6. März 2012

Gesellschaftliche Entwicklungen, Arbeiterbewegung und Sozialismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts

JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2012/I (Januar)

NDZ GmbH, ISSN 1610-093X, 226 Seiten, 10,- €

Die erste Ausgabe des Jahrganges 2012 des JahrBuches für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung präsentiert fünf thematische Beiträge, einen biographischen Beitrag, drei Berichte, zwei Informationen und zwei Texte zur Diskussion sowie zahlreiche Rezensionen zu sehr unterschiedlichen Thematiken.

Der erste Themenschwerpunkt beschäftigt sich mit der Problematik der gesellschaftlichen Entwicklungen, der Arbeiterbewegung und dem Sozialismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Peter Brandt (Hagen), Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, präsentiert dazu einen sehr umfangreichen überblicksartigen Beitrag, der thematisch an seinen Beitrag im JahrBuch aus dem Jahr 2002 über die Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrhundert anschließt. Auch wenn an der einen oder anderen Stelle des Beitrags von Brandt ein Fragezeichen angebracht zu sein scheint und man an ein paar Stellen auch durchaus anderer Meinung sein kann, so ist der Inhaltsreichtum und die Komplexität dieses Beitrags mehr als beeindruckend. Der in dem Beitrag von Brandt skizzierte politisch-programmatische Zusammenhang ist sicherlich mehr als hilfreich bei dem Projekt, eine realistische Perspektive jenseits des Kapitalismus aufzuzeigen, was identisch mit einer Renaissance des Sozialismus zumindest in Europa wäre.

Peter Hübner (Berlin) und Thomas Reichel (Brandenburg) thematisieren in ihren beiden Beiträgen über die Problematiken Arbeiter – Technik – Wirtschaftsreformen bislang vernachlässigte historische Aspekte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der DDR. Kritisch reflektiert sind diese beiden Beiträge dabei auch durchaus für die Fragestellung nach einem tragfähigen ökonomischen System des zukünftigen Sozialismus ertragreich, insofern ergänzen sie etwas einige der in dem Beitrag von Peter Brandt angesprochenen Problematiken.

In einem umfangreichen Beitrag hinterfragt Simone Herzig (Osnabrück) kritisch die bisherigen Untersuchungen und Deutungen des sehr ambivalenten Wirkens von Arthur Graf von Posadowsky-Wehner bei der staatlichen Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der sogenannten „Ära Posadowsky“. Zu Recht fordert Herzig, im Rahmen einer noch zu schreibenden wissenschaftlichen Geschichte der Entstehung der Sozialpolitik auch eine Neubewertung dieser „Ära Posadowsky“ und ihrer Bedeutung für den Kampf gegen die Sozialdemokratie vorzunehmen, 

Ein zweiter Schwerpunkt des Heftes ist die 47. „International Conference of Labor und Social History” (ITH) (Linz, 29.-1.Oktober September 2011), die unter der thematischen Fragestellung „Ist eine Welt möglich“ mit den beiden speziellen Aspekten „Praktiken von Internationaler Solidarität“ sowie „Internationale Entwicklung“ gestanden hat.

Den detaillierten Bericht über die Konferenz steuert Jürgen Hofmann (Berlin) bei. Er belässt es in diesem durchaus sehr kritischen Bericht nicht dabei, lediglich die Thematiken und den Ablauf der Konferenz zu schildern, sondern Jürgen Hofmann benennt neben den bemerkenswerten Resultaten auch einige wesentliche offene Problematiken. So seien die großen Entscheidungsfragen alternativer internationaler Entwicklung auf der Konferenz kaum präsent gewesen. Und auch bei der Problematik „Internationale Solidarität“ seien bedauerlicher Weise große historische Bögen nur sehr selten geschlagen worden, die Antwort auf den Wandel des für die Arbeiterinnenbewegung wichtigen Solidaritätsbegriffs sei die Konferenz schuldig geblieben.  

Vijay Prashad (Trinity/GB) behandelt in seinem veröffentlichten Referat „Die Leiden der internationalen Solidarität“ Formen des weltweiten Widerstands gegen den globalen Neoliberalismus. Der Autor zeigt auf, weshalb sich das „Weltsozialforum“ (WSF) in den letzten Jahren stark regionalisiert hat, weshalb aus der Dynamik des WSF (bislang noch) keine neue weltweite antiimperialistische Bewegung geworden ist. Prashad zeigt dabei auch auf, auf welche Art und Weise der Widerstand gegen den Neoliberalismus in genau diesen neoliberalen Kapitalismus eingebunden ist. An Hand der grundlegenden und sehr detaillierten Untersuchungen des indischen Marxisten Prabhat Patnaik thematisiert Prashad, dass es nicht hauptsächlich ein subjektives Problem ist, die Einigkeit des Widerstands im „Globalen Süden“ herzustellen, sondern dass die Spaltungen gegenwärtig vielmehr tiefe objektive Grundlagen haben.

Kurt Schilde (Berlin) würdigt in einer biographischen Skizze den Berliner Kommunisten und antifaschistischen Widerstandskämpfer Wolfgang Szepansky (1910-2008): Einfühlsam skizziert der Autor sowohl dessen linkssozialdemokratischen familiären Hintergrund als auch seine wichtigsten und oftmals alles andere als einfachen Lebensetappen in der Weimarer Republik, während des Faschismus sowie im antikommunistisch geprägten West-Berlin.

Zwei Berichte beleuchten sehr konträre Aspekte der kommunistischen Strömung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Zunächst wird in einem Bericht über die gemeinsame Konferenz der „Internationalen Rosa Luxemburg Gesellschaft“ und russischer sowie deutscher Kooperationspartner am 5. und 6. Oktober in Moskau berichtet. Diese Konferenz anlässlich des 140. Geburtstags von Rosa Luxemburg stand unter dem Motto „Rosa Luxemburg: Theorie, Kontext, Aktualität“. Im Mittelpunkt der Tagung standen die Geschichte und die Aktualität des ökonomischen Werks von Rosa Luxemburg, neue Archivfunde zu ihrem ökonomischen Werk, neu aufgefundene polnischsprachige Artikel Luxemburgs sowie die Bedeutung ihrer Denkanstöße zur Lösung von Gegenwartsproblemen. In einem weiteren Bericht wird die Tagung „Nach dem Schweigen. Erinnerungsorte, Gedenkbücher, Opferlisten des sowjetischen Exils“ der Hellen Panke e.V.-Rosa Luxemburg Stiftung Berlin zusammen mit der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) am 28./29. Oktober 2011 behandelt. Durch diese Konferenz wurde versucht, bisher unbekannten Opfern des Stalinschen Terrors wieder einen Namen zu geben.

In einem sehr informativen und detaillierten Beitrag schildern Rainer Holze und Kurt Metschies (Berlin) anlässlich des 20. Gründungstages des „Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ sowie der 40. Ausgabe seiner „Mitteilungen“  die mühevolle Arbeit der zahlreichen Mitwirkenden  dieses Projektes, die nicht nur von Erfolgen geprägt worden ist. Holger Czitrich-Stahl (Glienicke) – Autor einer 2011 veröffentlichen äußerst bemerkenswerten Biographie über den sozialdemokratischen Juristen und Reichstagsabgeordneten Arthur Stadthagen – kann in seinem Beitrag die Datierung von zwei Briefen Rosa Luxemburgs an Arthur Stadthagen präzisieren.

Zahlreiche Rezensionen neuer Veröffentlichungen komplettieren wie üblich auch diesen Band des JahrBuches. Hier soll nur auf die Besprechung der Bände 30, 31 und 32 der Ersten Abteilung der MEGA mit dem „Spätwerk“ von Friedrich Engels durch Georg Fülberth hingewiesen werden. Denn auch wenn die Veröffentlichung der entsprechenden Bände mit dem Briefwechsel des „alten“ Engels noch völlig aussteht, so macht Fülberth doch auf die Bedeutung dieses „Spätwerks“ für die damalige sozialdemokratische ArbeiterInnenbewegung deutlich. Und auch für die Lösung heutiger Fragen und Probleme des modernen Sozialismus scheint eine möglichst intensive sowie detaillierte Auseinandersetzung gerade mit diesem Spätwerk äußerst ertragreich zu sein.   

(JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2012/I, 10 Euro (Jahresabo 25,- Euro). Bezug: Redaktion JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Weydingerstr. 14–16, 10178 Berlin, E-Mail: redaktion@jahrbuch-arbeiterbewegung.de)

Andreas Diers, Bremen