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7000 zur 1.-Mai-Kundgebung auf dem Domshof

Das etwas unklare oder bewusst doppeldeutige Motto des DGB für die diesjährige 1. Mai-Kundgebung lautete: "Wir gehen vor". Schon auf dem festlichen "Mahl der Arbeit" in der oberen Rathaushalle am Abend vorher hatte sich die neue DGB-Vorsitzende der Region Elbe-Weser des DGB, Anette Düring etwas verhaspelt und sprach von "Wir gehen voran". Das meinten mit Sicherheit die laut rd. 7000 Teilnehmer an der traditionellen Demonstration vom Osterdeich zum Domshof und auf der folgenden Kundgebung.

Neben den Einzelgewerkschaften, Gruppierungen und Parteien war auch DIE LINKE wieder mit ihren Regenschirmen, Fahnen und Transparenten sehr präsent. Besonders auffällig die schwarzen und eingerissenen Regenschirmen mit dem Aufdruck "Leiharbeit".

Hauptrede von Ulrich Thöne, GEW-Bundesvorsitzender

Die Hauptrede auf dem Domshof, nach der Begrüßungsrede von Anette Düring,  hielt der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne. Er plädierte für einen "echten Aufbruch in der Bildungsrepublik Deutschland" und forderte entsprechend von der Bundesregierung, die öffentlichen Bildungsausgaben deutlich zu erhöhen. Statt bis zu 60 Mrd. Euro jährlich aufzubringen, wie ursprünglich auf dem Dresdener Bildungsgipfel zugesagt, wäre die Summe auf 13 Mrd. Euro eingedampft worden.

Zu Beginn seiner Rede ging Ulrich Thöne - wegen der Aktualität - auf die Griechenland-Kredit-Krise ein und sagte u.a. unter großem Beifall:

"Die griechische Schuldenkrise wurde durch die Spekulation auf den internationalen Finanzmärkten angeheizt und hat diese noch verstärkt. Griechenland befindet sich in Geiselhaft der Finanzmärkte. Seit einem halben Jahr zocken Hedge-Fonds und Investmentbanken mit so genannten Kreditausfallversicherungen auf eine Pleite Griechenlands. Sie machen weiter wie eh und je! Auch deswegen muss Athen jetzt für neue Kredite 10% und nicht 5% Zinsen zahlen. Diese Extraprofite der Finanzmarktakrobaten bezahlen die griechischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, unsere Kolleginnen und Kollegen. Und alles nur, weil mehrere europäische Regierungen es versäumt haben, dass Europa schnell und effektiv handelt. Die Zeit, die so verloren wurde, haben die Spekulanten dankbar genutzt - zum Schaden Griechenlands und zum Schaden aller Euro-Länder. Und damit zum Schaden von uns....

Wieso attackiert eigentlich niemand die Banken und Beratungsfirmen, die der griechischen Vorgänger-Regierung geholfen haben, die Zahlen zu fälschen und die EU-Kommission zu belügen? Das sind doch dieselben, die heute mit ihren Spekulationen die Zinsen für die Griechen nach oben treiben und uns alle dafür wieder zahlen lassen wollen! Warum machen Regierungen weiter Geschäfte mit denen und setzen sie nicht auf eine schwarze Liste? Warum wird nicht stärker offen gelegt, wer aktuell - wie viel - an der Krise Griechenlands verdient und sich die Säckel füllt? Transparenz statt Volksverdummung, Kolleginnen und Kollegen! Das ist das Gebot der Stunde!" (die ganze Rede von Ulrich Thöne hier)

Betriebsräte von Becks, Gestra und Karstadt

Die größte Aufmerksamkeit und den lautesten Beifall aber erhielten die Betriebsräte aus den Unternehmen Inbev (früher Beck & Co), Gestra und Karstadt.

Der Vertreter von Becks:
"Das ist einfach pervers, was hier abgeht. Wer ist es denn, der diese Gewinne erwirtschaft? Wer stellt denn diese Produkte mit seiner Arbeitskraft her? Und wer verkauft diese Produkte denn auch noch? Und das mit Jahr zu Jahr weniger Geld in der Tasche. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das sind wir. Ohne uns würde nicht ein Manager sein Gehalt und erst recht nicht seine Boni-Zahlungen bekommen. Und von diesen Gierhälsen werden wir Mitarbeiter nicht einmal mehr als Menschen behandelt. Sondern als Kostenstellen auf zwei Beinen! ... Was ist denn das für eine Welt, in der ein Familienvater über 40 Stunden die Wiche arbeiten geht und davon noch nicht einmal seine Familie ernähren kann, sondern noch beim Staat betteln gehen muss. Die Leiharbeitsgesetze ermöglichen nur noch ein modernes Sklaventum. Löhne von unter 5 Euro sind mittlerweile völlig normal."

Sabine Dziadek von Karstadt

Es wurde regelrecht still auf dem Domshof, als die Betriebsratsvorsitzenden von Karstadt in Bremen, Sabine Dziadek, anfing, von den jüngsten Ereignissen aus ihrem Betrieb zu berichten.

"Wir leben bei Karstadt seit langem unter den Bedingungen einer drohenden Insolvenz. Wir stehen morgens auf und schlafen abends ein mit den Gedanken und Sorgen: wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter und wenn, wie lange noch? Und gleichzeitig geben wir jeden Tag gegenüber den Kunden unser Bestes. ... Ja, es zermürbt. Und immer häufiger werden unsere Kolleginnen und Kollegen von den Vermietern und Banken angesprochen: wie lange geht es denn noch mit karstadt... Und trotz allem haben wir die Hoffnung nie aufgegeben, dass Karstadt eine Zukunft hat. Wir, die Beschäftigten, haben es überhaupt erst ermöglicht, dass Karstadt diese schwierigen Zeiten überhaupt bis jetzt überstanden hat. Seit sechs Jahren verzichten wir auf wesentliche Teile des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes und weiterer Leistungen. Die Beschäftigten haben mit Einsparungen von über 1 Milliarde Euro, ja ihr habt richtig gehört, über 1 Milliarde Euro zum Überleben den wesentlichen Beitrag geleistet. Währen sogenannte Spitzenmanager für Schlechtleistungne Millionen eingesteckt haben. Für Herrn Eich waren es z.B. für drei Monate Arbeit schlappe15 Millionen. In welcher Republik leben wir, wo so etwas möglich ist?...

Jetzt haben wir seit einer Woche einen Investor, der uns kaufen will. Einen skandinavischen Investor. Das war für uns alle eine gute Nachricht. Die schlechte und bittere Nachricht ist, dass er den Einstieg bei Karstadt an Bedingungen knüpft, die aus unserer Sicht zumindest teilweise schwer erfüllbar sind. Wir sollen dauerhaft auf tarifliche Leistungen verzichten. In der Investorensprache heißt das: wir haben inflexible Vergütungsstrukturen."

Außerhalb der Reden von der Rednertribüne geschah sonst natürlich auch sehr viel. Denn der 1. Mail ist traditionsgemäß die Gelegenheit zum Reden, Trinken, Essen usw. Aber: Bilder sagen mehr als 1000 Worte. Deshalb hier noch eine Fotogalerie vom 1. Mai 2010.
Sönke Hundt

Fotogalerie hier