28. November 2017

Wer arm ist, stirbt früher – muss das so bleiben?

Heute diskutiert ab 19 Uhr im Bremer Martinsclub
die Linksfraktion mit Fachleuten, wie man die Gesundheitsversorgung gerade in ärmeren
Stadtteilen verbessern kann.

Im Vorfeld der Diskussionsrunde führte die Bremer Lokalredaktion der taz mit dem gesunheitspolitischen Sprecher der LINKEN in der Bremischen Bürgerschaft, Peter Erlanson, ein Interview, das wir, mit freundlicher Genehmigung des gesprächsführenden Redakteurs Benno Schirrmeister, dankenswerterweise  auch hier auf unserer Website veröffentlichen dürfen:

Taz Bremen: Herr Erlanson, lässt sich durchs Gesundheits- system ändern, dass arme Menschen früher sterben?

Peter Erlanson: Das lässt sich ändern. Da bin ich ganz zuversichtlich.

Aber ist denn das Gesundheitssystem wirklich die Ursache?
Nein, das sage ich auch nicht. Dass arme Menschen früher sterben und dass sie häufiger krank sind als Reiche, hängt von mehreren sozialen Determinanten ab: von der Bildung, von der Wohnsituation, von der gesellschaftlichen Exklusion. Schuld daran sind die gesellschaftlichen Verhältnisse. Deshalb wollen wir auch hin zu einem anderen, gesellschaftlicheren Begriff von Krankheit.

Warum?
Krankheit wird gerne als individuelles Problem betrachtet, als etwas, wofür jeder selbst verantwortlich ist und was er vermeiden kann – durch weniger Alkohol, mehr Sport und weniger Zucker. Und wenn es die Gene sind, hat er halt Pech gehabt. Das reicht uns nicht aus: Wir sehen Krankheit gesellschaftlich.

Wie lässt sich das in die Praxis des Gesundheitswesens überführen?
Das versuchen wir ein Stück weit rauszukitzeln aus unseren Gesprächspartnern auf dem Podium heute. Wir haben da einerseits Helmut Zachau vom Gesundheitstreff West hier in Gröpelingen und es kommt auch Franziska Franz von der Poliklinik in Hamburg-Veddel, die für unterschiedliche Ansätze stehen, mit niedrigschwelligen Angeboten Leute überhaupt erst einmal zu erreichen. Denn es ist wahr, viele der Menschen in den finanziell-schwachen Stadtteilen sind einfach abgehängt, die haben aufgegeben. Da wird der Arzt nicht aufgesucht…

… zumal nicht, wenn der Weg weit ist: In Gröpelingen – der Stadtteil mit den meisten Kindern – gibt es zwei Kinderärzte, in Schwachhausen zehnmal so viele. Müsste die Kassenärztliche Vereinigung (KV) stärker lenken?
Ach, die KV! Natürlich müsste sie das. Immerhin, als in Lüssum gar kein Arzt mehr war, hat sie dort, als der Druck groß genug wurde, 270.000 Euro ausgelobt, damit sich schließlich eine Gemeinschaftspraxis bereit erklärte, dorthin zu gehen. Aber die KV ist halt ein Lobbyverein, der ein Stück weit staatliche Aufgaben übernimmt. Was will man da erwarten? Der Markt funktioniert eben nicht. Oder besser gesagt: Er funktioniert – aber eben nur für die, die etwas haben. Wenn junge Ärzte sich niederlassen, dann gehen sie eben dorthin, wo sie hoffen dürfen, auch privat etwas liquidieren zu können und wo sie sich nicht mit sprachlichen Barrieren herumschlagen müssen.

[Interview: Benno Schirrmeister – taz Bremen]