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24. November 2011 von Andreas Diers

Antonio Gramsci global

Zu den neueren neogramscianischen Erkenntnissen und Perspektiven innerhalb der „Internationalen Politischen Ökonomie“Die jetzt schon mehrere Jahre andauernden und sich gegenwärtig offensichtlich wieder ganz erheblich verschärfenden aktuellen ökonomischen, sozialen und politischen Krisenprozesse des globalen Kapitalismus werfen zahlreiche grundlegende Fragen auf, die innerhalb des wissenschaftlichen Bereichs der „Internationalen Politischen Ökonomie“ (IPÖ) sowie dessen unterschiedlichen deutschen sowie internationalen Strömungen schon lange und durchaus sehr kontrovers diskutiert werden.

Im Zusammenhang mit den internationalen Debatten zur IPÖ jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams haben sich dabei Ansätze als besonders anregend und produktiv erwiesen, die auf die Konzeption, Methodik und Begrifflichkeiten des italienischen Marxisten Antonio Gramsci zurückgreifen. Antonio Gramsci hat nicht zuletzt schon in den 1920er Jahren gegen den damals (genauso wie auch heute immer noch) innerhalb der Linken sehr weit verbreiteten und nur scheinbar auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Karl Marx und Friedrich Engels basierenden politischen sowie ökonomischen Dogmatismus eingewandt, dass ausgeschlossen werden kann, dass allein schon die Wirtschaftskrisen von sich aus fundamentale Ereignisse hervorbringen. Diese Erkenntnis kann als eine wesentliche Basis der kritischen Konzeption einer IPÖ angesehen werden. Dass generell keine direkten, unmittelbaren und unvermittelten Zusammenhänge zwischen den – wie auch immer schweren, tiefen und wie lange andauernden – ökonomischen Krisen und grundlegenden progressiven politischen Entwicklungen gibt, das haben im Übrigen schon Karl Marx und Friedrich Engels anlässlich der großen Wirtschaftskrise des Jahres 1857 feststellen müssen.

Die ganz wesentlichen und konzeptionell grundlegenden Begrifflichkeiten innerhalb des undogmatischen materialistischen Denkens von Antonio Gramsci – wie zum Beispiel die Begriffe „Hegemonie“, „historischer Block“ und „integraler Staat“ – haben zu Anfang der 1980er-Jahre den Ausgangspunkt für die Entwicklungen der kritischen „neogramscianischen Perspektiven“ in der IPÖ gebildet. Mit diesem gerade im Argument-Verlag erschienenen Band steht nun zum ersten Mal in deutscher Sprache eine systematische Aufbereitung vieler Aspekte der „neogramscianischen Perspektiven“ innerhalb des Bereichs der IPÖ zur Verfügung. Entlang zentraler Problemfelder werden in dem Band die grundlegenden Schlüsselkonzepte neogramscianischer IPÖ zugänglich gemacht und es werden wichtige unterschiedliche Diskussionsstränge sowie die verschiedenen Rezeptionswellen zusammengeführt.

In ihren Beiträgen thematisieren die AutorInnen Hans-Jürgen Bieling, Ulrich Brand, Nicola Sekler, Robert W. Cox, Stephen Gill, Katharina Hajek, Katherina Kinzel, Laura Horn, Branwen Gruffyd Jones, Adam David Morton, Ngai-Ling Sum, Benjamin Opratko, Oliver Prausmüller, Bernd Röttger und Jens Winter unter anderem solche für die gesellschaftliche Linke wichtigen Problematiken wie: Wie lässt sich die globale Durchsetzung des neoliberalen Projekts verstehen? Was kennzeichnet das Verhältnis von Staat, Zivilgesellschaft und Ökonomie im neoliberalen Kapitalismus? Welche Brüche, welche Widersprüche können aufgespürt werden, in die soziale Bewegungen und ihre organischen Intellektuellen eingreifen können?

Auch wenn ohne Zweifel bei Weitem längst nicht alle Fragestellungen hinsichtlich der neogramscianischen Strömungen innerhalb des Forschungsbereichs der IPÖ erschöpfend behandelt werden – ja viele nach wie vor offene Problematiken nicht einmal auch nur angerissen werden können (wie beispielsweise die Fragestellung, ob möglicherweise schon erste Grundlagen der Konzeption einer IPÖ , und wenn ja welche, innerhalb der umfassend verstandenen „Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx und Friedrich Engels sowie der damit im Zusammenhang stehenden Vorarbeiten vorhanden sind  – so werden in dieser Publikation doch zum ersten Mal die „neogramscianischen Perspektiven in der IPÖ“ in deutscher Sprache systematisch aufbereitet. Der Band bietet dabei sowohl eine verständliche, gut lesbare Einführung in die zentralen Debatten als auch eine vorläufige kritische Zwischenbilanz und in seinen anregenden Beiträgen werden zahlreiche Perspektiven zur Weiterentwicklung dieses sehr wichtigen linken wissenschaftlichen Forschungsprogramms entwickelt.

Benjamin Opratko/Oliver Prausmüller (Hg.): Gramsci global. Neogramscianische Perspektiven in der Internationalen Politischen Ökonomie;

Argument Sonderband AS 310
Argument-Verlag, Hamburg 2011
220 Seiten
19 € [D], 19,60 € [A]
ISBN 978-3-86754-310-1

Andreas Diers, Bremen