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9. Mai 2008

"Peter Stremmel muss bleiben!" Betriebsversammlung im Klinikum Links-der-Weser

Peter Erlanson. Seine Rede und der brausende Beifall, den er erhielt, wurden in den Bremer Medien leider weitgehend verschwiegen.

Der Bürgermeister (Jens Böhrsen), die Finanzsenatorin (Karoline Linnert), die Gesundheitssenatorin (Ingelore Rosenkötter), wurden in der proppenvollen Betriebsversammlung im Klinikum Links-der-Weser mit einem gellenden Pfeifkonzert bedacht - weil sie trotz dringender Einladung durch den Betriebsrat nicht gekommen waren und sich davor gedrückt hatten, die Gründe für ihre Entscheidung zu nennen. Nämlich Peter Stremmel, bis Ende des Jahres noch Geschäftsführer, zu entlassen (bzw. seinen Vertrag nicht zu verländern).

Der Vorgang ist völlig unglaublich! Es sieht gerade so aus, als ob die Gesundheitspolitik in Bremen nach den Skandalen mit Wolfgang Tissen und Andreas Lindner (der zur Zeit wegen seiner krummen Geschäfte einsitzt) von den Verantwortlichen in die nächste Krise gestürzt wird. Peter Stremmel ist der erfolgreiche Geschäftsführer des erfolgreichsten Klinikums innerhalb der Holding Gesundheit Nord (Geno); das "LdW" schreibt schwarze Zahlen. Wie es aussieht, hat Stremmel zur Zeit die Belegschaft und den Betriebsrat geschlossen hinter sich. Lautstarke Rufe wie "Stremmel muss bleiben!" und Unterschriftenlisten signalisierten diese Unterstützung deutlich.

Großes Rätselraten: was kann nur in den neuen Geno-Chef Diethelm Hansen gefahren sein, ausgerechnet seinen erfolgreichsten Co-Chef zu feuern? Marianne Carl vom Betriebsrat meinte dazu kühl: Das ist das Highlander-Prinzip, das da lautet: "Es kann nur einen geben." Es kann ja sein, dass es sich hier tatsächlich um einen reinen Machtkampf zwischen zwei Personen handelt. Aber wahrscheinlich steckt doch mehr dahinter.

Eine Begründung, also die Nennung von sachlichen Gründen für diesen Rauswurf, fehlt aber bisher völlig. Nach der Aufdeckung der kriminellen Machenschaften von Tissen und Lindner und dem Auswechseln fast aller für die Bremer Gesundheitspolitik der letzten Zeit Verantwortlichen hatten die neuen hoch und heilig Transparenz und permanente gegenseitige Beratung versprochen. Die neuen, dass sind vor allem Ingelore Rosenkötter als neue Senatorin, Hermann Schulte-Sasse als ihr - ebenfalls neuer - zuständiger Staatsrat und Diethelm Hansen als neuer Chef des Bremer Gesundheits-Konzerns. Verantwortlich und also in diese schlimme Personalentscheidung einbezogen sind die neue Finanzsenatorin Karoline Linnert (ehemals Vorsitzende des Untersuchungsausschusses für den Klinik-Skandal) und schließlich Jens Böhrnsen als neuer und alter Bürgermeister, der für die ganze verfahrene Chose ebenfalls die politische Verantwortung trägt. Sie könnten diese Personalentscheidung wieder kassieren.

Sie als die eigentlich Verantwortlichen aber waren gestern nicht erschienen. Das ebenso arrogante wie ignorante Verhalten der abwesenden verantwortlichen Damen und Herren brachte die Belegschaft auf der Betriebsversammlung gestern regelrecht auf die Palme. In einem gepfefferten Flublatt, einer Resolution, die einmütig verabschiedet wurde, wurden die fehlenden Informationen und die sofortige Rücknahme dieser Personalentscheidung eingefordert. Die anwesenden Bürgerschaftsabgeordneten Rita Mohr-Lüllman (CDU) und Winfried Brumma (SPD) erklärten, auch sie hätten nichts gewußt. Auch sie fanden das Verhalten kritikwürdig.  Ihre Kommentare blieben aber etwas lahm. Die Absetzung eines Klinikchefs müsse man "richtig kommunizieren", so Brumma. Und: "Das geht so einfach nicht". Und Frau Mohr-Lüllmann meinte: der vorherige Geno-Chef sei gescheitert, weil er eine Strategie entwickelt habe, "ohne die Mitarbeiter mitzunehmen."

Brausenden und wiederholten Beifall erhielt Peter Erlanson, gleichzeitig Betriebsrat und Bürgerschaftsabgeordneter, während seiner Rede. Alle würden nur von Kosten, von weiterem Stellenabbau, von weiteren Einsparungen und weiteren Rationalisierungsschritten reden. Personaleinsparungen und Stellenabbau hätte es in der Vergangenheit genug gegeben. Mehr ginge nicht. Was dabei immer mehr auf der Strecke bliebe, wäre schlicht und einfach die Qualität der Arbeit im Krankenhaus. Die Folgen wären bekannt: zunehmende Notstände im Bereich der Pflege und der Medizin.

Zurück zu den Gründen für diesen überaus umstrittenen und völlig überraschenden Rauswurf von Peter Stremmel. Was steckt dahinter, wenn der neue Geno-Chef den bekannten und erfolgreichen Geschäftsführer vom "LdW" so plötzlich loswerden will? Eine einsame Entscheidung von Hansen, der selber nur Angestellter ist, kann es nicht sein, denn dafür ist sie zu wichtig und zu spektakulär. Eine Begründung aber wird nicht gegeben, eine Strategie, welche Politik im Bereich Gesundheit in Bremen in Zukunft verfolgt werden soll, wird auch nicht kommuniziert.

Also bleiben Spekulationen, die in einer solchen Situation natürlich ins Kraut schießen. Das Klinikum-Ost schreibt rote Zahlen, nicht zuletzt auch deshalb, weil es von Lindner regelrecht ausgeplündert worden ist. Das Klinikum-Mitte arbeitet ebenfalls mit hohen Verlusten, was auch in der nächsten Zeit so bleiben wird, da sich hier die Situation erst mit dem Neubau verbessern kann. Also ist es logisch, sich beim Klinikum Links-der-Weser zu bedienen. Wie man das machen kann? Man versucht, die sogenannten "patientenfernen" Bereiche herauszuziehen (zu zentralisieren) und so eine neue Verteilung von Kosten und Erlösen zwischen den Bremer Kliniken in der Holding zu erzwingen. Wahrscheinlich hat sich Peter Stremmel mit einer solchen Politik nicht einverstanden erklärt. Vielleicht hat er gemeint, dass es ungerecht wäre, wenn jetzt die Beschäftigten des "LdW" für die Ausplünderungen in "Ost" und für die Fehlentscheidungen in "Mitte" bluten müßten. Und dass für die Deckung dieser Defizite andere Wege gefunden werden müßten, weil auch andere dafür die Verantwortung zu tragen hätten. Kritische Einwände aber mochten seine Chefs (Hansen, Schulte-Sasse, Rosenkötter) wohl nicht hören. Das wurde ihm als Illoyalität angekreidet. Die Folge: Rauswurf.

Es wird sich zeigen, ob dieser plötzliche Rauswurf Bestand haben wird. Und ob es sich Bremen leisten kann, nach dem ganzen Kladderadatsch in der Gesundheitspolitik der Vergangenheit wieder mit plötzlichen, unbegründeten und irrationalen Personalentscheidungen anzufangen. Schon wird ja gemunkelt, dass Hansen lieber "seine" Boys aus Berlin nach Bremen holen möchte. Die Patienten in Bremen und umzu sowie die über 5.000 Beschäftigten in den städtischen Kliniken brauchen nicht neue und falsche Personalentscheidungen, sondern endlich eine tragfähige, langfristige und breit kommunizierte Strategie für die Gesundheitspolitik in Bremen. Die in naher Zukunft anstehenden Entscheidungen sind zu wichtig und zu schwierig, als dass man sie mit solchen Hauruck-Entscheidungen "managen" könnte. Es läßt Schlimmes ahnen, wenn ein erfolgreicher Geschäfsführer gegangen wird, nur weil sein neuer Chef ihn für nicht loyal hält.

Belegschaft und Betriebsrat mit Unterstützung des Ortsamtsleiters von Obervieland haben jedenfalls lautstarkt gefordert: "Peter Stremmel muß bleiben!" Diese Personalentscheidung muss und kann wieder rückgängig gemacht werden.
(sh)



Hier die Resolution:

Resolution der Betriebsversammlung am 08.05.08 im Klinikum Links der Weser: Schon nach 4 Wochen im Amt zeigt Herr Dr. Hansen sein wahres Gesicht, und die Verantwortlichen schweigen!

Es ist ein ganz normaler Vorgang, dass befristete Verträge auch auslaufen können, so der neue Geschäftführer der Gesundheit Nord gGmbH Herr Dr. Hansen.

Aus Respekt vor der Leistung von Herrn Dr. Stremmel in der Vergangenheit wird Herr Dr. Hansen ohne Angabe von Gründen den Vertrag von Herrn Dr. Stremmel nicht mehr verlängern, der zum Ende diesen Jahres ausläuft.

Das ist ein unglaublicher Vorgang, der erfolgreichste Geschäftsführer der Klinika der Gesundheit Nord soll seinen Hut nehmen.

Aus Respekt vor den Leistungen von Dr. Stremmel will Herr Dr. Hansen seine Entscheidung nicht weiter kommentieren.

Dieses „transparente Vorgehen“ von Herrn Dr. Hansen ist kaum noch an Transparenz zu unterbieten.

Jetzt wissen wir endlich, was Herr Dr. Hansen unter maximaler Transparenz  versteht, von der er in allen Mitarbeiterversammlungen der Klinika gesprochen hat.

Wir, die Beschäftigten des LdW, können diese willkürliche und fachlich inkompetente Entscheidung eines Einzelnen in keinster Weise nachvollziehen.

Wir, die Beschäftigten des LdW, fordern von Herrn Dr. Hansen und den politisch Verantwortlichen: 

Die wirtschaftliche Eigenständigkeit des LdW darf nicht  unterwandert werden, denn das schadet nicht nur dem LdW sondern auch dem  Klinikverbund.

Der geplante Stellenabbau im LdW ist zurück zu nehmen, denn nur mit entsprechend qualifiziertem Personal können die ehrgeizigen Ziele erreicht werden.

Personalabbau zu Lasten der medizinischen und pflegerischen Machbarkeit ist ökonomisch und ethisch nicht vertretbar.

Vor Strukturveränderungen insbesondere im LdW muss es eine objektive und transparente Strukturanalyse geben.

Bei allen anstehenden Veränderungen oder Umstrukturierungen im LdW muss die Qualität der medizinischen und pflegerischen Versorgung der PatientInnen oberste Priorität haben.

Keine Teilprivatisierung von patientenfernen Bereichen.

Vor Zentralisation ist aus fachlicher und ökonomischer Sicht zu prüfen, ob nicht auch durch eine zielorientierte Kooperation das angestrebte Ergebnis zu erreichen ist.

Vor Zentralisation und Outcourcing von sogenannten patientenfernen Bereichen ist eine Nutzwertanalyse zu erstellen, in der die fachlichen, qualitativen und ökonomischen Auswirkungen bewertet werden müssen.

Bei allen Entscheidungsprozessen und den daraus resultierenden Maßnahmen sind die betroffenen MitarbeitInnen zu beteiligen.

Der Vertrag mit Dr. Stremmel als Geschäftsführer ist uneingeschränkt zu verlängern.
Bremen, den 08.05.2008

Flugblatt des Betriebsrats:
Kaum vier Wochen im Amt sorgt der neue Holdinggeschäftsführer Herr Dr. Hansen für den ersten Klinikskandal!

Liebe KollegInnen,
aus machtpolitischem Kalkül heraus wurde Herrn Dr. Stremmel am Montag, den 05.05.2008 durch Herrn Dr. Hansen, der erst seit vier Wochen neuer Geschäftsführer der Gesundheit Nord ist, mitgeteilt, dass sein Arbeitsverhältnis, nach über 20 Jahren Betriebszugehörigkeit, zum Jahresende ausläuft.

Dieses konnte man heute, vermutlich auf Grund einer gezielten Indiskretion, der Presse entnehmen.

Sachliche Gründe wurden nicht mitgeteilt!

Anscheinend sollen wir uns Alle darauf verlassen, dass Herr Dr. Hansen und die Eigentümerin schon wissen was sie tun. Wohin das führt haben wir bei den Herren Tissen und Lindner gesehen.

Ableiten lässt sich das Verhalten von Herrn Dr. Hansen vielleicht über Aussagen gegenüber den KollegInnen in der Mitarbeiterversammlung am 30.04.2008. Hier teilte Herr Dr. Hansen mit, dass sich alle Holding-Krankenhäuser am bundesdeutschen Durchschnitt zu messen haben. Nach Durchsicht der Unterlagen und Abgleich mit den Leistungszahlen unseres Klinikums würde das für unser Haus bedeuten, dass wir schlechter werden müssen, weil wir in fast allen Leistungskennzahlen schon jetzt besser sind als der Bundesdurchschnitt.

Anscheinend lässt sich der Weg in die Durchschnittlichkeit nur realisieren, wenn es keine kritische Fachkompetenz in den Leitungsetagen gibt.Zu hoffen ist, dass sich der Bürgermeister Herr Böhrnsen noch daran erinnert, dass er Dr. Stremmel noch vor ca. einem ¾ Jahr persönlich gebeten hat, auf Grundlage seiner besonderen Leistungen in Bremen und im Klinikum Links der Weser zu bleiben.

Betriebsrat Klinikum Links der Weser