Die Deutschen sind mehrheitlich gegen den Krieg am Hindukusch. Das ehrt sie. Das gilt aber nicht für die Mehrheit der deutschen Medienleute. Sie streiten zumeist tapfer für diesen Krieg, denn es gibt ja Wichtiges dort zu erledigen: den zivilen Aufbau weiterzubringen, die Demokratie einzuführen, die Frauen von der Vorherrschaft des Patriarchats zu befreien – und nicht zuletzt das Land vom Terrorismus zu säubern. Klingt gut. Nur, wenn das die wirklichen Kriegsgründe wären, müssten die NATO-Truppen aber auch gleich in siebzig, achtzig oder sogar neunzig weitere Länder einrücken, weil es dort ähnlich Defizite gibt. Strategische Gründe für den Krieg – Vorherrschaftsstreben der USA vom Nahen bis zum Fernen Osten oder die Absicherung von Ressourcen – werden von deutschen Journalisten selten genannt, eine solche Argumentation ist wohl zu abstrakt und schwer verständlich, um sie dem großen Publikum zumuten zu können.
Und die Terroristen? Die haben sich ganz offensichtlich längst aus Afghanistan in andere Länder abgesetzt, sind dort untergetaucht und bilden kleine Zellen, denen militärisch mit großen Armeen oder Luftwaffen gar nicht beizukommen ist. Und die Taliban? Sie waren in den achtziger Jahren Verbündete der USA, hießen damals Muhadschedin und bekamen, als der Feind Sowjetunion hieß, ihre militärische Ausbildung und ihre Waffen direkt vom Pentagon und dem CIA. Das macht sie nicht sympathischer, nimmt ihnen aber viel von der Dämonisierung, mit der sie vom Westen heute behandelt werden.
Aber noch einmal zurück zu den Terroristen. Der Anschlag auf die World Trade Center am 9.11. 2001 in New York war schlimm. Zweifellos. Aber könnte es nicht sein, dass Amerika auch etwas zum Entstehen dieser Gewalt-Seuche beigetragen hat – etwa auf die Weise, wie sie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy beschrieben hat? Sie fragte: „Wer ist Osama bin Laden?“, und gab selbst die Antwort: „Bin Laden ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten [damals noch George W. Bush]. Der brutale Zwilling alles angeblich Guten und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet wurde, durch ihre Kanonenboot-Diplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte Politik der unumschränkten Vorherrschaft, ihre kalte Missachtung aller nicht-amerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen, ihre Unterstützung für despotische und diktatorische Regimes, ihre wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Länder gefressen haben. Ihre marodierenden Multis, die sich die Luft aneignen, die wir einatmen, die Erde, auf der wir stehen, das Wasser, das wir trinken, ja sogar unsere Gedanken." (FAZ 28.9.2001)
Übrigens: Die weit verbreitete These, dass der Krieg der USA gegen den islamischen Terrorismus erst nach der Attacke auf die Twintowers begonnen habe, ist nicht korrekt. Der palästinensische Intellektuelle Edward Said, der damals in den USA als Hochschullehrer arbeitete, hat im Jahr 1996 (!) einen Aufsatz mit dem Titel „ Die Kampagne gegen islamischen Terror“ geschrieben (veröffentlicht in seinem Buch „Das Ende des Friedensprozesses. Oslo und danach“). Darin schildert er detailgetreu, wie Amerika schon damals seinen Feldzug gegen den Islam – offiziell war von „islamischem Fundamentalismus“ die Rede – plante. Said schrieb: „Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat in den Vereinigten Staaten eine aktive Suche nach neuen Feinden eingesetzt, eine Suche, die sich nun auf den „Islam“ als eigens stilisierten Gegner eingestimmt hat.
Said schrieb weiter, dass die „Washington Post“ schon 1991 die Nachricht durchsickern ließ, dass man im Pentagon und in US-Geheimdienstkreisen den Islam als „neuen Feind“ ausgemacht habe und gegen ihn eine Strategie ausarbeite. Wobei man – vor allem in den Medien – Islam mit Terror gleichgesetzt habe. Allein das Wort „islamisch“ habe schon damals den „abschreckenden Beigeschmack eines bedrohlich, irrationalen Ungeheuers erworben“. Aber nirgendwo habe sich ein Hinweis darauf gefunden, dass der Westen Jahrhunderte lang auf die eine oder andere Weise gegen die Interessen der islamischen Staaten und Völker verstoßen habe. In diesen Zusammenhang gehörte als ideologische Unterstützung natürlich auch Samuel Huntingtons populäre These vom Zusammenstoß der Zivilisationen, die auf einer Kriegerklärung gegenüber allen Kulturen beruht, die nicht die westlichen Werte teilen.
Amerika-Kenner wissen es seit langem, der Drang von „Gods own country“, seine Sendung zu erfüllen und die Welt zu erlösen, ist ungebrochen. Dieses Sendungsbewusstsein hat seinen Ursprung in einer säkularisierten Geschichtstheologie des 18. Jahrhunderts. Soll heißen: Amerika, das sich von Anfang an als Inbegriff der Freiheit verstand, produziert bei Bedarf für sich selbst die notwendigen Feindbilder. Seine Kriege sind immer die Gegenüberstellung eines guten und eines bösen Weltprinzips (so der Amerikanist Detlef Junker) – wobei die USA natürlich stets das „Gute“ verkörpern. Und so waren die Feinde, die man bekriegte, zuerst die Indianer, dann England, dann die Spanier und Mexikaner, später die Deutschen, die Japaner, Russen, Chinesen, Nordvietnamesen und die Iraker, heute die Taliban – und morgen die Iraner?
Und was haben „wir“ damit zu tun? Deutschland ist als Staat offensichtlich doch nicht so souverän oder frei, wie viele vielleicht glauben. Aus Amerikas großem Schatten können wir uns – und viele andere auch – nicht so einfach und folgenlos lösen. Wenn der frühere Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) einmal ganz ernsthaft gesagt hat, dass unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt werde, dann wird klar, wie sehr auch Deutschland schon ins sendungsbewusste ideologische Fahrwasser der USA geraten ist. Nur, auch Amerikaner können irren. So bezeichnete der frühere amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara den Vietnamkrieg, den er selbst militärisch ausführte, später als „furchtbaren Irrtum“, als den „absurdesten Krieg“, den Amerika je geführt habe. Müssen „wir“ bei jedem Krieg, den „wir“ künftig mitführen müssen, auch auf so späte Einsicht von Ministern warten?