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20. Januar 2012

„Die einsame Stunde der letzten Instanz schlägt nie!“ Eine ´Spätlese` des Marxismus: Der Genosse Louis Althusser ist wieder da

Der globale Kapitalismus spielt seit einigen Jahren scheinbar vollkommen verrückt, die Kritiken an ihm werden deshalb auch in den großen Medien nicht mehr vollständig unterdrückt. Und gleichzeitig ist auch der Genosse Louis Althusser, der uns Begriffe wie „theoretische Problematik“ und „überdeterminierter Widerspruch“ serviert hat, wieder da. Zumindest ist ein bedeutender Teil seines umfangreichen Werkes erneut auf dem deutschen Buchmarkt präsent. „Just in time“ – denn sein umfangreiches Oeuvre hilft nicht zuletzt bei einer realistischen Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen und bei der Ausarbeitung einer realistischen sozialistischen Politik innerhalb der aktuellen gesellschaftlichen Konflikte und Kämpfe.Gelegentlich wird Louis Althusser als der letzte marxistische Philosoph von Weltrang bezeichnet. Im Oktober 1990 gestorben, ist Althusser allerdings weder in der BRD noch in der DDR jemals besonders beliebt gewesen – zeigte er mit seinem Werk doch auch auf, dass so manche der sowohl in den bundes- als auch ddr-deutschen mehr oder weniger biederen Gelehrtenstuben liebgewonnenen und sorgsam gehüteten ´wissenschaftlichen` Erkenntnisse zumindest einer kritischen Hinterfragung wert gewesen sind. In der DDR wurde das die Partei oftmals kritisierende Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) Louis Althusser als „Revisionist“ verschrien, in der BRD verhängte Alfred Schmidt, der vermeintliche Gralshüter der Frankfurter Schule, über Althusser das Verdikt wegen seiner angeblichen strukturalistischen Schandtat. Immerhin ist die Übersetzung der Aufsatzsammlung Althussers „Für Marx“ im Jahr 1968 im Suhrkamp-Verlag erschienen, und sein sowie Etienne Balibars zweibändiges Werk „Das Kapital lesen“ hat der Verlag Rowohlt im Jahr 1972 in deutscher Sprache herausgegeben, allerdings in einer schlechten und oftmals missverständlichen Übersetzung. Weitere zentrale Schriften Althussers hat zusätzlich auch der Hamburger VSA-Verlag herausgebracht. Die lediglich niedrigen Auflagen waren jedoch sehr schnell vergriffen und haben nur einige wenige kleine linke Theoriezirkel in der BRD erreicht.Als Folge einer persönlichen und privaten Tragödie, die seiner Ehefrau Hélène Rytman gegen Ende des Jahres 1980 das Leben gekostet hat, geriet Louis Althusser immer stärker in die Isolation. Dennoch haben Mitte der 1980er Jahre Frieder Otto Wolf und Peter Schöttler in Zusammenarbeit mit dem Argument-Verlag eine achtbändige Gesamtausgabe der Schriften Althussers geplant. Von diesen ursprünglich geplanten acht Bänden sind jedoch letztlich nur zwei erschienen, denn nach dem Tod ­Althussers im Oktober 1990 ist die Fortsetzung der Edition an Lizenzforderungen gescheitert. Die Autobiographie Louis Althussers „Die Zukunft hat Zeit“ erregte in Frankreich großes Aufsehen und der Verlag S. Fischer hat Im Jahr 1993 die deutsche Übersetzung verlegt. Mit dieser Autobiographie haben die französischen Nachlassverwalter mit einer Neuedition des Gesamtwerks von Louis Althusser begonnen, aber davon ist in den linken intellektuellen und politischen Kreisen der BRD so gut wie nichts zur Kenntnis genommen worden.

Zwanzig Jahre nach Louis Althussers Tod hat nun eine Gruppe von Getreuen um Frieder Otto Wolf einen neuen Anlauf unter Beteiligung mehrerer Verlage gewagt: die Verlage VSA und Suhrkamp bringen revidierte Neuausgaben von Werken, die dort früher bereits erschienen waren, heraus – alles weitere übernimmt der Verlag Westfälisches Dampfboot (planmäßig bis Ende 2012). Den Anfang machte im Jahr 2010 VSA mit der Herausgabe des ersten Teils von „Ideologie und ideologische Staatsapparate“ – der vielleicht bekanntesten, sicherlich jedoch am stärksten missdeuteten Arbeit von Louis Althusser. Der zweite Teil dieses Werks soll im Januar des Jahres erscheinen.In der Edition Suhrkamp liegt seit dem Jahr 2011 nun endlich wieder auch die bekannte Sammlung von Essays Louis Althussers aus den frühen 1960er Jahren „Für Marx“ als Neuausgabe mit einem Nachwort von Frieder Otto Wolf vor. Althusser hat in dieser Sammlung mehrere grundlegende Probleme für ein adäquates Verständnis der Theorie und Konzeption des ´Wissenschaftlichen Sozialismus` von Karl Marx und Friedrich Engels umrissen. Solche Begriffe Althussers wie zum Beispiel „theoretische Problematik“ und „überdeterminierter Widerspruch“ sind in den 1960er und 1970er Jahren prägend für die theoretischen Konzeptionen einiger bedeutender Intellektuellen gewesen.

Dabei sind diese Texte von Louis Althusser natürlich Dokumente einer heute schon recht weit zurückliegenden Vergangenheit und der damaligen Kontroversen. Deshalb fordert der Herausgeber Wolf völlig zu Recht eine „Kontextualisierung und Historisierung“ der Beiträge als einer notwendigen Bedingung der erneuten Aneignung. In dieser Sammlung hat Louis Althusser auch eine grundlegende theoretische Auseinandersetzung mit der ersten großen Krise der internationalen kommunistischen Bewegung begonnen. Die sehr halbherzige „Entstalinisierung“ in der UdSSR und in den mit ihr verbündeten Staaten und Parteien, der Bruch zwischen der VR China und der Sowjetunion sowie die Suche zahlreicher kommunistischer Parteien nach neuen Wegen zum Sozialismus bilden den historischen Bezugsrahmen der  philosophischen Erörterungen von Louis Althusser. Als erster bedeutender westlicher marxistischer Philosoph hat Louis Althusser damals die Bedeutung von Mao Zedong als Theoretiker einer irreduziblen Pluralität von Widersprüchen erkannt. Das hat natürlich zu jener Zeit nicht nur unter Intellektuellen erhebliches Erstaunen hervorgerufen, ist Mao Zedong außerhalb der maoistisch orientierten Gruppen und Parteien doch so gut wie nicht als ein irgendwie ernst zu nehmender Theoretiker wahrgenommen worden. Und die These Louis Althussers über den „epistemologischen Einschnitt“, der seiner Ansicht nach das wissenschaftliche Denken und Werk des reifen Marx von der „ideologischen“ Entfremdungskritik der Schriften des frühen Marx trenne, hat heftige und sehr kontroverse Diskussionen ausgelöst. Louis Althusser problematisierte vor allem die Bedingungen der Möglichkeit einer materialistisch-dialektischen Gesellschaftswissenschaft, die die gegenwärtigen hoch komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsformation und der einzelnen ´bürgerlichen`Zivilgesellschaften zwar durchaus im Sinne einer Kausalität der „Reproduktion der materiellen Lebensverhältnisse als der letzten Instanz“ (ähnlich Friedrich Engels) jedoch ohne irgendwelche ökonomistischen Verkürzungen erfasst und dabei auch auf jedlichen Geschichtsdeterminismus im Sinne einer Heilsgewissheit verzichtet. Louis Althusser hat den von Karl Marx und Friedrich Engels ansatzweise ausgearbeiteten ´Wissenschaftlichen Sozialismus` von dem theoretischen und politischen Dogmatismus befreien wollten, der nicht nur während der Zeit des Stalinismus, sondern teilweise schon nach dem Tod von Friedrich Engels in den sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien bestand. Dabei hat er sich zugleich jedoch auch ganz entschieden gegen ein Abdriften in die seichten Gewässer eines Reformismus und eines kleinbürgerlichen ´Humanismus` gewandt. Vielmehr hat nach der Intention von Louis Althusser die Applikation aktueller wissenschaftstheoretischer Konzepte auf die theoretischen Konzeptionen von Karl Marx und Friedrich Engels sowohl deren Revolution in der Theorie erklären als auch diese Theorie für die aktuellen sowie zukünftigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Klassenkämpfe fruchtbar machen sollen. Es ist eine ganz wesentliche Absicht Louis Althussers gewesen aufzuzeigen, dass die gesellschaftlichen Widersprüche sowohl äußerst komplexer Natur als auch hochgradig dynamisch sind. Diese Widersprüche unterliegen dabei ihrerseits einem Wandel der „Konjunktur“ – was einen Schlüsselbegriff in der theoretischen Konzeption von Louis Althusser bildet. Denjenigen theoretischen Ansichten und Konzeptionen, die die strukturellen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse außerhalb der Produktionssphäre lediglich nur als dem ökonomischen Bereich untergeordnete Effekte auffassen, hat sich Althusser energisch widersetzt, denn wenn als ´letzte Instanz` nur die Ökonomie der Gesellschaften angenommen wird, so gilt: „Die einsame Stunde der letzten Instanz schlägt nie“. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind nämlich niemals ausschließlich ökonomisch bestimmt. Zugleich hat Louis Althusser im Zusammenhang mit seiner nicht-ökonomistischen theoretischen Konzeption niemals die reformistische Illusion gehabt, wonach der fundamentale Unterschied zwischen einerseits den nichtantagonistischen und generell auch diskursiv veränderbaren gesellschaftlichen Widersprüchen sowie andererseits den antagonistischen und generell nur mittels materieller Macht aufzuhebenden gesellschaftlichen Widersprüchen der bürgerlich-kapitalistischen Zivilgesellschaften in irgend einer Art und Weise eingeebnet und aufgehoben werden kann.

Die „Konjunktur“ der gesellschaftlichen Widersprüche und deren Thematisierung durch die gesellschaftliche Linke sind im Zusammenhang mit der aktuellen massiven Finanz- und Wirtschaftskrise sowie deren gravierenden gesellschaftlichen Folgewirkungen wieder umgeschlagen. Nach längerer Zeit eines mehr oder weniger bestehenden „sozialen Friedens“, in der sich zumindest die westliche Linke immer mehr und intensiver mit gesellschaftlichen Konfliktfeldern außerhalb des Kapitalverhältnisses beschäftigt hat, entfaltet jetzt die kapitalistische Ökonomie global erneut ihr nach wie vor auch bestehendes Zerstörungspotential. In dieser Situation ist das Werk von Louis Althusser für die sozialistischen Linken aktueller denn je.

Das informative Nachwort von Wolf ist alles andere als ein anachronistischster Beitrag in dem Band – trotz der mit ihm anscheinend im Gegensatz stehenden gegenwärtigen gesellschaftlichen Fakten. „Die Thematisierung ausschließlich der Herrschaft des Kapitals“, so Wolf  mit einem Fingerzeig auf eine kritische Aktualisierung ­Althussers, „als des alles entscheidenden gesellschaftlichen Widerspruchs ist angesichts der theoretischen und praktischen Einsicht in andere Herrschaftsverhältnisse wie Rassismus, Antisemitismus und Sexismus heute schlicht nicht mehr zeitgemäß …“  In Zeiten, in denen etwa Barak Obama als erster afro-amerikanischer US-Präsident nach Ansicht sehr vieler Menschen offensichtlich nicht so sehr vor dem rassistischen Ku-Klux-Klan oder anderen rassistischen bzw. pro-faschistischen Organisationen, sondern vor allem vor den vermeintlich objektiven, scheinbar wissenschaftlich fundierten wirtschaftlichen Gutachten der neoliberalen Ratingagenturen zittern muss, klingt das zwar sicherlich etwas seltsam weltfremd – dennoch ändert das nichts an der gesellschaftswissenschaftlichen Richtigkeit und Angemessenheit dieser Aussage als einer Kritik an einer zu starken ökonomistischen Verengung des wissenschaftlichen Sozialismus und als ein Fingerzeig auf die Potentiale der in der Tradition von Louis Althusser stehender dialektisch-materialistischer Analysen der gesellschaftlichen Widersprüche innerhalb der bürgerlichen Zivilgesellschaften sowie ihrer tendenziellen Entwicklungen.

Werke von Louis Althusser (Auswahl):

-       Louis Althusser: Für Marx; herausgegeben und mit einem Nachwort von Frieder Otto Wolf, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 407 Seiten, 16,- €.

-       Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate,1. Halbband; aus dem Französischen von Peter Schöttler und Frieder Otto Wolf, VSA, Hamburg 2010, 128 Seiten, 12,80 €, ISBN 978-3-89965-425-7.

-       Louis Althusser: Über die Reproduktion: Der Überbau Ideologie und ideologische Staatsapparate, 2. Halbband; aus dem Französischen von Frieder Otto Wolf, VSA, Hamburg 2011, 200 Seiten, 19,00 €, ISBN 978-3-89965-451-6

-       Althusser, Louis: Materialismus der Begegnung. Späte Schriften; herausgegeben und übersetzt von Franziska Schottmann. Mit einem Beitrag von Howard Rouse; Diaphanes, Zürich 2010.

-       Althusser, Louis/Balibar, Etienne: Das Kapital lesen, Band 1.; Rowohlts deutsche Enzyklopädie Band 336, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek 1972.

-       Althusser, Louis / Balibar, Etienne: Das Kapital lesen, Band 2; Rowohlts deutsche Enzyklopädie Band 337, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek 1972.

Sekundärliteratur:

-       Steinert, Daniela: Louis Althussers Verständnis von Ideologie in seinem Aufsatz 'Ideologie und ideologische Staatsapparate'. Die Anrufung der Ideologie; GRIN VERLAG, September 2007, ISBN 3638776611.

-       Wohlgemuth, Marcus: Reproduktionsmechanismen des Kapitalismus Versuch einer Konkretisierung von Althussers Ansatz zur Reproduktion von Gesellschaftsverhältnissen in Ideologischen Staatsapparaten; GRIN VERLAG, Juni 2011, ISBN 3640933311.

-       Karsz, Saul: Theorie und Politik: Louis Althusser; ullstein Verlag, 1976

-       Werner-Hervieu, Gudrun: Begegnungen mit Louis Althusser - Persönliche und politische Erinnerungen; Karin Kramer Verlag, Berlin 1998

-       Arenz, Horst/Asche, Helmut/Bierbaum, Christiane u. a.: Louis Althusser. Marxistische Kritik am Stalinismus? Projekt Klassenanalyse; VSA, Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung, Berlin 1975.

-       Das Argument 94. Antwort auf Althusser; Argument Verlag, Berlin 1975.

-       Spiegel, Hermes: Gramsci und Althusser. Eine Kritik der Althusserschen Rezeption von Gramscis Philosophie; .Argument Verlag, Berlin1997.

-       Müller, Jens Christian: Der Staat in den Köpfen: Anschlüsse an Louis Althusser und Nicos Poulantzas; Edition Bronski, Bd. 1, Decaton-Verlag, Mainz 1994.

-       Balibar, Etienne: Für Althusser; Edition Bronski, Bd. 2, Decaton-Verlag, Mainz 1994.

-       Hong, Joon-kee: Der Subjektbegriff bei Lacan und Althusser. Ein philosophisch-systematischer Versuch zur Rekonstruktion ihrer Theorien; Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main/Berlin/Bern, Wien 2000.

-       Böke, Henning: Denk-Prozesse nach Althusser; Argument Verlag, Hamburg 1994.

-       Arenz, Horst/Helmut Asche/Christiane Bierbaum, u. a: Louis Althusser. Marxistische Kritik am Stalinismus? Projekt Klassenanalyse; Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung, Berlin 1975.

Andreas Diers