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16. Januar 2008 von Rosa Luxemburg

Ein Brief aus dem Gefängnis

Karl Kraus veröffentlichte diesen Brief von Rosa an Sonja Liebknecht, den er in der Wiener Arbeiter-Zeitung gefunden hatte, in seiner Zeitschrift DIE FACKEL im Juli 1920.
Quellenangabe: AAC - Austrian Academy Corpus Titel: AAC-FACKEL, Online Version: "Die Fackel. Herausgeber: Karl Kraus, Wien 1899-1936" Reihentitel: AAC Digital Edition Nr. 1. URL: http://www.aac.ac.at/fackel


Der tiefste, je in einem Saal bewirkte Eindruck war die
Vorlesung des Briefes von Rosa Luxemburg, den ich am
Pfingstsonntag in der Arbeiter-Zeitung gefunden und auf die Reise
mitgenommen hatte. Er war im Deutschland der unabhängigen
Sozialisten noch völlig unbekannt. Schmach und Schande jeder
Republik, die dieses im deutschen Sprachbereich einzigartige
Dokument von Menschlichkeit und Dichtung nicht allem Fibel-
und Gelbkreuzchristentum zum Trotz zwischen Goethe und
Claudius in ihre Schulbücher aufnimmt und nicht zum Grausen
vor der Menschheit dieser Zeit der ihr entwachsenden Jugend
mitteilt, daß der Leib, der solch eine hohe Seele umschlossen
hat, von Gewehrkolben erschlagen wurde. Die ganze lebende
Literatur Deutschlands bringt keine Träne wie die dieser
jüdischen Revolutionärin hervor und keine Atempause wie die
nach der Beschreibung der Büffelhaut: »und die ward zerrissen«.
Beim Vorlesen habe ich durch Weglassung des hier einge-
klammerten an sich nicht weniger reizvollen Absatzes literarischen
Inhalts in dieser Welt der Liebe die Betrachtung der Pflanzen
und Tiere einheitlicher als eine Umarmung der Natur hervor-
treten lassen und das Postskriptum (wie hier) ohne die Unterschrift
unmittelbar an das Ende geschlossen.

In Berlin, Dresden und Prag habe ich dem Brief die
folgende Einleitung vorausgeschickt:

Dem Andenken des edelsten Opfers widme ich die
Vorlesung des folgenden Briefes, den Rosa Luxemburg aus dem
Breslauer Weibergefängnis Mitte Dezember 1917 an Sonja
Liebknecht geschrieben hat:

— — Jetzt ist es ein Jahr, daß Karl in Luckau
sitzt. Ich habe in diesem Monat oft daran gedacht und
genau vor einem Jahre waren Sie bei mir in Wronke,
haben mir den schönen Weihnachtsbaum beschert … Heuer
habe ich mir hier einen besorgen lassen, aber man brachte
mir einen ganz schäbigen mit fehlenden Ästen — kein
Vergleich mit dem vorjährigen. Ich weiß nicht, wie ich
darauf die acht Lichteln anbringe, die ich erstanden habe.
Es ist mein drittes Weihnachten im Kittchen, aber nehmen
Sie es ja nicht tragisch. Ich bin so ruhig und heiter
wie immer. Gestern lag ich lange wach — ich kann jetzt
nie vor ein Uhr einschlafen, muß aber schon um zehn ins
Bett —, dann träume ich verschiedenes im Dunkeln. Gestern
dachte ich also: Wie merkwürdig das ist, daß ich ständig in
einem freudigen Rausch lebe — ohne jeden besonderen Grund.
So liege ich zum Beispiel hier in der dunklen Zelle auf einer
steinharten Matratze, um mich im Hause herrscht die übliche
Kirchhofsstille, man kommt sich vor wie im Grabe: vom
Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne,
die vor dem Gefängnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu
Zeit hört man nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbei-
gehenden Eisenbahnzuges oder ganz in der Nähe unter den
Fenstern das Räuspern der Schildwache, die in ihren schweren
Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die steifen Beine
zu bewegen. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen
Schritten, daß die ganze Öde und Ausweglosigkeit des Daseins
daraus klingt in die feuchte, dunkle Nacht. Da liege ich still
allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tücher der
Finsternis, Langweile, Unfreiheit des Winters — und dabei klopft
mein Herz, von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren
Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein über eine
blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunkeln dem
Leben, wie wenn ich irgend ein zauberndes Geheimnis wüßte,
das alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit
und Glück wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem
Grund zu dieser Freude, finde nichts und muß wieder lächeln
über mich selbst. Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes
als das Leben selbst; die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön
und weich wie Samt, wenn man nur richtig schaut. Und in
dem Knirschen des feuchten Sandes unter den langsamen,
schweren Schritten der Schildwache singt auch ein kleines
schönes Lied vom Leben — wenn man nur richtig zu hören
weiß. In solchen Augenblicken denke ich an Sie und möchte
Ihnen so gern diesen Zauberschlüssel mitteilen, damit Sie immer
und in allen Lagen das Schöne und Freudige des Lebens wahr-
nehmen, damit Sie auch im Rausch leben und wie über eine
bunte Wiese gehen. Ich denke ja nicht daran, Sie mit Asketen-
tum, mit eingebildeten Freuden abzuspeisen. Ich gönne Ihnen
alle reellen Sinnesfreuden. Ich möchte Ihnen nur noch dazu
meine unerschöpfliche innere Heiterkeit geben, damit ich um
Sie ruhig bin, daß Sie in einem sternbestickten Mantel durchs
Leben gehen, der Sie vor allem Kleinen, Trivialen und
Beängstigenden schützt.

Sie haben im Steglitzer Park einen schönen Strauß aus
schwarzen und rosavioletten Beeren gepflückt. Für die schwarzen
Beeren kommen in Betracht entweder Holunder — seine Beeren
hängen in schweren, dichten Trauben zwischen großen gefiederten
Blattwedeln, sicher kennen Sie sie, oder, wahrscheinlicher, Liguster;
schlanke, zierliche, aufrechte Rispen von Beeren und schmale,
längliche grüne Blättchen. Die rosavioletten, unter kleinen
Blättchen versteckten Beeren können die der Zwergmispel sein;
sie sind zwar eigentlich rot, aber in dieser späten Jahreszeit
ein bißchen schon überreif und angefault, erscheinen sie oft
violettrötlich; die Blättchen sehen der Myrte ähnlich, klein,
spitz am Ende, dunkelgrün und lederig oben, unten rauh.

[Sonjuscha, kennen Sie Platens: »Verhängnisvolle Gabel«?
Könnten Sie es mir schicken oder bringen? Karl hat einmal
erwähnt, daß er sie zuhause gelesen hat. Die Gedichte Georges
sind schön; jetzt weiß ich, woher der Vers: »Und unterm
Rauschen rötlichen Getreides!« stammt, den Sie gewöhnlich
hersagten, wenn wir im Felde spazieren gingen. Können Sie
mir gelegentlich den neuen »Amadis« abschreiben, ich liebe das
Gedicht so sehr — natürlich dank Hugo Wolffs Lied —, habe
es aber nicht hier. Lesen Sie weiter die Lessing-Legende? Ich
habe wieder zu Langes Geschichte des Materialismus gegriffen,
die mich stets anregt und erfrischt. Ich möchte so sehr, daß Sie
sie mal lesen.]

Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz
erlebt, auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom
Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und
Hemden, oft mit Blutflecken. Die werden hier abgeladen, in
den Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans
Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt statt
mit Pferden mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in
der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere
Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern,
die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit
großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegs-
trophäen. Die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, daß
es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch
schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst
zu benützen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie
das Wort gilt »vae victis« … An hundert Stück der Tiere
sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die
üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges
Futter. Sie werden schonungslos ausgenützt, um alle möglichen
Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. —
Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken herein-
gefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht
über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende
Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem
dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Auf-
seherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid
mit den Tieren hätte! »Mit uns Menschen hat auch niemand
Mitleid«, antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch
kräftiger ein … Die Tiere zogen schließlich an und kamen
über den Berg, aber eins blutete … Sonitschka, die Büffelhaut
ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die ward zerrissen.
Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still erschöpft und eines
das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem
Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen
Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck
eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür,
weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt
entgehen soll … ich stand davor und das Tier blickte mich
an, mir rannen die Tränen herunter — es waren seine Tränen,
man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken,
als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie
weit, wie unerreichbar, verloren die freien, saftigen, grünen
Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies
der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder
das melodische Rufen der Hirten! Und hier — diese fremde
schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu
mit faulem Stroh gemischt, die fremden, furchtbaren Menschen
und — die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde
rinnt … O mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder,
wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur
eins im Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. Derweil tummelten
sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die
schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat
aber steckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen
Schritten über den Hof, lächelte und pfiff einen Gassenhauer.
Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei …

Sonjuscha, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und
heiter. So ist das Leben und so muß man es nehmen, tapfer,
unverzagt und lächelnd — trotz alledem.