11. Februar 2013

411. Montagsdemo: "Eine Viertelmillion Jugendliche ohne Lehrstelle wird nicht mitgezählt"

Elisabeth Graf1. Beim sogenannten Ausbildungs­pakt scheint es sich um eine Mogelpackung zu handeln. Sollten die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, drei Bundesministerien, die Agentur für Arbeit und die Kultusminister der Länder tatsächlich 250.000 Jugendliche ignorieren, die, ohne eine Lehrstelle zu haben, dennoch als versorgt gelten? Das offizielle Ziel sei angeblich, „allen ausbildungsreifen und ausbildungswilligen Jugendlichen ein Angebot auf Ausbildung zu unterbreiten“. Wer nach dieser Wi­schi­wa­schi-For­mu­lie­rung keine Ausbildung ergattert, ist dann wahrscheinlich weder ausbildungswillig noch ausbildungsreif!

Der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisiert die Bilanz des Pakts als geschönt, weil kleingerechnet. Vor der Ausbildungsbilanz des Pakts werden rund 250.000 Jugendliche quasi versteckt, indem sich 167.772 davon im sogenannten Übergangssystem tummeln. Sie dümpeln in einem Bündel von Warteschleifen, schulischen Nachqualifizierungen und Weiterbildungen vor sich hin, ohne dabei einen Abschluss zu erwerben oder wenigstens Geld zu verdienen. Fast 90.000 Jugendliche sind einfach aus der Statistik verschwunden. Darunter befinden sich viele Zuwandererkinder oder schlicht junge Menschen, die davon angeödet sind, eine staatliche Ehrenrunde, eine sinnlose Maßnahme nach der anderen zu drehen.

Indem in gewohnter Manier – wie bei den Langzeitarbeitslosen auch schon – bestimmte Gruppierungen einfach nicht mehr mitgezählt werden, lässt sich natürlich leicht die wohlklingende Behauptung aufstellen, dass es in Deutschland mehr offene Ausbildungsplätze als Bewerber gebe. Offensichtlich soll vertuscht werden, dass die Zahl der Ausbildungsplätze im vergangenen Jahr mit 551.000 auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren war. Wenn die Wirtschaft in ihren wichtigsten Sektoren immer weniger Lehrstellen anbietet, besonders in der Metall- und Elektroindustrie sowie in kaufmännischen und pflegerischen Berufen, dann züchtet sie sich sehenden Auges einen Fachkräftemangel heran, den sie schon jetzt beklagt. Es ist natürlich einfacher, dann Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, die für noch weniger Lohn arbeiten und deren Ausbildung Deutschland zudem nichts kostete.

 

2. In Augsburg wollte eine Jugendliche ihren Augen nicht trauen, als sie Post von der dortigen Arbeitsagentur öffnete, denn die Behörde schlug ihr einen Arbeitsplatz im Bordell vor, eine Stelle als „Servicekraft“. Als ob dies auch nur einen Deut besser wäre, sagte der Geschäftsführer, dass das Angebot per Brief ein Versehen gewesen sei, weil bei einer Stelle im Rotlichtmilieu die Frau eigentlich vor dem Schreiben hätte gefragt werden müssen, ob sie „interessiert“ sei. Hier sei ein Fehler unterlaufen. Die Voraussetzung, um den Bordellgästen an der Theke Getränke auszuschenken, sei ein „ansprechendes Auftreten“. Meine Güte, es geht ja wohl kaum darum, ob hier „ungefiltert Vermittlungsvorschläge rausgehauen“ werden, sondern darum, dass überhaupt solche widerlichen Arbeitsangebote im Rotlichtmilieu zugemutet werden sollen!

Auch wenn Prostituierte seit 2002 offiziell als „Sexarbeiter(innen)“ gelten und dieser Beruf nicht mehr als sittenwidrig gilt, ist es in meinen Augen eine widerliche Tätigkeit, die keiner Frau und keinem Mann zugemutet werden darf! Mir kann niemand erzählen, dass Prostitution eine „Arbeit wie jede andere“ sei. Kann Prostitution wirklich freiwillig sein? Schließlich wird in ganz Westeuropa Prostitution als Verstoß gegen Menschenrechte und Menschenwürde diskutiert. In immer mehr Ländern wird der Kauf sexueller Dienstleistungen bestraft, nur in Deutschland gilt Prostitution immer noch als „Beruf wie jeder andere“. Prostitution zerstört nicht nur Körper und Seele der sich prostituierenden Frauen (die nicht selten Hausfrauen sind, die heimlich dazu verdienen), sondern macht alle Frauen zum käuflichen Geschlecht. 80 Prozent aller Prostituierten sollen sexuell missbraucht worden sein!

 

3. Die Bundesagentur für Arbeit will Zehntausende Hartz-IV-Bezieher zwischen 25 und 34 Jahren noch einmal in die Lehre schicken, damit sie einen Ausbildungsabschluss erwerben. Rund ein Sechstel der Angehörigen dieser Altersgruppe habe keinen Berufsabschluss, gehe nicht zur Schule, absolviere kein Studium und keine Berufsausbildung. Um den Erfolg der Initiative sicherzustellen, geht es nach Einschätzung der Bundesagentur jetzt darum, Betriebe dazu zu bewegen, auch „reiferen jungen Menschen“ und nicht nur Schulabgängern eine berufliche Ausbildung zu ermöglichen. Noch einmal wird die Lüge aufgetischt, dass viele Unternehmen derzeit Probleme hätten, freie Lehrstellen zu besetzen.

Ich finde die Altersgrenze von 34 Jahren völlig daneben! Dass sich auch noch mit Ende 40 eine Ausbildung beginnen und mit über 50 Jahren erfolgreich abschließen lässt, habe ich am eigenen Leibe erlebt. Ich habe heute eine unbefristete Vollzeitstelle. Ich bin mir meines Glückes bewusst und frage mich gleichzeitig, wo die vielen Umgeschulten hinterher einen real existierenden sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz finden sollen, der anständig bezahlt wird, wenn gleichzeitig immer mehr Stellen abgebaut werden. Die ganze Mühe lohnt sich doch sonst nicht – oder soll etwa bloß damit Vorlieb genommen werden, zwei bis drei Jahre davor verschont zu bleiben, in regelmäßigen Abständen sinnlose Bewerbungen produzieren zu müssen?

Jetzt wird der Fokus wieder auf die Erwerbslosen gelenkt, die keine Ausbildung abgeschlossen haben. Niemand guckt auf die vielen älteren Erwerbslosen, die trotz mehrerer Ausbildungen keine Stelle finden und mit 45 oder 50 als „zu alt“ für den Arbeitsmarkt gelten – obwohl bis zum Alter von 67 Jahren gearbeitet werden soll. Schade, dass nur Lehrstellen angeboten werden, denn alle von Arbeitslosigkeit Betroffenen würden es sicher begrüßen, wenn einige von ihnen zu Sozialanwälten ausgebildet würden, weil die wirklich dringend gebraucht werden!

Elisabeth Graf (parteilos, aber Partei ergreifend)