6. Januar 2012

Rosa Luxemburg und die Bremer Linke. Ihre Stellung zur russischen Revolution.

Vortrag von Jörg Wollenberg auf der Tagung der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft am 6.10.2011 in Moskau (Kurzfassung). Jörg Wollenberg war Professor im Studiengang Weiterbildung an der Universität Bremen. Er veröffentlichte u. a. zahlreiche Arbeiten zur Geschichte der Arbeiterbewegung und zur regionalen Geschichte des Faschismus in Deutschland. 

„Bremen als Pfeiler des Radikalismus in Deutschland“ (Rosa Luxemburg, 1912)

Bis Ende 1918 gab es kaum eine andere Stadt in Deutschland, in der die Organisationen des revolutionären Marxismus eine vergleichbare starke Basis besaßen wie die Linksradikalen in Bremen. Das war das Ergebnis des Aufbaues eines Vertrauensmännersystems auf den Werften und der Präsens ihrer Funktionäre innerhalb der offiziellen Parteiorganisation der Sozialdemokratie bis 1917. Und weil es den Bremer Linken nicht allein um die Verbesserung der Lebenslage der Arbeiter ging, sondern auch um die Durchsetzung der sozialistischen Gesellschaftsordnung, gewann die Jugend- und Bildungsfrage eine herausragende Bedeutung – mit der Gründung einer autonomen Bildungseinrichtung durch die 1905 vollzogene Trennung vom bürgerlichen „Goethe-Bund“ und die Einstellung einer fest und gut besoldeten Lehrkraft (Pannekoek). Die von Rosa Luxemburg geforderte Erziehung zum kritischen und selbständigen Denken und Handeln wurde hier früh realisiert. In der Bremer Bürgerzeitung (BBZ) mit Heinrich Schulz und Alfred Henke als Chefredakteure, vor allem aber durch die von Johann Knief ab Juni 1916 geleitete „Wochenschrift für wissenschaftlichen Sozialismus“, die „Arbeiterpolitik“, besaßen sie außerdem linke Publikationsorgane von überregionaler Bedeutung. Von der Spartakusgruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht unterschied sich die rund 500 Mitglieder umfassende Gruppe der Bremer Linken[1] dadurch, dass sie das Recht auf „Vaterlandsverteidigung“ in einem Krieg ablehnten, der aus ihrer Sicht ein aus den spezifisch imperialistischen Widersprüchen erwachsener Konflikt war. Deshalb wurde Karl Radeks scharfe Kritik an der Behandlung der „Vaterlandsverteidigung“ in der sog. „Junius- Broschüre“ in der Nummer 6, 7 und 8 des ersten Jahrgangs der „Arbeiterpolitik“ in voller Länge abgedruckt[2], auch wenn die Bremer Linke den Verzweiflungsschrei über das Versagen der Sozialistischen Internationale mit Rosa Luxemburg teilte. .Außerdem verweigerten die Bremer Linken aus prinzipiellen Gründen jegliches organisatorisches Zusammengehen mit der zentristischen USPD, zu dem sich die Spartakusgruppe entschieden hatte. In der Bürokratie der alten Arbeiterorganisationen, vor allem in den Gewerkschaften, erkannten sie den Kern des Opportunismus in der deutschen Arbeiterbewegung. Mit den Syndikalisten teilten sie die Überzeugung von der totalen Diskreditierung der Gewerkschaftsbürokratie im Ersten Weltkrieg. Deshalb plädierten sie ab August 1917 bis März 1920 als linkskommunistisches Sammelbecken der Opposition (ISD/IKP) in der Ende 1918 mit ihrer Unterstützung in Berlin neu gegründeten KPD (Spartakus) für eine neue „gewerkschaftlich-politische Einheitsorganisation“, genauer für die notwendige Synthese des politischen und wirtschaftlichen Kampfes in den „Einheitsorganisationen“. Auf dem Gründungsparteitag der KPD scheiterten sie mit diesem von Felix Schmidt und Karl Becker eingebrachten Bremer Antrag am Widerspruch von Rosa Luxemburg.[3] Dagegen gelang ihnen in der Frage der Beteiligung  an den Wahlen zur Nationalversammlung ein Erfolg über Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Mit 62 gegen 23 Stimmen siegten die „Rühlianern“ (Otto Rühle) mit den Bremer Vertretern der IKPD. Sie plädierten mit Ausnahme von Johann Knief für die Nichtbeteiligung[4]. Dazu schrieb Rosa Luxemburg an Clara Zetkin am 11. Januar 1919: „Vergiss nicht, dass die Spartakisten zu einem großen Teil eine frische Generation sind, frei von den verblödenden Traditionen der ‚alten bewährten’ Partei - und das muss mit Licht- und Schattenseiten genommen werden. Wir haben alle einstimmig beschlossen, den Casus nicht zur Kabinettsfrage zu machen und nicht tragisch zu nehmen“.[5]

Unterschiedliche Gemeinsamkeiten zur Russischen Revolution

In Fragen des „Führertums“ der neuen Partei blieben die Bremer Linken bei den Positionen, die sie am 10. März 1917 in der Nr. 10 des 2. Jahrgangs der „Arbeiterpolitik“ in Übereinstimmung mit anderen Gruppen der „Internationalen Sozialisten  Deutschlands“ (Julian Borchardt) prinzipiell festgelegt hatten: „Um zu verhindern, dass bei der Neugründung der Partei der alte Geist lediglich in neue Formen gegossen wird, kommt es auf die Beseitigung jeglichen Führertums in der „Arbeiterbewegung an. Was wir brauchen, um zum Sozialismus zu gelangen, ist reine Demokratie unter den Genossen, das heißt Gleichberechtigung, Selbständigkeit, Wille und Kraft zur eigenen Tat bei jedem Einzelnen. Nicht Führer dürfen wir haben, sondern nur ausführende Organe, die, anstatt ihren Willen den Genossen aufzuzwingen, umgekehrt nur als deren Beauftragte handeln“ (S. 77).

Eine Bestätigung für diese Position sahen sie in dem Brief Lenins an den Bauernkongress von Ende Mai 1917, den sie am 28. Juli 1917 im 2. Jg. der Nr. 30 der Arbeiterpolitik als Abschluss des Beitrags zum „Fortgang der russischen Revolution“ (S. 229-232) komplett zitieren. Hierin beschreibt Lenin „die großen Differenzen, die sie von den Sozialrevolutionären und den Menschewiki trennen“: die Fragen des Bodens, des Krieges und der staatlichen Organisationen.

Wie schon in seinem „Abschiedsbrief an die Schweizer Arbeiter“ vom April 1917[6], setzte Lenin auf Grund seiner langen Verbindung zu der Bremer Linken im August 1917 in dem Schreiben an das Auslandsbüro des ZK erneut auf die Linksradikalen der Arbeiterpolitik: Er forderte die Einberufung einer internationalen Konferenz der Linken zur Gründung der III. Internationale. Hauptkern sollte neben den Bolschewiki und anderen aufrechten Internationalisten die Richtung bilden, „die in der Bremer ‚Arbeiterpolitik’ Propaganda treibt“.[7] Auch für Rosa Luxemburg blieb die Bremer „Wochenschrift für wissenschaftlichen Sozialismus“ trotz ihrer Zurückhaltung gegenüber einigen Positionen der Bremer Linken ein unverzichtbares Informationsorgan. So bestand sie im November 1916 im Gefängnis Wronke wie auch während der Schutzhaft in Breslau darauf, die Bremer „Arbeiterpolitik“ zu abonnieren[8]. Diese Wochenschrift berichtete ab 1916 über Probleme der Arbeiterbewegung in Russland, ab März 1917 verstärkt über den Fortgang der Revolution und ab 17.11.1917 (u.a. aus der Feder von Knief und Radek) regelmäßig über den Ablauf der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“, ergänzt um zahlreiche Beiträge von Lenin und Auszüge aus den Zentralorganen der Bolschewiki. Deshalb darf davon ausgegangen werden, dass Rosa Luxemburg bei der Abfassung ihres unvollendeten Gefängnismanuskripts vom September 1918 über die Russische Revolution auf diese Bremer Beiträge zurückgegriffen hat. Diese Spur ist bislang in ...

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[1] Wir folgen hier den bei Kuckuk, Bremen in der Deutschen Revolution 1918/19, 1986, S. 32 angegebenen Zahlen und Einschätzungen, auch wenn die Bremer Polizeidirektion die Stärke lediglich auf „einige 80 Köpfe“ bezifferte.

 

[2] „Im Fangnetz der Widersprüche“, Arbeiterpolitik, 29.7.1916, S. 45f; 5.8.1916, S. 53f; 12.8.1916, S.60; vgl. dazu auch Lenins Kritik in: Werke, Bd. 22, S. 311f, 323ff.

 

[3] Vgl. Die Gründung der KPD, hrsg. von Hermann Weber, 1993, S.159f, Rosa L. dazu S.162ff; siehe auch G W, Band 4, 1974, S.485ff.

 

[4] Vgl. dazu E. Schüddekopf, Karl Radek in Berlin, in: Archiv für Sozialgeschichte, 1962, S.135. Karl Radek hatte Knief in Berlin im Dezember 1918 unter massiven Druck überzeugt, für die Wahl zur Nationalversammlung einzutreten. Knief wurde deshalb von der Bremer IKP nicht als Delegierter zum Gründungskongress der KPD gewählt.

 

 

[5] Rosa L., Briefe, Band 5, 1984, S.426f.

 

[6] Lenin, Werke, Bd. 23, S. 386: „In Deutschland brodelt es schon in der proletarischen Masse“.

 

[7] vgl. Lenin, Werke, Bd.6, S.20; Bd. 35, S. 261 (russ. Ausgabe)

 

[8] Vgl. Brief an Mathilde Jacob, 10.11.1916, Briefe, Bd.5, S. 139f.