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17. September 2008

198. Montagsdemo: Wozu höhere Bildung für die unteren Schichten?

1. So langsam lässt es sich nicht mehr „überschweigen“, dass Zeit- und Teilzeitarbeit auf dem Vormarsch sind, jeder Vierte keinen „normalen“ Job mehr hat und die regulären Jobs zunehmend verdrängt werden. Wie das Statistische Bundesamt letzte Woche in Wiesbaden mitteilte, nahm der Anteil von Arbeitsmarktexperten als „neu“ oder auch „atypisch“ (also prekär) bezeichneter Beschäftigungsformen um acht Prozentpunkte auf 25,5 Prozent zu. Von den insgesamt 7,7 Millionen sogenannten prekär Beschäftigten arbeiteten knapp fünf Millionen in Teilzeit.

Auch Zeitarbeit wird immer weiter ausgebaut: 610.000 Zeitarbeiter 2007 bedeuteten skandalöserweise eine Verdreifachung im Vergleich zu 1997. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben Frauen offenbar die schlechtesten Karten: 38,4 Prozent haben keine feste Vollzeitstelle. Auch der Anteil junger Menschen bis 24 Jahre unter den prekär Beschäftigten hat sich auf knapp 40 Prozent fast verdoppelt. Den Hartz-Gesetzen haben wir es zu verdanken, dass sich die staatlich verordnete Armut langsam, aber sicher überall ausbreitet, so wie damals die Pest. Sind die Deutschen zu „verBILDet“, um dies zu begreifen?

So wollen uns die Statistiker auch allen Ernstes weismachen, dass nicht jeder Job in einer Zeitarbeitsfirma, einer Teilzeit- oder einer geringfügigen Beschäftigung zwangsläufig einen prekären Arbeitsplatz mit einem höheren Armutsrisiko bedeute. Angeblich solle es sich da auch um absichtlich gewählte Arbeitsverhältnisse handeln können, mit denen die Arbeitnehmer berufliche oder persönliche Interessen besser kombinieren können. Die Betonung liegt bei „freiwillig“! Wes Brot ich ess, des Lied ich sing – oder hab keine Ahnung von diesen Ding?

 
2. So ist es nur folgerichtig, dass Deutschland „immer weiter zurückfällt“, dass der „Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs kaum noch zu decken“ ist. Deswegen hat die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ sechs Wochen vor dem groß angekündigten Bildungsgipfel von Bund und Ländern dringenden Handlungsbedarf angemahnt. Danach fehlen besonders Jungakademiker in den naturwissenschaftlich-technischen Bereichen, aber auch Mediziner und Lehrer. Der Anteil junger Menschen mit Fachhochschul- oder Universitätsabschluss am Altersjahrgang stieg in Deutschland zwischen 2000 und 2006 zwar von 18 auf 21 Prozent. Währenddessen war er in den OECD-Staaten aber auf 28 Prozent gestiegen. Zugleich sinken auch noch die Bildungsausgaben entgegen dem OECD-Trend. Während noch 2006 im OECD-Durchschnitt 56 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium aufnahm, waren es in Deutschland nur 35 Prozent. Kein Wunder bei den hier herrschenden Bedingungen!

Aber was erwarten die Politiker denn? Wenn von klein auf ausgesiebt, die Bevölkerung systematisch verarmt wird, jetzt sogar Studiengebühren erhoben werden, ja, wie sollen dann noch Kinder aus nicht begüterter Herkunft sich bilden und studieren können, ohne bereits am Berufsanfang für lange Zeit verschuldet zu sein, so sie denn einen Job ergattern können, der ein menschenwürdiges Leben ermöglicht? Genügend Akademiker kann es logischerweise nur geben, wenn die Bildung schon den Allerkleinsten ermöglicht wird, also durch kostenlosen Kindergarten, gemeinsame Ganztagsschule für alle bis zur zehnten Klasse, mit kostenlosem Mittagessen für die finanziell Schwachen, mit individueller Unterstützung und Sprachförderung. Für die Ausbildung von Hochqualifizierten wird jedenfalls viel zu wenig getan, und von allein wachsen die klugen Köpfe nicht nach. Sie lassen sich auch nicht problemlos mal eben im Ausland unterweisen und von ferne rekrutieren, nur um die Wissensvermittlungskosten im eigenen Lande zu sparen. Solange unsere sogenannten Experten und unsere Politiker immer nur das gleiche Süppchen nach demselben Rezept kochen und ihnen dabei nur Gerichte von gestern einfallen, kann sich unmöglich etwas zum Positiven hin verändern.

Dann liegen die Gehälter von Frauen mit Hochschulabschluss im Schnitt 42 Prozent unter denen von Männern. Ja, gibt’s das noch, im Jahre 2008? Das bedeutet ja, dass Männer mit akademischer Ausbildung fast doppelt so viel wie Frauen verdienen! Immer noch oder schon wieder, weil uns Frauen unsere Gebärfähigkeit bestraft wird beziehungsweise weil wir unsere Erziehungszeiten für die gemeinsamen Kinder nur negativ bewertet bekommen, statt dass sie ihrer gesellschaftlichen Bedeutung nach auch finanziell wertgeschätzt werden? Leider erfahren auch junge Frauen erst mit Eintritt in die Mutterschaft, dass die Emanzipation noch lange nicht da angekommen ist, wo sie sein sollte, nämlich bei der Gleichbehandlung der Geschlechter. Erst als Mütter, die nach der Erziehungszeit wieder in den Beruf zurückwollen, werden sie bemerken, was läuft, wie viele Stöcke ihnen zwischen die Beine geworfen und um wie viel schlechter sie entlohnt werden!  

3. Am Ende der Grundschulzeit steht eine folgenschwere Entscheidung an, weil die Kinder irgendwie in das dreigliedrige deutsche Schulsystem hineingepresst werden müssen. Mit ihrer Beratungsfunktion spielen die Lehrer nicht zum letzten Mal Schicksal, wenn sie über die weitere Schullaufbahn nach bestem Wissen und Gewissen und streng nach Noten und Eignung des Kindes entscheiden. So weit die Theorie – die Praxis sieht da ganz anders aus. Eine Studie der Mainzer Gutenberg-Universität bestätigt nun, worauf Bildungsexperten seit Jahren hinweisen: Aufs Gymnasium schaffen es in erster Linie die Privilegierten, nämlich Kinder gut betuchter Akademiker. Schüler aus einer niedrigen sozialen Schicht haben weitaus schlechtere Karten beim Schulübergang, und zwar auch bei gleicher Leistung.

Unser Schulsystem produziert Verlierer, die sich dann vor allem an den Hauptschulen wiederfinden. Nach der Studie erhält fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse falsche Schulempfehlungen. Dass die Lehrer arme Kinder zu selten ans Gymnasium lassen, ist ein bildungspolitischer Skandal, weil hier glasklar eine soziale, besser: finanzielle Auslese stattfindet, ein perfides Schülerlotto! Bei gleich guter Schulnote (2,0) erhielten nur drei von vier Kindern aus der niedrigsten Einkommens- und Bildungsgruppe eine Empfehlung für die höchste Schulausbildung. Dagegen sollten von den Kindern mit wohlhabenden und gebildeten Eltern 97 Prozent aufs Gymnasium – so gut wie alle also. Ich brauche eigentlich gar nicht zu erwähnen, dass Oberschichtkinder fast nie auf die Hauptschule kommen und dass die Schulempfehlung – ob nun richtig oder falsch – fast immer Realität wird!

Was sollen finanziell arme Kinder auch an höheren Schulen? Die Klassenreisen können sie sowieso nicht bezahlen, und wenn sie noch mehr Wissen anhäufen, haben die Beamtenkollegen in der argen Arge beziehungsweise der Bundes­agentur für Arbeit noch mehr Arbeit – also denken wir an die Zukunft und halten das ganze „Pack“ dumm! Die Selektion ist nicht wegzureden. Viele verlieren darüber die Lust am Lernen, und schon können sie mit dem Schulstoff nicht mehr mithalten. Unser Schulsystem ist total krank! Wie sagte der deutsche Pädagoge und Kinderrechtler Ekkehard von Braunmühl noch so treffend: „Kinder wollen nicht auf das Leben vorbereitet werden, sie wollen leben.“ 

4. Mit einem Service der besonderen Art macht die Barmer von sich reden: Auf ihrer Website bietet die Ersatzkasse Arbeitgebern vorformulierte Musterbriefe für Abmahnungen an. Bis vor kurzem konnten Interessierte dort sogar einen Kündigungsvordruck für Schwangere herunterladen. In der Liste finden sich allerdings auch Mustertexte, die über die alltägliche Kommunikation mit den Angestellten und der Regelung ihrer gesundheitlichen Anliegen hinausgehen, etwa Vordrucke zur Abmahnung bei „unentschuldigtem Fehlen“, „Nichtvorlage der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung“ oder „unerlaubter Nebentätigkeit“. Die Barmer leistet auch Hilfestellung, wenn es um außerordentliche Kündigungen geht.

Bis zum Dienstagmorgen konnten Interessierte dort sogar Vordrucke zur Kündigung werdender Mütter oder Schwerbehinderter herunterladen. Eigentlich sollte es sich bei den Ersatzkassen doch um Einrichtungen handeln, auf die sich die Versicherten in ihrer Not verlassen können! Uneigentlich scheinen diese jedoch die Not von werdenden Müttern erst zu verursachen. Das Letzte, was Arbeitnehmer gebrauchen könnten, ist ein Ratgeber, mit dessen Hilfe der Arbeitgeber sein Disziplinarsystem effektiv gestalten kann! In Deutschland Kinder zu bekommen, ist mit gewissen Risiken verbunden, ganz besonders für die werdenden Mütter – und auch für ihren Nachwuchs, wenn dieser nicht in eine begüterte Schicht hineingeboren wird, was ja bei der Mehrheit der Fall sein dürfte. 

5. Die Fernsehzeitschrift „Hörzu“ berichtet, dass sich während der Olympischen Spiele in Peking der bekannte Moderator Waldemar Hartmann vor seiner Sendung „Waldi und Harry“ über Hartz-IV-Empfänger lustig gemacht habe, um „gute Stimmung“ im Publikum zu erzeugen. Demnach hat Hartmann die Fluchtwege aus dem Studio seinen Zuschauern so erklärt: „Die rettende Tür soll zuerst von den jungen Frauen, dann vom Rest und zuletzt von den Hartz-IV-Empfängern aufgesucht werden.“ Hahaha, wahnsinnig komisch und voll unter der Gürtellinie! Diese scheinbar harmlose Entgleisung zeigt, wie weit das Ansehen und die Würde von ALG-II-Beziehern schon verkommen sind.

Wir werden wie eine Art von „Untermenschen“, von Parasiten behandelt, die ihr Recht auf menschenwürdige Behandlung durch den Umstand der Arbeitslosigkeit verwirkt haben! Laut der Gazette mit den vier Großbuchstaben soll der älteste Sohn von Waldemar Hartmann selbst ALG-II-Bezieher sein und sich im Augsburger „Abbe-Pierre-Zentrum“ befinden. Es bietet 13 Suchtkranken Platz, sie sollen ihr Problem wieder in den Griff bekommen. Wenn es sich tatsächlich so verhält, wüsste ich gerne, wie „Waldi“ seinen unsäglichen „Witz“ auch auf seinen eigenen Sohn anwenden würde. Schade, dass er dazu keine Stellung beziehen wollte!  

6. Es verwundert mich überhaupt nicht, wenn beklagt wird, dass es um das Arbeitsklima in deutschen Unternehmen schlecht bestellt ist. Laut einer Umfrage sprechen nur 19 Prozent der befragten Arbeitnehmer von einem guten Arbeitsklima, das sich positiv auf ihre tägliche Motivation auswirke. 42 Prozent registrieren dagegen eine enttäuschende Arbeitsatmosphäre in ihrem Unternehmen, während 39 Prozent im Großen und Ganzen zwar zufrieden seien, bisweilen aber auch diesbezüglich schlechte Tage erlebten.

Für viele Fachkräfte sei ein gesundes Arbeitsklima neben interessanten Aufgabenfeldern der entscheidende Faktor bei der Wahl des Arbeitgebers, noch vor der Höhe des Gehalts – sofern diese Wahlmöglichkeit überhaupt besteht, denn wer kann heute noch zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen auswählen? Immer mehr Menschen befürchten, selbst von Hartz IV betroffen zu werden, und es geht ein Hauen und Stechen mit ausgefahrenen spitzen Ellenbogen um das Behalten des eigenen Jobs los. In einem Klima der Angst blüht und gedeiht Mobbing ganz wunderbar, und zumeist ist es ungleich schwerer geworden, Solidarität und Gerechtigkeit bei gleichzeitiger Arbeitsverdichtung in der Gemeinschaft zu leben.  

7. Die finanzielle Lage älterer Menschen wird immer schlechter. Viele Senioren müssen sich zu ihrer kargen Rente noch etwas dazuverdienen, weil diese zum Leben einfach nicht ausreicht. Während andere Senioren im Park spazieren gehen oder mit ihren Enkeln spielen, muss der 74-jährige Bonner Claus Köster Geld verdienen. Er war in leitender Funktion beim Bergwerksverein in Aachen tätig, brachte sein Organisationstalent im Olympia-Komitee in München ein, arbeitete für die Österreichische Bundesbahn und baute Pipelines im Oman. Claus Köster hat ein bewegtes Berufsleben hinter und wohl ein nicht minder aufreibendes Arbeitsleben noch vor sich. Seinen letzten Job als Erntehelfer bei einem Erdbeerbauern habe er an einen Polen verloren, erzählt der rüstige Vater von vier Töchtern. Dort bekam er fünf Euro Stundenlohn, doch sein Nachfolger pflückte eben billiger. Jetzt ist der Rentner wieder auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit.

Nach einer Studie des Bundesarbeitsministeriums ist die Zahl der Minijobber über 65 Jahre um fast 40 Prozent auf mehr als 700.000 geklettert. Weitere 115.000 gehen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Ich halte es für ein Aufregung verursachendes Ärgernis, wie sich in Deutschland die amerikanischen Verhältnisse immer mehr breitmachen, sodass der 74-jährige Rentner und seine Ehefrau beide nicht krankenversichert sind und die Rente hinten und vorne nicht mehr ausreicht! Bezeichnenderweise sind beide zu stolz, Sozialhilfe zu beantragen. Auch dies zeigt überdeutlich, wie das Bild der Bezieher von Transferleistungen aussieht: Zu dieser verschmähten, als Schmarotzer verschrienen Kategorie möchte natürlich niemand freiwillig dazugehören. Als ob dies ein Akt der Freiwilligkeit wäre, als ob hier wirklich von einer Wahlmöglichkeit die Rede sein könnte! Wer sein Auskommen im Alter sichern will, muss offenbar Politiker oder Beamter werden oder aber 45 Jahre ordentlich verdient haben, damit er sich ein Privatvermögen anhäufen konnte. Der dreckige Rest interessiert nicht!  

8. Wie ihr wisst, habe ich seit dem 1. September 2008 einen Job mit 38,5 Stunden in einer Kita und mache dort mein Anerkennungsjahr als staatlich geprüfte Erzieherin. Deswegen bekam ich am 30. Juli 2008 einen Bescheid von der Bagis, dass ich ab September nur noch 322 Euro ergänzendes ALG II erhalten werde, da ich nun eigenes Gehalt in Höhe von circa 900 Euro bezöge. Ich legte Widerspruch ein und beantragte, dass die normale Zahlung weiter geleistet wird. Die Bagis weiß schon lange genau über alles Bescheid, etwa dass das Gehalt erst Ende September oder Anfang Oktober fließen wird! Schließlich kann ich meine laufenden Lebenshaltungskosten nicht einfach rückwirkend bezahlen, sondern ich habe Verpflichtungen wie alle anderen Menschen auch! Doch das interessiert die Bagis überhaupt nicht. Mein Widerspruch wurde bisher ignoriert und soll wohl nicht in meinem Sinne bearbeitet werden. Letzten Donnerstag musste ich mir deswegen in der Frühe freinehmen, um beim Verwaltungsgericht eine einstweilige Verfügung erreichen zu können. Toll, in Arbeit und schon Finanzprobleme, die ich zuvor nicht hatte – das kann’s ja wohl nicht sein!

Beim Verwaltungsgericht erklärte und belegte ich die Situation von meiner Tochter und mir. Daraufhin verfasste der Justizangestellte einen Eilantrag, dass meines Erachtens meine Tochter und ich bis zur Auszahlung des Praktikantengehaltes Ende September 2008 weiterhin einen Anspruch auf ALG II ohne Abzug eines fiktiven Nettogehaltes von 900 Euro haben. Der Erlass einer einstweiligen Anordnung ist dringend erforderlich, da wir sonst in den nächsten Tagen mittellos sein würden. Zur Begründung des Eilantrages wird auf mein Widerspruchsschreiben verwiesen, dass ich mein Gehalt erst rückwirkend Ende des Monats oder Anfang des folgenden erhalten werde und ich für uns nicht den Lebensunterhalt bestreiten kann. Ich weiß gar nicht, warum die Bagis solch einen Zirkus macht, zumal ich doch als Schülerin schon seit Jahren aus der Arbeitslosenstatistik gelöscht war, obwohl ich ALG II bezog. Mit ergänzendem ALG II kann das nicht viel anders aussehen! Schauen wir mal weiter, was die Bagis antwortet, wie der Richter befindet, wann mein Gehalt kommen wird, und wie ich mich dann verhalte.
Elisabeth Graf (parteilos, aber Partei ergreifend)

Quelle: www.Bremer-montagsdemo.de