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22. August 2011

Anmerkungen zu dem „Offenen Brief“ von Toni Brinkmann vom 21.08.2011

Leserbrief von Andreas Diers.

Die Genossin Toni Brinkmann hat in ihrem „Offenen Brief“ ein paar wichtige Problematiken angesprochen - nicht zuletzt den „Mauerbau“ zwischen der damaligen BRD, der damaligen DDR sowie West-Berlin - zu denen die LINKE eine Position beziehen muss, bzw. zu denen Linke Positionen beziehen müssen. Und zu vielen ihrer Ansichten kann ich ihr zustimmen, allerdings sind zu ihrem „Offenen Brief“ meiner Meinung nach auch einige kritische Anmerkungen erforderlich.

Ersten ist die „junge Welt“ nicht die einzige kritische linke Tageszeitung in der BRD. Ihre Meinung widerlegt Toni Brinkmann im Übrigen schon selber dadurch, dass sie sich in dem Brief auf einen Beitrag im „Neuen Deutschland“ über den ´mutigen Bischoff` bezieht. Das „ND“ ist m. E. nach offensichtlich eine linke Tageszeitung, deren kritischer Informationsgehalt zumindest so groß wie der der „jW“ ist. Aber nebenbei gesagt, für Linke ist es weder ausreichend, nur das ND oder nur die jW zu lesen. Selbst das Lesen beider Tageszeitungen ist nicht ausreichend. Denn beide Tageszeitungen können angesichts der Bedingen und Machtverhältnisse im gegenwärtigen kapitalistischen Medienmarkt schon allein aus strukturellen Gründen nur über einen vergleichsweise sehr kleinen Teil der nationalen sowie der globalen Geschehnisse berichten. Völlig zu Recht hat der (verstorbene) Genosse Jürgen Kuczynski deshalb einmal darauf hingewiesen, wie wichtig selbst auch eine solche Tageszeitung wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ für die Informationsgewinnung von Linken ist. Allerdings - und da bin ich mit Toni Brinkmann wohl wieder einer Meinung - muss DIE LINKE die jW nicht nur ertragen, sie ist vielmehr für eine pluralistische LINKE notwendig, auch wenn Mensch mit vielen veröffentlichten Beiträgen politisch nicht übereinstimmt, manches sogar für historisch falsch dargestellt hält. Deshalb müssen alle Zensur- und/oder zensurähnliche Maßnahmen der LINKEN als Organisation gegen die jW abgelehnt werden. Inwieweit Mensch individuell die jW wie auch immer unterstützt oder nicht, dass ist ein anderes Thema.

Zweitens ist in den Argumentationen der Genossin Brinkmann meines Erachtens nach noch sehr viel „altes Denken“ vorhanden. So z.B., wenn sie sich auf die Aussagen des Bischoffs Dröge bezieht und fordert, dass diese Denkweise ´das absolute Minimum für unsere Partei gewesen` wäre. Für einen Mann der Religion mag diese Denkweise richtig und erlaubt sein. Aber es ist kein kritisches historisch-materialistisches, sondern ein ethisch-moralisches Denken. Meiner Meinung nach ist es jedoch für ein kritisches, historisch-materialistisches sowie wirklich „neues linkes sozialistisches Denken“ nicht möglich, die vormals im Namen des Sozialismus und des Kommunismus begangenen Fehler, (Un-)Taten, Verbrechen, etc. mit den heutigen (Un-)Taten, Verbrechen und Fehlern des Kapitalismus auf eine Stufe zu stellen. Denn es sind zum einen zwei voneinander getrennte Thematiken, die genauso wenig wie Äpfel mit Birnen verglichen werden können und dürfen. Nolens-volens begibt man sich zum anderen dadurch nämlich auch in die Gefahr einer Relativierung, Verharmlosung oder gar einer Rechtfertigung - sowohl der einen wie auch der anderen. Eine moderne und zukunftsfähige sozialistische Linke muss vielmehr ihre Geschichte ohne irgendwelche Tabus geschichtlich kritisch aufarbeiten. Nur wenn sie dieses macht, dann ist/wird sie glaubwürdig, kann die Widersprüche, Fehler, Verbrechen des Kapitalismus kritisieren, kann kurz-, mittel- sowie langfristige realistische Alternativen aufzeigen und kann nach-und-nach, trotz aller Widerstände, eine kulturelle und geistige Hegemonie innerhalb der Gesellschaft erreichen. Zur Bedeutung einer Hegemonie sei hier nur als Hinweis auf das Werk von Antonio Gramsci verwiesen.

Um jedoch die eigene Geschichte differenziert und kritisch aufarbeiten zu können, dafür muss zunächst einmal grundlegendes historisches Wissen vorhanden sein. Und das scheint unter Linken mehr als Mangelware zu sein. Dieses ist vermutlich einer der wesentlichen Ursachen dafür, dass es innerhalb DER LINKEN den so weitverbreiteten scheinradikalen „Gefühlssozialismus“ gibt. Wohin dieser scheinradikale „Gefühlssozialismus“ führen kann, das ist  beispielhaft an dem Beitrag von Jonas Höpken, des Pressesprechers DER LINKEN in Oldenburg zu sehen, den er vor kurzem (8. August) in der jW veröffentlicht hat. Dieser Beitrag ist online verfügbar in der jW. Besonders alle Mitglieder und Sympathisanten des „Forum Demokratischer Sozialismus“ sind seiner Meinung nach offensichtlich „rechte Sozialdemokraten“ in der LINKEN, die noch schlimmer sind als die sozialdemokratischen „Kanalarbeiter“ in den 70er Jahren (Hört! Hört!), weil sie - und offenbar gerade und genau sie - „aggressiv den Kapitalismus verteidigen“! 

N.B.: „Nachtigall“ - äh, Sozialfaschismustheorie, ´Väterchen Stalin` hab sie selig, „ick hör dir trapsen!“ Mensch achte nicht zuletzt auch auf die sehr obrigkeitshörige Denkweise dieses Beitrags, die ich bei heutigen Linken nicht mehr für möglich gehalten habe. In der jW sind darüber hinaus jetzt auch einige Leserbriefe veröffentlicht worden, in denen ´jenseits von Gut und Böse` u.a. gefordert wird, aus der LINKEN eine „Partei neuen Typs“ zu machen, in der dann offenbar nur selbsternannten vermeintliche „Antikapitalisten“ eine politische Heimat haben sollen (Stichworte dazu als abschreckende historische Beispiele: „Bolschewisierung der KPD“  in den 20er Jahren und die SED als „Partei neues Typs“ nach 1948).

Aber trotz alledem und alledem: Die LINKE braucht auch eine Tageszeitung wie die „junge Welt“.
Andreas Diers