DIE LINKE. Bremen
Wer sich politisch engagiert und meint, der über 100 Jahre währende Streit zwischen Palästinensern und Juden bzw. Israelis müsse nun endlich friedlich beigelegt werden, macht sich verdächtig. Das mussten jetzt Mitglieder des "Bremer Netzwerkes für einen gerechten Frieden im Nahen Osten", der "Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft" (DPG) und des "Friedensforums" erfahren", die sich für eben dieses Ziel einsetzen: einen wirklichen Dialog zwischen beiden Parteien, ein Ende der Besatzungs- und Siedlungspolitik Israels - für eine Friedenslösung also, die eine gerechte Aufteilung des Landes bedeuten muss, um einem lebensfähigen palästinensischem und israelischen Staat die weitere Existenz zu sichern.
Selbstverständliche Forderungen, sollte man meinen, die inzwischen selbst schon bei der Bundesregierung in Berlin nach langer einseitiger Parteinahme in diesem Konflikt Gehör finden, nicht aber bei den sogenannten Antideutschen, von denen es auch in Bremen ein kleines Sprengel gibt. Von Experten - etwa dem Politologen Peter Ullrich in seinem Buch "Die Linke, Israel und Palästina" - werden diese selbst ernannten Freunde Israels der extremen Linken zugerechnet. Viele linke Gruppen - auch die "antiimperialistische" Linke - distanzieren sich aber dankend von ihnen, weil sie beim besten Willen nicht sehen können, was an deren politischer Ideologie "links" sein soll.
In Bremen wird die Avantgarde dieser fanatischen Pro-Israel-Kämpfer von zwei jungen Leuten gebildet, von denen man neben ihrer politischen Aktivität nicht viel weiß, weil sie bei ihren Auftritten bei den Veranstaltungen der Bremer Friedensgruppen auch auf Aufforderung nichts von sich preisgeben: Torsten Lambeck und Jan Philipp Hein.
Letzterer tritt auch als gelegentlicher freier Mitarbeiter des Weser-Kurier in Erscheinung. Ansonsten weiß man nur so viel von ihnen: Wer nicht ihrer Meinung ist und Israel und den Nahost-Konflikt vielleicht etwas differenzierter sieht als sie, der wird gnadenlos als "Antisemit" abgestraft. Denn, so der Politologe Peter Ullrich, Antideutsche nehmen ihre Umwelt nur als komplett "antisemitisch" wahr, Antisemitismus ist für sie das "Zentrum ihrer Ideologie und der Schlüssel zu ihrem Weltverständnis". Dass eine so einseitige Sicht der Dinge, auch schnell ins Pathologische und Sektenhafte abgleiten kann, versteht sich von selbst.
Das kommt vor allem in den Methoden des politischen Vorgehens dieser Leute zum Ausdruck. Peter Ullrich nennt als ihre bevorzugte Strategie "Polemik und Denunziation". Sie versuchten, permanent Veranstaltungen, die nicht in ihrem Sinne laufen, "zu stören oder für sich einzunehmen". In solcher Weise von ihnen Attackierte hätten das Gefühl, "mit Unterstellungen, Lügen und sehr persönlichen Angriffen bloßgestellt zu werden". Es gebe dann ein weit verbreitetes Gefühl, "blockiert, diffamiert und persönlich beeinträchtigt zu werden". Wenn es so läuft, können die Antideutschen wohl einen Sieg auf ganzer Linie verzeichnen. Das ist genau, was sie wollen.
Genau dieses Vorgehen wendet die Bremer Gruppe bei den Veranstaltungen der Friedensinitiativen und Nahostgruppen an. Wobei es am besten für sie läuft, wenn diese Veranstaltungen gar nicht erst stattfinden würden. Sie tun alles, um sie schon im Vorfeld zu verhindern. Deshalb schreiben sie Briefe und emails an die für die Vergabe von Sälen Verantwortlichen und versuchen diese unter Druck zu setzen, weil es sich da ja ganz offensichtlich um "antisemitische" Veranstaltungen handelt. Auch wenn sie sich gar nicht immer so klar ausdrücken, weiß man, was gemeint ist. Die Angst, dass niemand in Deutschland sich gern das Etikett "Antisemit" anheften lässt, wissen sie geschickt zu nutzen. Oder sie wenden sich an die Verantwortlichen von Publikationsorganen, um dort kritische Beobachter der israelischen Politik anzuschwärzen - wohl mit dem eindeutigen Ziel, derartige Veröffentlichungen in Zukunft zu verhindern. (So erging es auch dem Verfasser dieser Zeilen, den Torsten Lambeck bei den Verantwortlichen der Web-Seite der Linkspartei diffamierte, weil er sich dort mit kritischen Beiträgen zur israelischen Politik zu Wort gemeldet hatte.)
Bei den Veranstaltungen der Bremer Friedens- und Nahostgruppen führen die antideutschen Vorkämpfer genau Protokoll, um Material für ihre Diffamierungen zu haben. Anschließend tauchen die gesammelten Aussagen - der übrigens zumeist jüdischen oder israelischen Referenten - dann in polemisch völlig verzerrter oder falsch wiedergegebener oder aus dem Zusammenhang gerissener Form auf den einschlägigen Internetseiten ihrer politischen Freunde auf. So erging es auch den Äußerungen des 84jährigen Hajo G. Meyer, eines deutschen Juden, der Auschwitz überlebt hat, und der es wagt, die israelische Politik gegenüber den Palästinensern als "inhuman" und "verbrecherisch" zu bezeichnen. Für die Antideutschen sind solche Referenten "jüdische Antisemiten" oder "selbsthassende Juden". Mit solchen Diffamierungen geht man jeder inhaltlichen Diskussion über den Nahost-Konflikt aus dem Weg.
Die in Berlin lebende Israelin Iris Hefets machte auch ihre eigenen Erfahrungen mit den Bremer Antideutschen. In der Diskussion nach dem ihrem Vortrag erzählte sie im Zusammenhang mit der Frage, ob man israelische Waren aus den von Israel besetzten Gebieten boykottieren dürfe oder solle, eine kleine Begebenheit aus der Türkei. Dort hätten Türken gegen eine israelische Fußballmannschaft demonstriert, die dort ein Spiel austragen wollte. Die Demonstranten hätten die Israelis daran gehindert, ihre Umkleidekabinen zu verlassen. Frau Hefets fügte hinzu, sie hielte das angesichts der permanent gegen das Völkerrecht verstoßenden Besatzungspolitik Israels für einen legitimen Protest. Als einer der Antideutschen daraufhin mit klarem Hintersinn fragte, ob sie wirklich eine solche "Demonstration gegen Juden" für legitim halte, sagte Frau Hefets wörtlich: "Hier handelte es sich nicht um eine Demonstration gegen Juden, sondern gegen die Vertreter eines Staates, der eine völkerrechtswidrige Politik betreibt. Deshalb halte ich diesen Protest für berechtigt. Er richtete sich gegen eine israelische Institution und nicht gegen Juden, denn auch eine israelische Fußballmannschaft repräsentierte Israel." Die falsche Version - der Protest sei "anti-jüdisch" gewesen - wurde an die Jüdische Gemeinde in Berlin weitergegeben. Deren Vorsitzende Lala Süsskind verwendete das falsche Zitat bei einer Podiumsdiskussion gegen Iris Hefets, die nun Anzeige erstattet hat. Die Sache wird jetzt vor Gericht entschieden. Informantin war aber diesmal - wie aus Berlin verlautete - die offenbar auch zu den Antideutschen gehörende Bremerin Elisabeth Lahusen, die auch gleich den Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen über die staatsfeindlichen Veranstaltungen der Bremer Friedens- und Nahostgruppen informierte, die im Übrigen vor einigen Monaten selbst bei Böhrnsen einen Termin hatten und ihn über ihre Aktivitäten unterrichteten.
Iris Hefets sagt zu den Kampagne der Antideutschen gegen sie: "Ich finde es besonders dreist, wenn deutsche Nicht-Juden und Nicht-Israelis mir vorschreiben wollen, wie ich meine Kritik an meiner Regierung in Israel formulieren soll." Kritische Juden sind den Antideutschen ganz offensichtlich äußerst unerwünscht. Am besten man lässt sie gar nicht erst zu Wort kommen.
Das "Bremer Netzwerk für einen gerechten Frieden im Nahen Osten" hatte Anfang Mai den israelischen Friedensaktivisten Reuven Moskovitz zu einem Vortrag eingeladen. Der alte Mann (er ist 84 Jahre alt), der in Israel das Friedensdorf Newe Shalom aufgebaut hat, in dem Juden, Muslime und Christen friedlich zusammen leben, wurde am Schluss der Veranstaltung von dem Antideutschen Torsten Lambeck inquisitorisch nach seiner wissenschaftlichen Qualifikation befragt. Die Absicht der Bloßstellung von Moskowitz war eindeutig. Als sich dann im Publikum Protest regte und jemand Lambeck fragte, der sich wieder fleißig Notizen gemacht hatte, wer er sei, was seine politischen Ziele seien, für wen er arbeite und ihn dann aufforderte, mit offenem Visier zu diskutieren, blieb dieser stumm, packte seine Sachen zusammen und verließ den Raum.
Wenn man denn von ihnen selbst nicht erfahren kann, wer sie sind und was sie wollen, muss man die einschlägige Literatur über sie befragen. Anfangs- und Ausgangspunkt der antideutschen Ideologie ist Auschwitz, das immer und überall gegenwärtig ist. Es wird so aus der Geschichte und jeder Analyse abgetrennt und dem "deutschen Volk" zugeordnet. Die Opfer des Massenmordes der Nazis, "die Juden", werden "dem israelischen Volk" zugrechnet. Deutschland steht immer für die absolute Barbarei und Israel für die Emanzipation von der Barbarei. Den Deutschen wird unterstellt, dass sie aus einer historischen Entwicklung heraus eine besondere antisemitische Ausprägung entwickelt hätten, die sie auch heute noch kennzeichne. Der Antisemitismus ergibt sich sozusagen zwangsläufig aus dem deutschen Kulturgut. Auch wenn sich in Deutschland Menschen zusammen schließen, um gegen ihre soziale Situation solidarisch anzugehen, wittern die Antideutschen "Antisemitismus", weil solche Zusammenschlüsse schon an die "Volksgemeinschaft" erinnerten. Selbst die Friedensbewegung wird als nationalistisch, völkisch und natürlich antisemitisch bezeichnet.
Da der Ausgangspunkt der antideutschen Ideologie die Judenvernichtung durch die Nazis ist, wird in antideutschen Kreisen auch die These vertreten, dass die Deutschen nach Auschwitz kein Recht mehr auf einen eigenen Staat hätten, was in letzter Konsequenz heißt, dass die Bundesrepublik aufgelöst werden müsse. Das deutsche Staatsgebiet könne unter den angrenzenden Ländern aufgeteilt oder zur Sonderzone der UNO erklärt werden. Folgerichtig werden die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges nicht nur als Befreier vom Nationalsozialismus angesehen, sondern auch als willkommene Vollstrecker der (aus antideutscher Sicht leider nicht ganz gelungenen) Zerstörung der deutschen Nation betrachtet. Weil die USA stets schützend hinter Israel stehen, ist die Politik Washingtons grundsätzlich gut und wird von den Antideutschen unterstützt - auch die Kriege der USA etwa im Irak und in Afghanistan.
Der bei Antideutschen immer präsente Antisemitismusvorwurf und der NS-Verdacht - sie entdecken auch bei allen Linken Antisemitismus, völkisches Denken und regressive Ressentiments - richtet sich vor allem auch gegen Muslime. Der Islam ist ihr Hauptfeind, weil er angeblich Israel bedroht. Die Palästinenser, denen unterstellt wird, zusammen mit ihren islamischen Verbündeten einen "antizionistischen Vernichtungskrieg" gegen Israel zu führen, werden mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt. Aus der nicht antideutschen Linken kommt an diesem Punkt der Vorwurf: Wenn die Antideutschen den Mord an Libanesen, Irakern, Afghanen usw. gutheißen und rechtfertigen, weil dadurch die Interessen Israels und "der Juden" geschützt würden, dann sei das "rassistisch, bellizistisch und nationalistisch". Ähnlich sieht es der Politologe Peter Ullrich: "An dieser Stelle ist klar die Schwelle einer rassistischen und homogenisierenden Islamophobie überschritten." Die Antideutschen keilen gegen diese "linke" Kritik zurück: Deren traditioneller Antikapitalismus sei "struktureller Antisemitismus", weil die Bekämpfung des Kapitalismus - insbesondere des ungehemmten Waren- und Geldverkehrs im Zeitalter der Globalisierung - vordringlich "antijüdische Ziele" verfolgen würde. Es wird also heftig gestritten in der extremen linken Szene.
Höhepunkt antideutscher Politik-Einsicht ist ein pseudolinker Satz, den der Antideutsche Joachim Bruhn 2003 von sich gab: "Es kann keine Kritik am Staat Israel geben, die nicht antisemtisch ist, da Israel die organisierte revolutionäre Emanzipationsgewalt der jüdischen Gesellschaft darstellt." Bruhn sagt auch, warum man sich unbedingt hinter Israel stellen muss: "Es geht dabei um das Interesse der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft."
Man muss einen solchen realitätsfernen ideologischen Brei eigentlich nicht kommentieren. Aber es muss doch angemerkt werden, dass dieser absolute Philosemitismus nur die Kehrseite des Antisemitismus ist, weil er "die Juden" nur als Objekte zur eigenen Identitätsbildung benutzt. Es geht ihm gar nicht um die Menschen. Für die Antideutschen gibt es eben nur "die Deutschen", "die Juden", "die Palästinenser", "die Moslems". Diese Völker werden also "völkisch" gesehen - in einer Sicht also, die die Antideutschen gerade anderen vorwerfen. Obwohl sie sich Antideutsche nennen, sind sie wohl ein sehr deutsches Phänomen. Auch wenn sie in eine fremde Identität schlüpfen, entkommen sie ihrer deutschen Haut nicht. Als der israelische Historiker Moshe Zuckermann auf einer Veranstaltung in Bremen wegen seiner Kritik an Israels Politik von ihnen scharf angegangen wurde, gab dieser cool zurück: "Das ist Ihre deutsche Befindlichkeit, damit haben wir in Israel überhaupt nichts zu tun."
Der amerikanisch-jüdische Linguist, Historiker und Politologe Noam Chomsky hat zu diesem ganzen Sachverhalt bemerkt "Die Überzeugung, dass, wer die Politik eines Staates kritisiert, damit auch dessen Volk, Land und Kultur kritisiert - womit die Politik des Staates einfach gleichgesetzt wird mit der Bevölkerung, der Kultur und der Gesellschaft - das ist das Wesen des Totalitarismus. Das gilt auch für die Identifizierung der Politik des Staates Israel mit dessen Gesellschaft, Volk und Kultur, sodass Kritik an dieser Politik als 'Antizionismus' oder 'Antisemitismus' interpretiert wird - das ist ein weiterer direkt totalitärer Begriff."
In diesem Sinne ist auch die bizarre Weltanschauung der Antideutschen und ihr undemokratisches Vorgehen, das jeden Dialog und Kompromiss verweigert, totalitär. Ob die beiden Bremer Kämpfer nun jeden Satz der antideutschen Ideologie unterschreiben, kann man nicht wissen, weil sie sich in dieser Richtung nicht äußern. Sie arbeiten lieber im Hinter- und Untergrund. Israel kann auf jeden Fall wenig stolz darauf sein, solche "Freunde" zu haben.
Quelle: http://www.dielinke-bremen.de/politik/debatte/gesellschaft_politik/antideutscher_spuk_nun_auch_in_bremen/