19. August 2011

Ein Spaziergang mit Hannes Stütz und seiner Kamera durch die Wallanlagen

von Sönke Hundt

Ich weiß, dass Hannes Stütz die Stadt Bremen regelrecht liebt und von ihr in den höchsten Tönen schwärmen kann - wenn er gut aufgelegt ist. Und was so manches Mal regelrecht ansteckend ist. Er spaziert viel in der Stadt umher und findet an vielen Ecken sehenswerte Dinge, an die Otto Normalbürger achtlos vorbei geht.

Jetzt hat er als Fotograf und Autor ein kleines Büchlein (13 X 18 cm) über die Wallanlagen gemacht und es ihrem Schöpfer, dem Landschaftsgärtner oder besser dem "Kunstgärtner" Isaac Herrmann Albert Altmann gewidmet. Und den "Jobbern und Malochern" von Stadtgrün Bremen, die die Anlagen hegen und pflegen. Als der Rat der Stadt Bremen seinerzeit am Anfang des 19. Jahrhunderts beschloss, die früheren mittelalterlichen Festungsanlagen in eine Parklandschaft zu verwandeln, wäre, so schreibt Hannes Stütz, eine der "schönsten innerstädtischen Anlagen" entstanden. "Wie eine Eidechse legt sie sich ... um den Kern der alten Stadt am Fluß." Aber die Eidechse habe auch schwer gelitten. Man habe ihr den Schwanz abgeschlagen, und der liege jetzt im Stephani-Viertel und kümmere vor sich hin.

Das kleine Buch hat den Titel "DENK MAL IM WALLDENKMAL". 85 Fotos hat Hannes Stütz von den Wallanlagen gemacht und festgehalten, was er auf seinen Streifzügen morgens, nachmittags und abends, im Frühling, Herbst und Winter erblickt hat. Es sind natürliche, künstliche und künstlerische Dinge, bei denen er gewartet hat, bis sie richtig beleuchtet sind, um aus ihnen mit der Kamera ein kleines Kunstwerk zu machen. Blumen, Bäume, Zweige, immer wieder der Wallgraben, ein Stück Baumrinde, Steine, Wege, ein Graureiher (wahrscheinlich morgens), dazu das ganze Parkmobiliar mit Plastiken, Reliefs, Säulen, Denkmälern, Treppen, Treppengeländern sowie Durchblicke auf einige der umliegenden Gebäude. Z.B. die Villa Ichon, das alte Polizeihaus oder einige Häuser der Contrescarpe, die früher Teil der Festungsanlagen zur Verteidigung der mittelalterlichen Stadt an der Weser war. Die kaufmännisch geprägten Bremer und Bremerinnen sprechen das Wort immer wie "Kontausgabe" aus.

Die Fotografen hießen früher "Lichtbildner", weil sie mit dem Licht ihre Bilder malen. Die Sonne, die Wolken, die Uhrzeit und die Jahreszeiten spielen also ihre ganz wichtige Rolle. Einige der Bilder in dem Buch wirken so, als ob der Fotograf z.B. beim Blick durch die Bäume auf das schwarze Gewässer hinter der Kunsthalle am Nachmittag im späten Herbst bei einem leicht bedeckten Himmel gewartet hat, bis der Augenblick für den Druck auf den Auslöser gekommen ist, weil nur dann ein Sonnenstrahl einem Strauch ganz hinten die richtige Beleuchtung und damit dem Bild die Tiefe gibt. Die überlebensgroße bronzene "Liegende" von Gerhard Marcks auf dem Theaterberg mit dem Namen "Ägina" erscheint mehrmals. Einmal inmitten der Bäume im Herbstlaub und im Herbstlicht, einmal nur der große Po, einmal mit greller gelber Brille auf den Augen und mit einem ebenso poppigen Büstenhalter angezogen und verfremdet.

Es gibt auch direkt Politisches in den Wallanlagen. Gleich auf dem ersten Foto ist ein Denkmalssockel (?) beschriftet mit "Jetzt wieder: Krieg". Und das Kriegerdenkmal auf der Altmannshöhe, dass den Gefallenen des 1. Weltkrieges und den Mitgliedern der Freicorps Gerstenberg und Caspari gewidmet ist, hat der Fotograf aufgenommen, als phantasievolle Menschen es rot angestrichen hatten, was sie so erklärten: "Da heute wieder Soldaten für deutsche Interessen sterber, haben wir dem Heldengedenken einen anderen Anstrich gegeben."

Der Bremer und die Bremerin kennen ja eigentlich "ihre" Wallanlagen, aber viele der großen und kleinen Dinge in dem Buch werden sie so noch nie gesehen haben, jedenfalls nicht mit Bewusstsein. Das kleine Buch hilft, mal genauer hinzusehen, mal innezuhalten, mal über besondere Ansichten nachzudenken und ihre Schönheit zu genießen. Also, das kleine Buch über die Eidechse in Bremen ist Hannes Stütz und seiner Kamera überaus gut gelungen. Zu loben ist auch der Drucker von Scholz-Druck & Verlag, weil nur auf dem richtigen Papier mit der richtigen und aufwändigen Drucktechnik die Feinheiten, die Brillianz, die Valeurs und die Tiefen in den Bildern richtig abgebildet werden konnten. Der Bildschirm kann davon bekanntlich nur 72 dots per inch wiedergeben, also sehr sehr wenig.
Sönke Hundt

DENKMAL IM WALLDENKMAL. Ein Spaziergang mit Hannes Stütz und seiner Kamera. Druck: Scholz Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Mai 2011, hrsgg. von der Villa Ichon e.V., 20,00 Euro.

 

Das Deckblatt mit der Villa Ichon
Die große Liegende von Gerhard Marcks mit der gelben Brille
Der ursprüngliche Festungswall
Der Fries von der Ochsenvase
Das rot verfremdete Kriegerdenkmal auf der Altmannshöhe
Blaue Blumen vor der Kunsthalle