Immanuel Wallerstein gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten ProtagonistInnen der Weltsystem-Theorie. Wenn man sich mit seinem Ansatz vertraut machen wollte, so ist man bislang darauf angewiesen gewesen, dessen umfangreiches Oeuvre durchzuarbeiten. Der Lüneburger Wirtschaft- und Betriebssoziologe Lutz Zündorf, der im Jahr 2008 schon eine bemerkenswerte Studie über das „Weltsystem des Erdöls“ präsentierte[1], hat nun eine informative und systematische Einführung geschrieben, die alle wesentlichen Bestandteile der wissenschaftlichen Konzeption von Wallerstein thematisiert.
Ausgangspunkt der Auseinandersetzung des Autors mit dem Werk Wallersteins ist eine knappe informative werkgeschichtliche Biographie. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf denjenigen Theorie- und Forschungslinien, die das Denken von Wallerstein am nachhaltigsten beeinflusst haben. Der Autor verdeutlicht hier, dass Wallerstein seine Weltsystemperspektive aus einer kritischen Rezeption mehrerer und durchaus sehr unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Ansätze gewonnen hat. Es wird in diesem ersten Kapitel dabei nicht zuletzt aufgezeigt, dass Wallerstein – obwohl er dezidiert Systemanalyse betreibt – von kaum einer anderen Theorierichtung weniger beeinflusst worden ist, als von der von Talcott Parsons und Niklas Luhmann vertretenen modernen Systemtheorie.
Im zweiten Kapitel interpretiert und veranschaulicht Zündorf zwar wieder recht knapp, jedoch zugleich sehr verständlich, das Werk Wallersteins als Komplex eines Forschungsprogramms mit wissenschaftstheoretischen Prämissen, Erkenntnis leitenden Begrifflichkeiten und methodologischen Regeln. Durch das Aufzeigen und die Verdeutlichung der von Wallerstein zum Teil explizit ausgesprochenen, teilweise jedoch auch unausgesprochenen seinem Werk zu Grunde liegenden wesentlichen Annahmen sowie durch die Erläuterung des Verweisungssystems der Begriffe und der methodologischen Regeln wird die genauere Erschließung des komplexen Werks erheblich erleichtert.
Den größten Raum nimmt das anschließende dritte Kapitel ein, in dem der Autor die bislang erschienenen ersten drei und annähernd 1500 Seiten umfassenden Bände des auf mindestens vier Bände angelegten Hauptwerks von Wallerstein über „Das moderne Weltsystem“ präsentiert. Diese Präsentation ist notwendigerweise sehr stark komprimiert, indem Zündorf jedoch zahlreiche sorgfältig ausgewählte und aussagekräftige Zitate anführt ist sie aber sehr authentisch und durchaus angemessen detailliert. Da der Autor weite Strecken der Darstellung Wallersteins offensichtlich eher als eine historische Abhandlung denn als eine eigentliche soziologische Analyse ansieht, lässt er Wallerstein selbst vor allem dort zu Wort kommen, wo dieser die Hauptlinien der historischen Entwicklungen und die Grundzüge seiner Argumentation zusammenfasst oder verdichtet. Bei den analytischen und explikativen Ausführungen Wallersteins stellt der Autor auch entweder explizit den Bezug zu dessen allgemeinen begrifflich-theoretischen Rahmens her, oder dieser Bezug und die Gesamtheit des Forschungsprogramms werden zumindest erkennbar. In den bisher veröffentlichten drei Bänden stellt Wallerstein das moderne Weltsystem nur bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dar. Allerdings ist Wallerstein bei seiner Analyse mit mehreren kleineren Publikationen schon bis zur Gegenwart vorgedrungen. Auf Grundlage dieser kleineren Publikationen versucht der Autor im letzten Teil dieses Kapitels einen Ausblick auf die neueren Entwicklungen in der Konzeption Wallersteins bis hin zu den heutigen Tagen. Dieses ist allerdings kein Versuch einer Fortschreibung des Werkes von Wallerstein – vielmehr handelt es sich um eine unvollständige Skizze einiger bis hin in die Gegenwart reichender wichtiger Trends und Zyklen. Aber allein auch schon diese unvollständige Skizze ist anregend, verdeutlicht sie doch die Aktualität sowie die Potentiale einer weiteren Aktualisierung des Weltsystemansatzes von Wallerstein.
Dieses Ansinnen setzt der Autor im zweiten Teil des vierten Kapitels weiter fort. Zunächst formuliert Zündorf jedoch eine eher generelle als detailorientierte Kritik an der Weltsystemanalyse Wallersteins, indem er ihre seiner Meinung nach bestehenden Mängel der eurozentristischen Perspektive, des ökonomischen Reduktionismus, ihres theoretischen Eklektizismus sowie einiger begrifflichen Unklarheiten thematisiert. Im Anschluss an diese kritischen Einwände erläutert Zündorf die Aktualität und Bedeutung der Weltsystemanalyse an Hand von vier Problemlagen: dem hegemonialen Niedergang der USA, dem Aufstieg der VR China von der Außenarena in das Zentrum der Weltwirtschaft, der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise und dem damit zusammenhängenden Problem der Zukunft des kapitalistischen Weltsystems. Anders als Wallerstein präsentiert der Autor hier auch einige Zeitreihen mit quantitativen Angaben, durch die er diese Wandlungsprozesse empirisch etwas zu erhärten und als Hypothesen wenigstens ansatzweise zu überprüfen versucht. Hier wird also nicht nur die Aktualität des Werkes von Wallerstein aufgezeigt, es wird vielmehr zugleich eine, wenn auch natürlich sehr kursorische, Aktualisierung seines Werkes durchgeführt.
Im abschließenden fünften Kapitel formuliert der Autor eine kurze zusammenfassende und kritisch abwägende Beurteilung des Gesamtwerkes von Immanuel Wallerstein.
In seiner kritischen Einführung arbeitet Zündorf letztlich besonders die große Innovationskraft der Weltsystem-Analyse von Immanuel Wallerstein heraus. Mit seinem Werk hat er selber dabei weit mehr als eine bloße „Einführung“ geliefert. Vielmehr präsentiert der Autor eine ausführliche und kritische Auseinandersetzung mit dem Werk von Immanuel Wallerstein, einschließlich der aktuellsten Debatten.
Andreas Diers
VS-Verlag, Wiesbaden 2010. 171 S. mit 5 Abb. u. 5 Tab. Br.
ISBN: 978-3-531-16427-4
[1] Lutz Zündorf: Das Weltsystem des Erdöls. Entstehungszusammenhang, Funktionsweise, Wandlungstendenzen; VS-Verlag, Wiesbaden 2008, 309 Seiten. Eine Rezension dieses Werkes siehe unter:
http://www.raumnachrichten.de/rezensionen/1320-erdoel