DIE LINKE. Bremen
Im Koalitionsvertrag wird ein neuer Schulentwicklungsplan für die Stadtgemeinde
Bremen angekündigt. Er soll bis zum Frühjahr 2008 „zügig unter Einbeziehung der fachlich Betroffenen und mit externer Unterstützung“ erarbeitet werden. Wer einen neuen Plan machen will, sollte die vorangegangenen Pläne kennen und analysieren, was aus ihnen geworden ist. Deshalb wird hier im ersten Teil ein kurzer Überblick über die hoffnungsvolle Entstehung und anschließende Stagnation des Bremer Stufenschulsystems gegeben. Im zweiten Teil folgt eine Beschreibung der offensichtlichsten Fehlentwicklungen der letzten Jahre. Zum Schluss werden einige Vorschläge gemacht, an welchen Prinzipien sich ein neuer Plan orientieren sollte.
I. Was die große Koalition vorfand
Bremen als Vorreiterin einer integrativen Schulentwicklung (1975 – 1983) 1970 hatte der Deutsche Bildungsrat die Umwandlung der dreigliedrigen westdeutschen Schulstruktur in ein integriertes Stufenschulsystem gefordert. Diese Empfehlung berücksichtigte die internationale Entwicklung und sollte eine „Ausschöpfung der Begabungsreserven“ ermöglichen. In Bremen wurde der bundesweit konsequenteste Versuch gestartet, den Strukturplan des Bildungsrats umzusetzen. Das Schulgesetz von 1975 sah in seinem § 3 ein „integriertes Gesamtsystem“ vor. Kern war dabei die Bildung von Sek. I – Zentren mit der Orientierungsstufe als integrierter Eingangsphase. Später sollte die Integration der Jahrgänge 7 – 10 folgen. Darauf aufbauend wurden Sek. II – Zentren gegründet, die zur Integration von beruflicher und allgemeiner Bildung dienen sollten.
Der Stillstand der Reform (1983 – 1993)
Da die bundesweite Entwicklung zur Stufenschule scheiterte (insbesondere nach dem CDU-Volksbegehren gegen die „Koop-Schule“ in NRW) und auch in Bremen konservative Kräfte den Bestand eines isolierten gymnasialen Bildungsganges zäh verteidigten, wurde die Integration der Sekundarstufe I seit 1983 nicht mehr vorangetrieben. Unter der Überschrift der „Konsolidierung“ entstand ein Schulsystem im labilen Gleichgewicht: 30 Sek. I – Zentren standen drei Gesamtschulen und zwei isolierte Gymnasien als überregionales Wahlangebot gegenüber. Sie dienten als „Ventil“ für diejenigen Teile der Elternschaft, denen die Teil-Integration im Schulzentrum (OS mit anschließender Aufteilung nach Schularten) nicht weit genug oder zu weit ging.
Seit Ende der 80er Jahre gab es vermehrte Initiativen von „links“ und „rechts“, die einerseits eine Umwandlung von Schulzentren in Gesamtschulen (Integrierte Stadtteilschulen), andererseits die Wiedergründung isolierter Gymnasien forderten. Mit der Ampelkoalition von 1991 waren beide Strömungen auch stärker in der Landesregierung repräsentiert. Man einigte sich auf die Einsetzung einer Schulreformkommission.
Problemanalyse und Empfehlungen der Klafki-Kommission (1993)
Die Schulreformkommission legte die ungelösten Probleme der „konsolidierten“ - d.h. unvollendeten – Bremer Schulreform offen: Die Sek. I – Zentren waren als Übergangsmaßnahme zur flächendeckenden Integration der Sekundarstufe I geplant worden. Als Dauererscheinung war ihr entscheidender Nachteil, dass sie für die SchülerInnen einen doppelten Lerngruppenwechsel nach Klasse 4 und Klasse 6 vorsahen. Außerdem begünstigten sie die Tendenz, SchülerInnen vom Gymnasium zur Realschule und von der Realschule zur Hauptschule zurück zu stufen, da alle drei Schularten im selben Gebäude vorhanden waren.
Trotz dieser Mängel sah die Kommission „keinen begründeten Anlaß dafür, eine
prinzipielle Revision der Grundstruktur des Schulaufbaus, nämlich des Stufenprinzips, zu empfehlen. Dieses Prinzip entspricht grundsätzlich dem demokratischen Erfordernis, jedem Kind und Jugendlichen günstige Lern- und Förderungsmöglichkeiten zu bieten.“ Die Kommission empfahl insbesondere, die Kooperation zwischen den Schulstufen vor Ort zu verbessern, um durchgängige Bildungsgänge zu ermöglichen. Die flächendeckende Integration der Sekundarstufe I hielt sie für „kurzfristig“ nicht durchsetzbar, stellte aber fest: „Vielmehr soll die integrierte Gesamtschule in Bremen als mögliche und pädagogische Langzeitperspektive festgehalten werden.“ Dabei sollte die Initiative zur Integration von den einzelnen Schulen ausgehen.
Außerdem sprach sich die Kommission gegen eine Auflösung der Schulbezirksgrenzen aus, weil hierdurch eine soziale Entmischung zu befürchten sei. Vielmehr sollte die Wahlfreiheit zwar erweitert, bei der Aufnahme aber das Wohnortprinzip an die erste Stelle gesetzt werden.
II. Was die große Koalition hinterlässt
Die zunehmende Aushöhlung des Schulsystems (1995 – 2003) Das mit großem Aufwand angekündigte aber politisch unbequeme Gutachten wurde sofort nach seinem Erscheinen ad acta gelegt. Schon in der Ampelkoalition hatte die FDP durchgesetzt, dass die Zahl der isolierten Gymnasien von zwei auf vier erhöht wurde. Gleichzeitig wurde drei Schulzentren gestattet, sich in Integrierte Stadtteilschulen (IS) umzuwandeln. Von 1995 bis 2000 gründete die Große Koalition drei weitere isolierte Gymnasien. Hierdurch gerieten die Schulzentren in eine immer kritischere Lage, da ihr Anteil an den SchülerInnen mit Gymnasialempfehlung immer kleiner wurde. Obwohl 1999 den sieben Gymnasien immerhin noch 28 Schulzentren gegenüber standen, besuchte mehr als ein Drittel der GymnasialschülerInnen (36%) bereits wieder ein isoliertes Gymnasium.
Problemverschärfend wirkte sich der drastische Abbau von LehrerInnenstellen aus. Er geschah vor allem zu Lasten der integrierten Systeme: Der bis dahin eingehaltene Grundsatz, dass Integration durch die Zuweisung von Lehrerstunden gefördert
werden muss, wurde aufgegeben. Die Frequenzen in der Orientierungsstufe und den Gesamtschulen wurden am massivsten erhöht. Die Wiedereinführung des selektiven Schulsystems ab Klasse 5 (2004)
Nachdem Ministerpräsident Gabriel in Niedersachsen die Abschaffung der Orientierungsstufe verkündet hatte, verstärkte auch die CDU in Bremen den Druck, diesem Beispiel zu folgen. Die Veröffentlichung des Bremer PISA-Ergebnisses war der willkommene Anlass, eine grundsätzliche Revision der bisherigen Bremer Schulpolitik zu verkünden. Mit dem Schulgesetz von 2004 wurde die Orientierungsstufe aufgelöst. Gleichzeitig wurde die Wahlfreiheit der Schulart und des Schulstandortes nach der vierten Klasse verkündet. Real- und Hauptschule wurden bis zur 8. Klasse zur Sekundarschule zusammengefasst. Die Schulzeit im Gymnasium wurde von 9 auf 8 Jahre verkürzt, so dass nebeneinander ein „Gymnasialabitur“ nach 12 Jahren und ein „Gesamtschulabitur“ nach 13 Jahren entstanden.
Chaos, Konkurrenz und ungelöste Grundprobleme
Die schulpolitischen Entscheidungen der Großen Koalition haben nicht nur zu einer extremen Unübersichtlichkeit des Bremer Schulsystems geführt, sondern auch zu großer Instabilität und ausgeprägter Schizophrenie der Anforderungen.
Dass die von der Großen Koalition bewerkstelligte Zerschlagung des Stufenschulsystems Bremen dem vorgegebenen Ziel – der Verbesserung der PISAErgebnisse – auch nur einen Schritt näher bringt, muss mit Fug und Recht bezweifelt werden. Als Indiz kann gelten, dass Hamburg, das sich seit 30 Jahren eines Schulsystems erfreut, wie es in Bremen gerade etabliert wurde, das zweitschlechteste Ergebnis erzielt. Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger und der Kinder mit Migrationshintergrund ist dort übrigens nach Bremen am zweithöchsten, was auf eine hohe Korrelation zwischen diesen Werten und den Testergebnissen hinweist.
III. „Eine Schule für alle“ oder „Zwei-Säulen-Modell“?
Das Bundesland und insbesondere die Stadtgemeinde Bremen befindet sich in einer absurden Situation: In ganz Deutschland wird das nächste Jahrzehnt von schulpolitischen Veränderungen geprägt sein. Selbst die CDU muss inzwischen eingestehen, dass die Hauptschule keine Perspektive mehr hat. Die entscheidende Frage in der zukünftigen Schulentwicklung wird sein, ob es zu einem „Zwei-Säulen- Modell“ aus Gymnasium und Gesamtschule (in Großstädten wie Bremen im Verhältnis 50:50) oder zu einer gemeinsamen Schule für alle Kinder und Jugendlichen bis zur 10. Klasse kommt. Noch vor fünf Jahren hätte die Bremer Schullandschaft die bundesweit besten Möglichkeiten geboten, den zukunftsweisenden Weg zu einem integrierten System zu gehen. Durch die Politik der Großen Koalition sind die zu lösenden Fragen jetzt weit schwieriger geworden.
Ohne eine systematische, Integration bewusst fördernde Bildungspolitik wird sich in Bremen „naturwüchsig“ das von der CDU und von Teilen der SPD favorisierte Zwei- Säulen-Modell durch setzen. Ein solches „Hineinstolpern“ in ein zweigliedriges Schulsystem ist für die längerfristige gesellschaftliche Entwicklung fatal: Es begünstigt und verstärkt die Spaltung in „Modernisierungsgewinner“ und „Modernisierungsverlierer“, statt ihr entgegen zu wirken. SPD und Grüne in Bremen werden sich in dieser Legislaturperiode entscheiden müssen, ob sie einer solchen Entwicklung durch Formelkompromisse und faktische Untätigkeit Vorschub leisten oder ob sie die Instrumente einer integrativen Schulpolitik entwickeln wollen.
Trotz der restaurativen Politik in den letzten 12 Jahren stehen in der Stadtgemeinde Bremen den sieben isolierten Gymnasien immer noch 21 Schulzentren und 13 Gesamtschulen gegenüber. Der Zug zu einer integrativen Entwicklung ist also noch nicht ganz abgefahren. Es geht zunächst darum, Maßnahmen zu finden und zu ergreifen, die die Desintegration stoppen. Die Klafki-Kommission hat aufgezeigt, dass Integration nur dann gelingt, wenn sie von unten getragen wird. Es reicht also nicht, die administrativen Rahmenbedingungen zu schaffen. Materielle Unterstützung und Fortbildung sind mindestens ebenso wichtig.
Administrativ sind folgende Regelungen geboten:
Materiell geht es in erster Linie um den Grundsatz, dass integrative Arbeit durch die Zuweisung von Lehrerstunden gefördert wird. D.h.: Planungsstunden und Senkung der Klassenfrequenzen für alle Schulen, die auf eine gemeinsame Schule bis zur 10. Klasse hinarbeiten. Das gilt auch für die isolierten Gymnasien, wenn sie integrative Konzepte entwickeln. Ein Verbot der Abschulung ohne personelle Förderung, wie es hier und da im Gespräch ist, würde nur zu einer stärkeren Belastung aller Beteiligten führen.
Und schließlich muss Raum für entlastete Fortbildung da sein, um das Lehren in
heterogenen Lerngruppen zur überall vorherrschenden Praxis entwickeln zu können.
(zuerst abgedruckt in: BLZ, Zeitschrift der GEW Bremen, November 2007. Mit freundlicher Genehmigung des Autors)