Der vermutlich letzte Castortransport hat das Zwischenlager in Gorleben
erreicht - doch was wird jetzt aus der Protestbewegung, die dort im
Laufe der Jahre entstanden ist? Ein Gespräch mit dem
Kulturwissenschaftler Klaus Schönberger.
Matthias Hanselmann: Gestern Abend hat der vermutlich letzte
Castortransport das Zwischenlager Gorleben erreicht, nachdem - man muss
sagen - Tausende von Demonstranten von den Gleisen getragen werden
mussten oder, die sich einbetoniert hatten, befreit werden mussten.
Damit verliert jetzt auch eine jahrzehntelange Kultur von Widerstand
und Protest ihren Gegenstand.
Was passiert jetzt? Geraten die Wutbauern und Wutbürger aus dem
Wendland und die Masse derer, die jeweils zum Tag X angereist sind, in
eine Identitätskrise? Gelingt es Gorleben, sich jenseits der Proteste
neu zu erfinden oder wird man zwangsläufig zu einer Art, sagen wir
Museum des Widerstands? Wir sprechen mit dem Kulturwissenschaftler und
Protestforscher Klaus Schönberger. Guten Tag, Herr Schönberger!
Klaus Schönberger: Guten Tag!
Hanselmann: Nach dem vermutlichen Ende der Castortransporte, erst mal:
Welche Rolle hat denn der jahrzehntelange Widerstand für den Ort und
die Region gespielt?
Schönberger: Na ja, das kann man ja in der Allgemeinheit nicht sagen,
weil natürlich auch das Wendland an sich eine differenzierte soziale
Entität gewesen ist, das heißt, ich würde mir nicht getrauen für die
gesamte Region oder für den gesamten zu sprechen, aber für bestimmte
Aspekte und Darstellungen der Wahrnehmung, der medialen Wahrnehmung,
war natürlich das gallische Dorf an der Grenze sozusagen, diejenige
Fantasie, die vorgeherrscht hat.
Und da müsste man sich schon noch mal vor Ort genauer angucken, wer
daran tatsächlich beteiligt war und wer nicht. Und was klar ist, die
Medien verlieren zunächst mal ihr Bild vom Wendland. Was dann dort
tatsächlich stattfindet, das werden wir sehen, da haben nämlich schon
immer sehr unterschiedliche Dinge stattgefunden, und es gab auch
unterschiedliche Positionen.
Aber was natürlich schon richtig ist, was Sie sagen, ist, man verliert
eine Projektionsfläche und man verliert einen Ort, man verliert
sozusagen das Bild vom rebellischen Wendland unter Umständen. Das
werden wir sehen natürlich auch, inwieweit die Entwicklung jetzt
tatsächlich in diese Richtung geht, die Sie beschrieben haben, ob es
nicht an einer anderen Stelle dann doch wieder Entscheidungen gibt, die
dann auf ähnliche Kulturen treffen werden. Wir werden sehen.
E ist vielleicht auch viel zu einfach zu sagen, es gibt diese Kultur
des Wendlands - Gorleben war für die gesamte Antiatombewegung das,
sozusagen der Ort, an dem sich die Aktivitäten gebündelt haben und an
dem dann tatsächlich eine veritable und sichtbare Widerstandstätigkeit
aufgetreten ist. Insofern ist dann natürlich die Frage, welchen Weg die
Anti-AKW-Bewegung insgesamt gehen wird. Wird sie sozusagen an einem Ort
gebunden sein oder wird sie sich in einer anderen Weise organisieren
müssen, wie sich das sowieso schon abzeichnet insgesamt für die
Protestbewegung? Ich weiß es nicht, ich kann da auch nur spekulieren
und Vermutungen anstellen, und wir werden sehen.
Link zum Text des ganzen Interview
Quelle: Website Deutschlandradio Kultur, 30.11.2011