Seit mehr als 70 Tagen streiken die türkischen Tekel-Tabakarbeiter gegen die Privatisierung des ehemals staatlichen Tabak-Konzerns, der von der Regierung Erdogan an den US-Tabakmulti British American Tobacco (BAT) verkauft worden ist. Privatisierung heißt für viele Tekel-Betriebe die komplette Schließung oder Kündigung der Tarifverträge.
Am 21. Februar waren etwa 20.000 Gewerkschafter aus der ganzen Türkei nach Ankara gekommen, um die Tekel-Arbeiter zu unterstützen. Eine Zeltstadt war mitten in der Fußgängerzone von Ankara aufgebaut worden. Aus Bremen waren sechs Gewerkschafter der NGG, IG Metall und ver.di nach Ankara zu einem mehrtägigen Solidaritätsbesuch geflogen. Die Bremer Delegation hatte in Ankara Spenden und Solidaritätsbotschaften überbracht und den dort seit gut zwei Monaten bei nasskalter Witterung in provisorischen und nur notdürftig geheizten Zelten des Protestcamps ihre Unterstützung zugesagt.
Einer aus der Delegation berichtete: "Was ich da erlebt habe, kann man kaum in Worte fassen. Eine Mischung aus Stolz, Verzweifelung und Entschlossenheit.Wir waren eine Delegation aus sechs Arbeitern (Daimler, Becks, Hafen) und als wir im der Zeltstadt ankamen wurden wir aus allen Teilen willkommen geheißen. Wir wurden dann um Gewerkschaftshaus begleitet, vor dem eine Kundgebung statt fand. Es war eine ganz besondere Atmosphäre, ich war so was von beeindruckt mir fehlten im ersten Moment die Worte. Als wir dann im Gewerkschaftshaus begrüßt wurden gingen wir wieder nach unten, und traten vor den Arbeitern.
Als erstes sprach unser Türkische Kollege Ibrahim(Daimler) zu den Arbeitern, ich verstehe kein Türkisch aber Immotionen waren überwältigen, da standen Arbeiten mit tränen in den Augen Ibrahim stockte kurz weil im die Stimme weg blieb und auch wir anderen, die die Türkischen Worte nicht verstanden, waren Immotional stark angetan. Wir legten immer wieder kleinere Gesprächspausen ein, indem die Arbeiter ihre durchdringenden Parolen lautstark zur Geltung brachten. Wir bekamen viel Applaus und Hochachtung von den Arbeitern. Danach gingen wir in Richtung Zelte um die mit den Arbeitern zu reden, aber wir kamen nicht weit es bildete sich sofort eine Traube um uns, jeder wollte uns die Hand schütteln und mit uns reden. Wir zogen den ganzen Tag durch die Zeltstadt und sprachen mit so vielen Arbeitern. Wir hörten von so viele Schicksalen und sprachen auch immer wieder über Politik. Zwischenzeitig besuchten wir auch die Hungerstreikenden die zu diesem Zeitpunkt schon seit sieben Tagen im Hungerstreik waren. Es war erschreckend wie schlecht es diesen Menschen ging, und mich überkam wieder dieses unbeschreibliche immotionale Gefühl. Immer wieder hörten wir "Dann sterbe ich halt hier". Eine Frau berichtete wie sie von der Polizei verprügelt wurde, und wie man Tränengaskartuschen vor ihr Gesicht schoben. Nur weil Sie sich schützend vor Hungerstreikenden Frauen stellte.
Am Abend war ein Fackelmarsch geplant, und man berichtete Uns das heute ein verdammt großes Polizeiaufgebot da ist.Man weiß nicht genau warum, aber es könnte sein das die den Fackelmarsch verhindern wollen. Als es dann soweit war, bekamen wir die Ehre mit unseren Transparent das wir aus Deutschland mit brachten, den Fackelmarsch anzuführen. Vor Uns weg liefen zirka fünf Kamera Teams und ein Dutzend Reporter die ununterbrochen Fotografierten. Pausenlos donnerten die Sprechkore. Wir liefen ca. einen Kilometer kamen an Hundertschaften behelmter Polizisten vorbei, und wurden die ganze Zeit von Zivilen Staatsdienern mit Knopf im Ohr und verstecktem Funkgerät verfolgt.
Wir blieben fast die ganze Nacht bei unsern Freuden, was mich aber belastete war diese Hoffnung und Erwartungen die man an Uns hat, auf der einen Seite möchte man keine Hoffnung zerstören und auf der anderen Seite mussten wir ehrlich sein. Diese Menschen haben den größten Respekt und alle Hilfe die man organisieren kann verdient. Wenn ich alles wieder geben sollte was ich da in zwei Tagen erlebt habe und was ich in den Gesichtern der Streikenden gelesen habe müsste ich ein ganzes Buch verfassen..."
Die Bremer besuchten auch die im örtlichen Gewerkschaftshaus untergebrachten Hungerstreikenden, deren Zustand nach Angaben der Ärzte inzwischen als kritisch gilt. "Keine Arbeit, kein Brot, kein Frieden, lautete ein Motto des Kampfes. Zurück in Bremen beschlossen Gewerkschafter am 27. Februar eine Solidaritätsaktion auf dem Bremer Marktplatz. Ein Zelt wurde aufgebaut, in dem Fotos und Videos aus Ankara gezeigt wurden. Auf großen Transparenten wurde die Solidarität bekundet. Außerdem wurden weitere Unterschriften und Geld zur Unterstützung gesammelt. Mehrere Redner schilderten die Situation für die türkischen Kolleginnen und Kollegen. Die Gruppe "Roter Pfeffer" sorgte mit ihren großen Blechfässern für eine lautstarke und rhythmische Unterstützung. Über die Aktion auf dem Marktplatz berichtete die türkische Zeitung "Hürriyet"; die türkischen Fernsehkanäle Hayat TV, Kanal D und Kanal Star übertrugen direkt in die Türkei. Verglichen mit der Wucht des Protestes in der Türkei hielt sich die Beteiligung aus den Bremer Betrieben allerdings hielt sich in Grenzen. Einer der etwas enttäuschten Aktivisten drückte es so aus: "Wahrscheinlich ist es so, dass deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter erst in die Gänge kommen, wenn die Aktion während der bezahlten Arbeitszeit erfolgt und sie in Bussen der Gewerkschaft auch an der Veranstaltungsort gebracht." werden. Für den 28. Februar hat der Ministerpräsident Erdogan die Räumung des Protestcamps - notfalls auch mit Militäreinsatz - angekündigt.Sönke Hundt




Am Samstag fand in Bremen-Gröpelingen ein Flashmob mit etwa 150 Beteiligten in einem vor kurzem neu eröffneten Schlecker XL-Markt statt. Zu der Aktion hatten das Bremer Bündnis „Wir zahlen nicht für Eure Kriseg und das Mayday-Bündnis aufgerufen. Insgesamt hat es sich bereits um die dritte Schlecker-Aktion seit September gehandelt.
Die Firma Schlecker ist bereits seit langem einschlägig bekannt für niedrige Löhne und miese Arbeitsbedingungen. Schikane und unbezahlte Überstunden sind in vielen Filialen an der Tagesordnung. Jetzt hat das Unternehmen ein Konzept entwickelt, das als Strukturwandel und Image-Überholung daherkommt, in Wirklichkeit aber die Steigerung der Unternehmensgewinne zu Lasten der MitarbeiterInnen zum Ziel hat. Unter dem Namen Schlecker XL werden neue, größere und geräumigere Märkte eingerichtet. Alte Filialen werden geschlossen und die Beschäftigten entlassen. Gleichzeitig werden bei der von Schlecker gegründeten Zeitarbeitsfirma „Meniarg neue MitarbeiterInnen eingestellt – für unter acht statt vorher zwölf Euro pro Stunde. Eine Lohnkürzung um über 30 Prozent also. Weihnachts- oder Urlaubsgeld werden ebenfalls nicht mehr gezahlt. Begründet werden diese Zumutungen mit gesunkenen Umsätzen, dabei ist Schlecker bis heute schuldenfrei. Dass Menschen von solchen Löhnen kaum noch leben können, weiß auch der Konzern, er empfiehlt seinen Beschäftigten deswegen, zusätzlich Hartz IV zu beantragen.
Die Aktion war über Flugblätter sowie über Mailinglisten und Internetplattformen (studiVZ etc.) 10 Tage lang beworben worden. Zudem waren in den Tagen vor der Aktion in den Straßen rund um den Schlecker XL-Markt Flyer in die Briefkästen gesteckt worden, um die GröpelingerInnen zu informieren und zu der Aktion einzuladen – im Übrigen auch deshalb, weil wir bereits bei der Eröffnung des Schlecker-XL-Marktes eine kleine Aktion gemacht hatten und damals auf ausgesprochen positive Resonanz bei den Leuten gestoßen waren.
Wichtig war uns von Anfang an, dass es sich um einen Ausdruck der Solidarität mit den MitarbeiterInnen von Schlecker handeln sollte. Es ging also nicht darum, den Laden zu blockieren, mit Aufklebern zu 'verzieren' oder Sachen mitgehen zu lassen. Im Vordergrund stand vielmehr das Ziel, unserer Ablehnung der Arbeitsbedingungen bei Schlecker Ausdruck zu verleihen, und zwar dort, wo sie sich tagtäglich abspielen, nämlich in einer Schlecker-Filiale selbst. Vor diesem Hintergrund wurde bereits im Aufruf ein expliziter Brückenschlag zwischen Schlecker-Beschäftigten und KundInnen vorgenommen:
„Schlecker XL – Hinter der schicken Fassade steckt ein altes Konzept: Gewinnmaximierung auf Kosten der Beschäftigten. Doch es fehlt ein Faktor in der blau-weißen Neuinszenierung: Wir! Dass unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen immer mieser werden, ist kein Naturgesetz Ob wir uns mit Klopapier im Sonderangebot zufrieden geben, ist unsere Entscheidung. Ob Schlecker und Co. weiter ihre Ruhe haben, liegt in unserer Hand. (c) In diesem Sinne laden wir KundInnen und Beschäftigte, Interessierte und Wütende, Junge und Alte ein zu einem flashmob im Schlecker XL. Wenn unsere Bedürfnisse mit Füßen getreten werden, müssen wir uns zusammentun.g
Konkret war für elf Uhr zu einem Treffen am Klopapierregal in der Schlecker-XL-Filiale in Gröpelingen aufgerufen worden. Zu unserer Überraschung war zunächst keine Polizei zu sehen. Nur einige Sicherheitsmitarbeiter von Schlecker hatten sich in der Nähe des Einganges postiert. Dennoch konnten wir in kleinen Gruppen den Markt problemlos betreten. Mit einer mitgebrachten Mini-Lautsprecheranlage wurde die Aktion sodann eröffnet und kurz erklärt, worum es geht.
Gleichzeitig wurden die Schlecker-MitarbeiterInnen gezielt angesprochen und darüber informiert, dass es sich um eine mit ihnen solidarische Aktion handelte und es uns nicht darum ginge, den Ladenbetrieb aufzuhalten oder den Beschäftigten Unannehmlichkeiten zu bereiten. Die Reaktion war leider sehr verhalten, was aber auch verständlich war, immerhin haben sich VertreterInnen der Geschäftsleitung im Laden aufgehalten. Um so erfreulicher war, dass sich unter die AktivistInnen auch eine Schlecker-Betriebsratsvorsitzende gemischt hatte – natürlich als Privatperson, aber nicht inkognito.
Es bildete sich sofort eine Traube aus ca. 100 Menschen – während draußen ca. 50 weitere Leute standen. Die TeilnehmerInnen waren ausgesprochen gemischt – ungleich gemischter, als das üblicherweise bei Aktionen diesen Zuschnitts der Fall ist: Beteiligt waren gewerkschaftlich Aktive, StudentInnen und SchülerInnen, linke AktivistInnen, VertreterInnen der Partei Die Linke, 'normale' KundInnen, Beschäftigte aus Bremer Betrieben, Erwerbslose etc. Mit Jubel wurde die Ansage begrüßt, gegen die Lohnpolitik protestieren zu wollen, und Sprechchöre schallten durch den Laden: „Schlecker XL – ein Negativmodellg etc..
Die Security-Mitarbeiter von Schlecker versuchten einzuschreiten und die Megaphondurchsagen zu beenden, ließen sich aber durch das entschlossene Weiterführen der Aktion verunsichern. Nach einer Besprechung mit einer Vorgesetzten wurden wir dann vom Sicherheitspersonal nicht weiter behelligt, und die Aktion konnte ungestört weitergehen. Weitere AktivistInnen mit Transparenten und Plakaten wurden allerdings nicht mehr in den Markt gelassen. Der Einlass einer Teilnehmerin im Eselskostüm und mit Schild konnte dagegen zur Freude der TeilnehmerInnen durchgesetzt werden („Bremer Stadtmusikanten gegen beschissene Arbeitsbedingungeng).
Anstatt vorbereiteter Redebeiträge wurde den AktionsteilnehmerInnen im Rahmen eines offenen Mikrofons sodann die Gelegenheit gegeben, von ihren eigenen Erfahrungen mit Krise, Lohnkürzungen und Sozialabbau zu berichten. Eindrücklich schilderte z.B. ein Gewerkschaftsaktivist, wie sich bei dem Bremer Unternehmen „mdexxg Widerstand gegen die gerade ausgesprochene Kündigung von 200 MitarbeiterInnen formiert. Auch VertreterInnen des „Komitees Gesamthafenbetriebsvereing in Bremerhaven, die derzeit massivem Stellenabbau und Lohnkürzungen ausgesetzt sind, berichteten von ihrem Kampf und sprachen den Schlecker-Beschäftigten ihre Solidarität aus (vgl. hierzu die Webseite des Komitees: www.wirsindderghb.de.vu)
KundInnen, die während der Aktion im Schlecker-Markt einkauften, äußerten sich nach unserer Beobachtung überwiegend positiv. Viele bekundeten Sympathie und Zustimmung gegenüber den Forderungen des Flashmobs. Die Aktion im Schlecker wurde nach etwa einer halben Stunde beendet. Die Teilnehmenden sammelten sich anschließend vor dem Markt, von dem aus dann eine spontan angemeldete Demonstration durch Gröpelingen zog. Auch diese wurde von PassantInnen überwiegend wohlwollend aufgenommen.
Insgesamt sind wir mit dem Verlauf der Aktion äußerst zufrieden. Es ist uns gelungen, laut und deutlich auf die brutale Geschäftspolitik von Schlecker und anderen Einzelhändlern hinzuweisen. Auch die im Vorfeld diskret eingeladene Presse war zahlreich vor Ort – mit guten Berichten in den Abendnachrichten des dritten Programms: www.radiobremen.de/mediathek/index.html; sowie in der Sonntagsausgabe des Weserkuriers). Diese Aktion war aber weder der Anfang noch das Ende unserer Aktivitäten zu Schlecker und anderen Einzelhändlern. Denn natürlich ist Schlecker nur ein Beispiel von vielen. Und die Zumutungen sind nicht auf schikanöse Arbeitgeber begrenzt: Die neue schwarz-gelbe Bundesregierung plant munter Steuerentlastungen für Gutverdienende und Unternehmer, während Geringverdienende durch höhere Abgaben (z.B. durch die Umstrukturierung des Gesundheitswesens) belastet werden sollen. Auch in Zukunft werden wir Widerstand gegen eine Politik leisten, die darauf zielt, von unten nach oben umzuverteilen und die Krise dazu nutzt, Lohnkürzungen und den Abbau sozialer Sicherung durchzusetzen. Protest und Widerstand sind nötig und möglich!
Mehr Infos unter: www.mayday-bremen.de und www.kapitalismuskrise.org/bremen
Christian Homuth – Avanti Bremen