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6. August 2010

Gedenken an Hiroshima und Nagasaki

Traditionell: das Peace-Zeichen aus Blumen
Dr. Lars Pohlmeier
Gerhard Kromschröder

Am Freitag, den 6. August, jährte sich der Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima zum 65. Mal. Das Bremer Friedensforum , die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, IPPNW und die Initiative "Nordbremer gegen Krieg" hatten um 12 - 13 Uhr zur traditionellen Mahnwache auf dem Bremer Marktplatz aufgerufen. Es kamen nach und nach immer mehr Menschen mit Blumen, die zum Peace-Zeichen auf das Pflaster gelegt wurden.

Eva Böller vom Friedensforum führte durch die Veranstaltung, zu der sich ungefähr 200 friedensbewegte Menschen eingefunden hatten. Der erste Redner war Dr. Lars Pohlmeier, der als Arzt in Brinkum praktiziert und zur Zeit interim-Europa-Präsident des IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) ist. Die IPPNW ist Friendesnobelpreisträger von 1985. Lars Pohlmeier berichtete aktuell von seinen Eindrücken von der großen vierwöchigen NGO-Vorbereitungskonferenz im Mai 2010 in New York. Hier waren mehr als 1500 Menschen aus mehr als 30 Ländern aus vielen Organisationen der internationalen Friedensbewegung zusammengekommen. Ihr gemeinsames Ziel: die Beeinflussung der Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrages.

Der Generalsekretär der UN, Ban Ki-Moon war persönlich zu dieser NGO-Konferenz gekommen, um sich mit einem leidenschaftlichen Appell für die Abschaffung von Atomwaffen mit konkreten und verbindlichen Terminen auszusprechen. Lars Pohlmeier bereitete diese Rede eine "Gänsehaut", wie er sagte. In den vier Wochen der NGO-Konferenz wäre auch sehr viel erreicht worden: nämlich die Perspektive einer Atomwaffenkonvention, die überprüfbar und in einem bestimmten Zeitraum die Abschaffung von Atomwaffen regeln solle. Und das, so Lars Pohlmeier, wäre erstmalig so benannt worden.

Die Enttäuschung wenige Tage später bei der offiziellen 7. Staatenkonferenz zur Überprüfung des Nichtverbreitungsvertrages war allerdings groß und die Ergebnisse mehr als mager. Die Notwendigkeit eines rechtlichen Rahmens zur Abschaffung aller Atomwaffen wurde zwar anerkannt. Aber die Atomwaffenstaaten USA, Großbritannien, Frankreich, Indien und Pakistan blockierten - mit Ausnahme von China - mit Erfolg einen Konsens zur Festlegung von konkreten Fristen. Besonders enttäuschend auch, dass die Frage der Stationierung von Atomwaffen auf einem atomwaffenfreien Territorium wie Deutschland gar nicht mehr behandelt wurde. Die Rede von Lars Pohlmeier hier.

Gerhard Kromschröder war der zweite Redner. Er ist besonders bekannt geworden durch seine Berichte und Fotos, die er für den "Stern" während des ersten Krieges gegen den Irak aus Bagdad lieferte. Er war zu der Zeit der einzige deutsche Journalist während der Bomben- und Raketenangriffe, der in Bagdad geblieben war.

Kromschröder erinnerte zuerst und mit ganz nüchternen Sätzen an das, was vor 65 Jahren den Menschen in den Städten Hiroshima und Nagasaki angetan worden war. "An diesem Freitag vor 65 Jahren, heute früh um Viertel nach acht Ortszeit - hier bei uns war es kurz nach Mitternacht - wird über Hiroshima die erste militärisch eingesetzte Atombombe gezündet. Ein gigantischer Feuerball mit einer Innentemperatur von einer Million Grad Celsius spülpt sich über die japanische Stadt, fegt mit einer Hitzewelle von 6.000 Grad durch die Straßen, kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, im Explosionszentrum sind 90 Prozent der Menschen auf der Stelle tot, mindestens 70.000 sind es, viele von ihnen verdampfen buchstäblich, oft bleiben von ihnen nur Schattenrisse, die der Atomblitz in die Hauswände brennt."

Als Journalist und Fotograf ging Gerhard Kromschröder im folgenden insbesondere auf die medialen Strategien der Gehirnwäsche und Verdummung ein. Kriege würden "Friedensmissionen", zivile Tote werden zu "Kollateralschäden", zerfetzte Menschen schließlich würden zu "gefallenen Helden".

Kriegsmarketing - das wäre immer mehr das Geschäft der Militärs, um das tatsächliche Geschehen in der Schlacht der Worte und der Bilder systematisch in Lügen umzuwandeln. Vor allem der Wirkung der Bilder könne sich kaum jemand entziehen.

"Obwohl wir doch eigentlich die Funktionsweise solcher Bilder kennen sollten", so fragte Kromschröder, "warum lassen wir uns dennoch immer wieder von ihnen einnehmen, warum gehen wir dieser visuellen Kriegs-PR immer wieder auf den Leim? Wahrscheinlich liegt es daran, dass es sich eben um Fotos handelt, also um Abbildungen, denen wir in besonderem Maße die Autorität der Objektivität einräumen." Das hier gezeigte Ereignis, so suggeriere das Bild, habe sich real und tatsächlich genau so zugetragen und keinen Deut anders, haarklein so, wie es sich auf der Fotografie darbiete. Und diesen Vertrauensvorschuss der ungeschminkten, minutiösen Wirklichkeitsabbildung räumten wir in besonderem Maße der Pressefotografie ein - ein oft trügerischer Schluss."

Kriegsmarketing ist schon alt. Es habe schon bei den Atombombenabwürfen seine fürchterliche Rolle gespielt. Schließlich wäre die erste Bombe auf Hiroshima "Little Boy" und die zweite auf Nagasaki "Fat Man" genannt worden. Gerade so, als ob es sich um Figuren aus einem Comic gehandelt hätte. die ganze Rede hier

Als Abschluss dieser Gedenkveranstaltung las Jens Volker Riechmann das Gedicht von Marie Luise Kaschnitz von 1957 vor.

HIROSHIMA (1957)
Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hundertausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstandene aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.

Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, daß sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergesssens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

Sönke Hundt

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