittel verfügt, die nicht zeitlich eng begrenzt sind, die auf die Bedarfe reagiert, sie in ein Konzept einfließen lässt und auch umsetzen kann. Flexible Anpassung auf die jeweiligen neuen Erforderlichkeiten wäre selbstverständlich mit zu beachten.

9.    Teilen Sie unsere Wahrnehmung, dass es eine wachsende Diskrepanz gibt zwischen der symbolischen Bedeutung, die der Erwerbsintegration von Zugewanderten zugesprochen wird, und dem tatsächlichen Stillstand auf der Ebene der praktischen Arbeitsmarktpolitik?

Auf jeden Fall! In der Arbeitsmarktpolitik gibt es seit Jahren nur noch Abbau. Das gilt für die bundesweite Entwicklung genauso wie für die Landesarbeitsmarktpolitik. Die Hauptverantwortung für diese unverantwortliche Entwicklung liegt auf der Bundesebene, bei der Bundesregierung und bei der Agentur für Arbeit. Das Land hat sich aber allen Einschränkungen und Verschlechterungen hilflos ausgeliefert, weil es keine Landesmittel mehr in der Arbeitsmarktpolitik einsetzt. Diese Fehlentwicklung, die sich insbesondere auch für die Erwerbsbeteiligung von MigrantInnen negativ auswirkt, muss korrigiert werden.

Was die Flüchtlinge betrifft, so ist es Bremen in einem ersten Schritt gelungen, für die erhöhte Zahl von Flüchtlingen das Problem der Unterbringung zu bewältigen. Der zweite Schritt muss jetzt sein, auch die nötigen Hilfen und Mittel für die Integration in Gesellschaft und Arbeit bereitzustellen. Dafür muss die berufliche Qualifizierung ein fester Bestandteil der Landes-Arbeitsmarktpolitik sein und auch wieder eine sozialräumliche Beschäftigungspolitik aufgelegt werden, die sozialversicherte, tariflich bezahlte Tätigkeit mit beruflicher und sprachlicher Qualifizierung verbindet. Dies ist uneingeschränkt zu verwirklichen, und wäre auch unter nachhaltiger Arbeits- und Sozialpolitik höchst sinnvoll.

10.     Weiterbildungseinrichtungen brauchen Ressourcen für Experimente – so das Statement der SPD beim Öffentlichen Wahlhearing von VADIB am 05.03.2015. Wie wollen Sie sicherstellen, dass WB-Einrichtungen auf der Basis ihrer besonderen Expertise und Erfahrung mehr Raum für Entwicklung und Innovation erhalten?

Innovativ kann nur der sein, der mit einem Versuch auch scheitern darf. Diese simple Wahrheit hat in der Förderpolitik derzeit keinen Raum mehr. Wer Weiterbildungsträger dazu drängt, immer nur auf „Nummer sicher“ zu gehen, weil er sie nur entsprechend der Teilnehmerzahlen finanziert oder gar Mindest-Teilnahmen zur Bedingung der Förderung macht – der braucht sich über fehlende Innovation und Experimente nicht zu beklagen!

Auch hier gibt es eine Diskrepanz zwischen dem symbolischen Bekenntnis zu Kreativität und Innovation in der Weiterbildung und Förderbedingungen, die zunehmend innovationsfeindlich sind. Notwendig sind: Mehr institutionelle Förderung; eine Entbürokratisierung von Fördermitteln; Kapazitäten zur Auswertung und ggf. Verallgemeinerung von Erfahrungen, die mit innovativen Ansätzen gemacht werden. Wenig hilfreich ist das heute modische System der Schein-Innovation: Weil immer mehr nur projektbezogen gefördert wird, muss jede Fortsetzung so tun, als sei sie ein neues Projekt. Innovation auf der einen Seite funktioniert nur, wenn auf der anderen Seite Kontinuität und Erfahrung anerkannt, wertgeschätzt und bezahlt wird.