von Robert G. Hempel
Das Bremer CDU-Mitglied Bernd Neumann, in seiner Funktion als Kulturstaatssekretär, hat an dieser feierlichen Wiedereröffnung teilgenommen. Wir wollen an dieser Stelle gerne darin erinnern, dass dieser kulturbeflissene Mensch einmal ein Gedicht von Erich Fried „lieber verbrannt sehen“ wollte, als dass es an Bremer Schulen weiter besprochen würde, wie es gewagt wurde. Es handelt sich dabei um das Gedicht „Die Anfrage“. Dabei wurde Neumann eifrig unterstützt von der „Zeit“, die in Fried einen „dichtenden Verschwörungsneurotiker“ sehen wollte oder noch besser und auch typischer in der FAZ vom 13.07.77, die das Gedicht eine „Mörderpoesie“ nannte. In dem parteinahen „Weser-Report“ vom 11.11.1977 hiess es sogar: „Kinder nach Wochen noch unter Schockeinwirkung!“
Anlass, dieses Gedicht zu schreiben, war der Mord an Generalbundesanwalt Buback. Im Kern stellt das Gedicht die Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen des Terrorismus. Das war nicht nur damals unerwünscht, sondern auch tabuverletzend bis heute.
Die Anfrage (1977)
Mit Verleumdung und Unterdrückung
und Kommunistenverbot
und Todesschüssen in Notwehr
auf unbewaffnete Linke
gelang es den Herrschenden
eine Handvoll empörte Empörer
Ulrike Meinhof
Horst Mahler
und einige mehr
so weit zu treiben
daß sie den Sinn verloren
für das was in dieser Gesellschaft
verwirklichbar ist
Was weiter geschah
war eigentlich zu erwarten:
Wieder Menschenjagd
Wieder Todesschüsse in Notwehr
die bekannten Justizmethoden
die bekannten Zeitungsartikel
und die Urteile gegen Horst Mahler
und gegen Ulrike Meinhof
Aber Anfrage an die Justiz
betreffend die Länge der Strafen:
Wieviel Tausend Juden
muß ein Nazi ermordet haben
um heute verurteilt zu werden
zu so langer Haft?
(Erich Fried)