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10. November 2009

254. Montagdemo: "Bewerbungstraining bringt nichts: Arbeitslose unschuldig an der Krise"

1. Endlich wird öffentlich, was die leidtragenden Hartz-IV-Bezieher seit Jahren am eigenen Leibe spüren müssen: dass sogenannte Bewerbungstrainings den Erwerbslosen in der Regel nichts bringen. Dies brachte nun eine Studie des „Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ in Nürnberg an den Tag. IAB-Experte Joachim Wolff sagte, dass solche Trainings keinen vorteilhaften Effekt auf die spätere Beschäftigungsquote hätten. Das Institut untersuchte, ob Bezieher vom ALG II nach einem Bewerbungstraining eher einen regulären Job fänden als solche, die diese„Fördermaßnahme“ nicht über sich ergehen lassen mussten. Irgendwie geht es nicht in die Köpfe, dass es keine Vollbeschäftigung mehr geben wird, solange die Arbeitszeit nicht bei vollem Lohnausgleich radikal verkürzt wird! Durch Bewerbungstraining entstehen auch keine neuen Arbeitsplätze, doch lassen sich durch diese meist sinnlosen Kurse die Arbeitslosenstatistiken aufhübschen, weil die Kursteilnehmer darin nicht mehr auftauchen. Aber gewisse Trägergesellschaften verdienen sich damit eine goldene Nase!

2. Bei der Berufsberatung Jugendlicher der Agentur für Arbeit in Rheine wird bereits unterschieden, ob die Kinder aus„normalen“ oder aus Hartz-IV-Familien stammen. Die Jugendlichen müssen im Anmeldebogen zur Berufsberatungs-Sprechstunde in den persönlichen Daten neben ihrem Grad einer eventuellen Schwerbehinderung angeben, ob ihre Eltern ALG II beziehen oder nicht. Erst im Anschluss daran wird nach Schulabschlüssen und schulischen Daten gefragt. Für die Berufsberater scheint es von immenser Bedeutung zu sein, ob die Jugendlichen aus einem Haushalt kommen, wo die Eltern Transferleistungen beziehen. In Berlin sollen Schüler einer Hauptschule im Unterricht Anträge auf das ALG II ausgefüllt haben müssen. Ob das nun einer Vorbereitung auf ihren weiteren Lebensweg gleichkommen sollte? Erfindet die Bundesagentur für Arbeit den neuen Berufszweig„Arbeitslosengeld-II-Bezieher“, der dann in den entsprechenden„bildungsfernen Schichten“ generationsübergreifend quasi vererbt wird, wie früher die Berufe der Landwirte, Bergarbeiter, Stahlkocher oder der privilegierten Pharmareferenten oder Zahnärzte?

Dass selbst die Diskriminierung der Kinder von Hartz-IV-Eltern so dreist und ungeniert vorgeführt wird, macht überaus deutlich, wie tief die von Politikern und Medien inszenierte Stigmatisierung bereits im Bewusstsein der Bevölkerung verankert ist. Was soll also ein Berufsberater mit dieser Art von Information anfangen können? Soll es ihm beim Sortieren helfen, nach dem Motto: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen? Da könnten die immer rarer werdenden Ausbildungsplätze doch gleich auf die Kinder aus „normalen“ Familien begrenzt werden, und die aus Hartz-IV-Familien müssen dann halt mit ausbeuterischen, den Jugendlichen außer Frust nichts bringenden Ein-Euro-Jobs und MAE-Maßnahmen vorlieb nehmen. Auf Nachfrage erklärte die Bundesagentur für Arbeit, dass der beigefügte Vordruck nicht den zentralen Vorlagen der Bundesagentur für Arbeit entspreche. Es sei für die berufliche Beratung und Orientierung vollkommen unerheblich, ob der Jugendliche selbst oder seine Eltern ALG II bezögen. Mich persönlich überzeugen Fakten und nicht gegenteilige Beteuerungen!

3. Angesichts der von Schwarz-Gelb geplanten Verkürzung des Wehr- und des Zivildienstes von neun auf sechs Monate bereitet sich der „Paritätische Wohlfahrtverband“ auf den Ausstieg aus dem Zivildienst vor. Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ulrich Schneider, sagte, eine Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate hieße den Anfang vom Ende des Zivildienstes überhaupt einzuläuten, weil sich dann Zivildienstleistende nicht mehr vernünftig einsetzen ließen. Von den 500.000 Menschen, die unter dem Dach des Wohlfahrtsverbandes arbeiten, sind 15.000 Zivildienstleistende. Weil die Ausbildung auf den Fahrzeugen der Rettungsdienste drei Monate dauere, brächten die insgesamt sechs Monate Zivildienst dann nichts mehr. Bei der Pflege, der Arbeit mit Behinderten oder in Kindergärten sei es den Betreuten nicht zuzumuten, alle halbe Jahr die Bezugsperson zu wechseln.

Schneider sieht allerdings die Möglichkeit, den Verlust durch Freiwillige zu kompensieren, wenn die Politik mitspielte und mehr Geld bereitstellte. 2009 standen den 85.000 Zivildienstleistenden etwa 35.000 junge Menschen gegenüber, die ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr absolvieren. Komisch, dass hier niemand auf die Idee kommt, dass die anstehende Pflegearbeit von normal bezahltem und dafür ausgebildetem, fest angestelltem Personal verrichtet werden muss! Bei Handwerksarbeiten wird doch auch nicht erwartet, dass anstehende Arbeiten von „Freiwilligen“ ausgeführt werden! Ich befürchte eine massive Ausweitung der Sklavenarbeit in Form von Ein-Euro-Jobs bei dieser sozialen Arbeit, wie sie in der Regel schnell und unbürokratisch von der Arbeitsagentur genehmigt und sogar massiv vorangetrieben wird, zum Leidwesen der ausgebeuteten Ein-Euro-Jobber und der zu Pflegenden. Warum soll eigentlich immer der Staat den Lohn bezahlen und immer weniger der Arbeitgeber, der doch auch den dicken Reibach damit macht? Weil beide unter einer Decke stecken?

4. Leider sind immer mehr Menschen mit niedrigem Einkommen auf die kostenlosen Lebensmittel bei den „Tafeln“ angewiesen. Zu den Bittstellern müssen sich zunehmend Menschen gesellen, die selbst erwerbstätig sind. Edeltraut Graeßner, Vorsitzende des „Landesverbands der Tafeln in Niedersachsen und Bremen“, sagte, der Ursprungsgedanke der „Tafeln“, Obdachlose zu versorgen, habe sich damit stark gewandelt. Das findet sie berechtigterweise total beängstigend. Ihrer Schätzung zufolge suchen in Niedersachsen etwa 100.000 Kunden eine der 95 Tafeln regelmäßig auf. Natürlich sind die Gründe dafür in immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen, Niedriglöhnen, Kurzarbeit, befristeten Verträgen und einem fehlenden Mindestlohn zu suchen, wodurch die prekären finanziellen Situationen entstehen!

Ich finde es überaus beschämend, dass die „Tafeln“ in diesem reichen Land bundesweit rund eine Million Menschen in rund 858 Hilfseinrichtungen mit Lebensmitteln versorgen. Es sollte vorrangige Aufgabe jedes Staates sein, sich um das Wohlergehen seiner Bürger und nicht bloß um das seiner Banker und Manager zu kümmern! Es muss die Aufgabe der Politik sein, dafür zu sorgen, dass jeder Mensch in Würde leben kann, ohne die abgelaufenen Lebensmittel wie Müll aus den Supermärkten (fr-)essen zu müssen, die diesen so kostenlos entsorgen können und sich dafür noch das Mäntelchen des „Gutmenschen“ umhängen dürfen. Darum muss eine Grundversorgung entwickelt werden, die ohne Verfolgungsbetreuung ausgegeben wird und es müssen endlich vernünftige Mindestlöhne geschaffen werden. Der Staat darf sich nicht länger aus seiner Verantwortung stehlen und muss die staatliche Verarmungspolitik stoppen. Leider ist eine solche Forderung mit einem schwarz-gelben Gruselkabinett nur sehr schwer umzusetzen!

5. Alltägliche Menschen in außergewöhnlichen Situationen zu beobachten, scheint einen gewissen Reiz auszuüben. So werden von fast allen Sendern mit großem Erfolg Doku-Seifenopern ausgestrahlt. Bloß wird es immer schwieriger, Menschen zu finden, die sich im Fernsehen zur Schau stellen wollen. Als neuester Trend zeichnen sich die„fiktiven Dokumentationen“ ab. Diese sogenannten Scripted Realities ähneln den Doku-Seifenopern, obwohl die Personen in Wirklichkeit gecastete Darsteller sind. Dabei werden Konflikte und Dialoge durch ein Drehbuch vorgegeben. Den Zuschauern müssen offenbar immer krassere Geschichten aufgetischt werden, wo Menschen fremdgehen, sich Eifersuchtsdramen liefern, unglaublich dick sind oder sonst wie auffallen.

Imke Arntjen von „030-Casting“ hat in ihrer Datenbank fast alles, was der Markt verlangt. Wenn von einer Produktionsfirma eine Hartz-IV-Familie gesucht sucht, durchforstet sie gezielt ihre vielen Kontakte. Die Zuschauer lassen fühlen und wollen sehen, wie sich andere scheinbar schämen? Jetzt erklärt sich mir auch, wie es sein kann, dass sich in bestimmten Sendungen, wo zur Treibjagd auf angebliche Hartz-IV-Betrüger und Sozialschmarotzer geblasen wird, einige Menschen hinstellen und mit Namen öffentlich sagen, sie würden schwarz arbeiten. Ich hatte mich immer gefragt, wie blöde oder leichtsinnig mensch sein kann! Aber so? Wenn fiktive Dokumentationen im TV wirkliche Fälle ersetzen, kann ich eigentlich gleich ausschalten. Ich weiß schon, warum ich bestimmte Sender nie angucke!

 

6. In Bergen griff letzten Freitag ein Mann einen Mitarbeiter der dortigen Arge mit einem Messer an. Der 45-jährige Angestellte der Agentur für Arbeit erlitt eine Stichverletzung am Unterarm und musste ambulant behandelt werden. Nach polizeilichen Ermittlungen war der Täter vermutlich ein „Kunde“ der Arge und hatte wahrscheinlich einen Termin bei dem Mitarbeiter. Was hätte er dort sonst wollen können? Der Täter flüchtete und wurde später von der Polizei verhaftet und als psychisch krank in eine Klinik eingewiesen. Die Gewerkschaft Verdi warnte vor einer Kriminalisierung von Leistungsempfängern und sprach sich für verbesserte Sicherheitsmaßnahmen aus. Gewalt ist natürlich der falsche Weg, um sich zur Wehr zu setzen! Aber ich kann verstehen, dass die psychischen Erkrankungen, das „Ausrasten“ von Menschen zunimmt, die permanent um ihre Wohnung, ihre Miete, ihr Geld zum Vegetieren kämpfen müssen. Das wird vielen mittels Verfolgungsbetreuung ständig streitig gemacht, weil sie sich weigern, einen Sklavenjob anzutreten, eine schweinische „Eingliederungsvereinbarung“ zu unterschreiben oder weil der Sachbearbeiter zustehende Rechte oder Gelder aberkennt, die Miete nicht überweist, das Geld nicht aufs Konto kommt, die Bezüge um 100 Prozent gekürzt werden oder welche Schikane sich hier noch anhäuft und dann zum „Durchknallen“ führen kann! Leute geht nicht allein zur Arge! Schreibt Widersprüche, geht zum Sozialgericht, holt euch dort euer Recht!

7. Nach den Vorstellungen des „Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft“ sollen sich Arbeitnehmer wegen der Wirtschaftskrise verstärkt Arbeitsplätze teilen. Der Verbandschef Mario Ohoven sagte der Gazette mit den vier Großbuchstaben, dass bei Personalabbau zwei halbe Stellen besser als eine ganze seien. Da könnten sich Beschäftigte mit ähnlichen Tätigkeiten den Arbeitsplatz teilen. Arbeitgeber sollten sich öfter zusammenschließen, um Mitarbeiter gemeinsam in mehreren Betrieben zu beschäftigen. Der Bremer Professor Rudolf Hickel kritisierte den Vorschlag: Er halte ihn nicht für ein probates Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Für mich handelt es sich hierbei um eine absolute Schnapsidee, weil dann noch mehr Menschen mit halber Stelle ihr halbiertes Gehalt mit ALG II aufstocken müssen und dabei noch am Gängelband der Verfolgungsbetreuung hängen würden! Ein echter Fortschritt also!

8. Die „Kölner Erwerbslosen in Aktion“ setzten mal wieder eine kreative Idee um, als sie bei einer ungewöhnlichen Werbe-Aktion für den „Kölner Erwerbslosen-Anzeiger“ fast die ganze Auflage beschlagnahmten, um diese innerhalb der Kölner Argen konzertiert zu verteilen. Es war ein Gemisch aus „Zahltag“-Aktion und „Antrittsbesuch“ bei den Mitarbeitern einer neu verpflichteten Security-Firma, als die Mitarbeiter und Besucher zweier Arge-Standorte ein (Frei-)Exemplar überbracht bekamen. Eine etwa 20-köpfige Meute flitzte durch die Etagen, verbreitete eine gewisse Unruhe und diverse Flyer. Sie öffneten die Türen und sagten ihren Standardspruch auf:„Juten Tach, ich bring Ihnen Ihr Abo! Und denken Sie bitte an die Monatsbeiträge!“ Dabei stießen sie teils auf Interesse, teils auf Ratlosigkeit oder auf amüsante Gereiztheit. Irritation gab es auch bei der Security, deren Mitarbeiter harsch die Aktion unterbinden wollten.„Haltet euch da raus!“, rief man ihnen zu, wobei man sich auf eine offenbar erfolgversprechende Strategie im Umgang mit Ordnungshütern bezog, die am Samstag zuvor bei Auseinandersetzungen in Duisburg funktioniert hatte. Diese Art von Aktivität, um die Arge-Mitarbeiter aufzuklären, gefällt mir sehr!

Elisabeth Graf (parteilos, aber Partei ergreifend)