Der „Linkstreff“ am Buntentorsteinweg, das Abgeordnetenbüro von Peter Erlanson, ist heute ein wichtiger und lebendiger Ort in der Bremer Neustadt, an dem diskutiert und gestritten, geplant, verworfen oder beschlossen wird. Viele Ideen und Aktionen sind hier schon entstanden.
Dieses Abgeordnetenbüro ist aber auch ein Ort mit viel Tradition.
Denn in unmittelbarer Nähe, nur wenige Häuser weiter stadteinwärts, befand sich in den Weimarer Jahren schon einmal ein exponierter Ort politischer Arbeit in Bremen.
Ein Rückblick:
Mitte des 18. Jahrhunderts siedelten sich am Neustädter Buntentorsteinweg kleine Handwerksbetriebe und Manufakturen an, legendär sind in diesem Quartier bis heute die vielen Zigarrenmacherbetriebe, einst eine der „Keimzellen“ der Arbeiterbewegung in den Hansestädten. Denn es waren vornehmlich die Zigarrenmacher, die ihren Arbeitskollegen während der überlangen Arbeitszeit aus Zeitungen, aus politischen und ökonomischen Schriften, vorlasen. Ihren Lohn erhielten sie direkt von ihren Zuhörern. So erwarben die Zigarrenarbeiter umfangreiches Wissen und politische Bildung, erkannten dadurch die vielfältigen Ursachen ihrer menschenunwürdigen Lage und machten schließlich ihren oft rücksichtslosen Arbeitgebern Dampf: Im Dezember 1865 gründeten sie die erste überregionale Gewerkschaftsorganisation, den „Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiterverein“, einen Vorläufer der heutigen Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).
Der Buntentorsteinweg ist also seit den Anfängen der Arbeiterbewegung eines der Zentren politischer Arbeit und Bildung in Bremen.
Gegen Ende des Ersten Weltkrieges entstand auch in der Hansestadt eine Ortsgruppe der KPD. Während der Kriegsjahre hatte sich die SPD gespalten, viele spätere KPD-Mitglieder waren damals noch in der radikaleren USPD engagiert, die den Krieg, den die Oberste Heeresleistung, angeführt vom Kaiser, von Hindenburg und Ludendorff, unbeirrt und längst wider bessere Einsicht, fortsetzte, vehement ablehnte. Viele unterschiedliche Gruppierungen, die oft, lang und heftig über den richtigen Weg zu einer sozialeren Gesellschaft stritten, entstanden damals. Die Bremer KPD – allen voran Arbeiter und Matrosen – war nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches am Entstehen der „Räterepublik Bremen“ nachhaltig beteiligt, bis Reichstruppen aus Berlin auf Befehl der dort mitregierenden Sozialdemokraten dieses Experiment mit Gewalt beendeten.
In den unruhigen Weimarer Jahren waren stets Mitglieder der Bremer KPD in der Bürgerschaft vertreten, das Selbstverständnis der politischen Arbeit der Bremer Kommunisten, die dem Parlamentarismus im Grunde skeptisch gegenüber standen, lag jedoch in der außerparlamentarischen Arbeit in den großen Industriebetrieben und auf den Werften. Die Zustimmung in der Bevölkerung schwankte: Stiegen die Wählerstimmen in den Krisenjahren nach dem Weltkrieg zunächst an, gingen diese Anteile Ende der zwanziger Jahre wieder zurück. Die junge Republik hatte sich zunächst stabilisiert (1).
Ende August 1924 konnte die Bremer KPD ein Gebäude am Buntentorsteinweg 95 erwerben: „Das Rote Haus“. Dort konnten nun endlich in zentraler Lage nicht nur die Büros der Bezirksleitung, sondern auch die Rotationsdruckerei für das Parteiorgan, die Bremer „Arbeiter-Zeitung“ untergebracht werden. Namhafte Redakteure waren Mitte der zwanziger Jahre Fritz Globig und Willy Bredel, zwei „intelligente und aktive Kommunisten“, wie Herbert Schwarzwälder anerkennend urteilte (2). Im Februar 1925 war das Haus bezugsfertig. Es sollten dann jedoch nur wenige Jahre werden, in denen sich am Buntentorsteinweg 95 ein lebhaftes Parteileben entfalten konnte. Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 begannen auch in Bremen die dunklen Jahre der Verfolgung und Entrechtung politisch Andersdenkender.
Die Bremer KPD-Führung ahnte früh, dass jegliches politische Agieren, jedes mutige Auftreten gegen die „braunen Horden“ von nun an gefährlich sein würde. Und sie irrten nicht. Der erste große Schlag traf die Presse der Kommunisten am Buntentor. Mit einer Verordnung der Reichsregierung wurde schon am 4. Februar 1933 in vielen deutschen Ländern das Erscheinen linker Presseerzeugnisse verboten.
In Bremen, wo noch bis zum 6. März 1933 ein Senat aus Sozialdemokraten und Bürgerlichen im Amt (3) bleiben konnte, erwirkte die Polizeikommission, nachdem sie in verschiedenen Ausgaben der „Arbeiterzeitung“ Aufrufe zum „Widerstand gegen die braunen Mordbanditen“ (4) entdeckt hatte, unter Berufung auf die Reichsverordnung ein Erscheinungsverbot der „Arbeiterzeitung“ vom 26. Februar bis 2. März 1933. Die Polizeikommission sah in den Artikeln „eine gefährliche Aufreizung zu Gewalttaten“ (5). Und dabei blieb es nicht: Verbote, Razzien, Festnahmen, die Bremer Polizeikommission bekämpfte die Bremer KPD mit allen Mitteln. Und sie taten das mit Erfolg. Am Buntentorsteinweg 95 resignierte man zusehends, die Partei befand sich nun auch in Bremen in Auflösung bzw. auf dem Weg in die Illegalität. Denn auch in Bremen begann nach der "Notverordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" vom 28. Februar 1933 und der damit verknüpften legalen Aufstellung einer Hilfspolizei "zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte" die Verhaftungswelle. Sie ermöglichte die "Schutzhaft" als vorbeugende Maßnahme zur "Ausschaltung der von staatsfeindlichen Elementen drohenden Gefahren". "Bis in die letzten Schlupfwinkel hinein", so verlangte Hitler am 7. Mai 1933, sollten die "November-Verbrecher" verfolgt und mit den Gegnern der "Kampfzeit" abgerechnet werden. Um das "Gift restlos aus unserem Volkskörper zu entfernen", wurden zunächst Funktionäre der KPD "in Schutzhaft genommen". Ihnen folgten bald Sozialdemokraten, Mitglieder des Reichsbanners, Gewerkschafter, Intellektuelle und einige widerstrebende bürgerliche Politiker. (6)
Mit dem Rücktritt des Senats am Abend des 6. März 1933 war auch in Bremen das Ende jeglicher Rechtsstaatlichkeit gekommen, die Nationalsozialisten übernahmen die Staatsgeschäfte. Das „Rote Haus“ am Buntentorsteinweg wurde von der NSDAP konfisziert und am 22. März 1933 an eine SA-Gruppe (übrigens diejenige, die in der Pogromnacht 1938 die Jüdin Selma Zwienicki ermordete) übergeben (7). Die Nazis benannten das Haus um. So wollten sie die Vergangenheit „ungeschehen“ machen.
Und schon am selben Abend brannte es am Buntentor und am Hohentorsplatz: Am diesem 22. April 1933 fand in Bremen eine Verbrennungsaktion statt: Bei der Einweihung des nun nach dem SA-Mann Johann Gossel (8) benannten ehemaligen „Roten Hauses“ verbrannten die Nazis öffentlich und für jeden unübersehbar „marxistisch-kommunistische Symbole, um so den Bolschewismus auch symbolisch zu vernichten“ (9). Das teils noch vorhandene Archiv der „Arbeiterzeitung“ und die umfangreiche Sammlung an hektographierten Betriebszeitungen, die immer wieder in Bremer Firmen verteilt worden waren, wurden in dieser Nacht ein Raub der Flammen (10). Kiloweise wurden – besonders auf dem Hohentorsplatz – Broschüren und Zeitungen, Symbole und Fahnen der KPD und der Sozialdemokraten bei einbrechender Dunkelheit verbrannt.
In Bremen platzten die Gefängnisse alsbald aus allen Nähten. Ob in der Oslebshauser Strafanstalt, im Polizeihaus am Wall oder in der Ostertorwache, überall wurden Gegner der neuen Machthaber inhaftiert. Die Nazis waren nicht zimperlich, wenn es um die Verfolgung Andersdenkender ging. Auch das Haus am Buntentorsteinweg 95 beherbergte nun eines der neuen Arrestlokale der Gestapo. Die Gefangenen wurden hier von SA- und SS-Hilfstruppen bewacht. Im Gossel-Haus gab es nun für viele Jahre sogenannte „Sonderbehandlungen", ein anderes Wort für Folter.
Die wechselvolle Geschichte des „Roten Hauses“ und des „Gossel-Hauses“ am Buntentorsteinweg 95 ist heute in Vergessenheit geraten. Unter www.spurensuche-bremen.de kann man immerhin einige Informationen erlangen, ebenso wie in der Neustädter Geschichtswerkstatt (11). Aber vieles bleibt noch zu erforschen und aufzuarbeiten.
Dr. Dieter Fricke
Anmerkungen
1) 1921: 5,9 %; 1923: 11,9 %; 1927: 9,2 %.
2) Herbert Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Bd. 3, Hamburg 1983, S. 409. Vgl. auch: Martin Walsdorf, Der Verlauf der Bremer KPD-Zeitung 1918-1933 und ihrer Beilagen, Walsdorf-Verlag, o. O. 2000
3) Dieter Fricke, Sondersitzung des Senats der Freien Hansestadt Bremen vom 6. März 1933, (Quellenedition STAB 3,3 Bd. 1, 1933 / Manuskript), Bremen 1997
4) Zitiert nach Herbert Schwarzwälder, Die Machtergreifung der NSDAP in Bremen 1933, Bremen 1966, S. 43.
5) ebda., S. 44.
6) Vgl. hierzu: Inge Marßolek / René Ott, Bremen im Dritten Reich, Bremen 1986
7) Senatspressestelle, 8. Mai 2008. Vgl. auch Senator für Justiz und Verfassung (Hrsg.), „Reichskristallnacht“ in Bremen, Bremen 1988.
8) Johann Gossel, Arbeiter, SA-Mann. Bei einer Schlägerei zwischen Kommunisten und der SA-Radfahrgruppe des Sturmes 3 in Bremen an der Huckelriede wurde der Nationalsozialist schwer verletzt und starb am 21. Juni 1931. Das „Rote Haus“ wurde nach der Beschlagnahme durch die Bremer NSDAP nach Gossel benannt. Vgl. www.klausdede.de/index.php
9) Senatspressestelle, 8. Mai 2008
10) „Die rote Tabakarbeiterin“ (Fa. Tabak Vogelsang); „Das rote Wasserfaß“ (Wäscherei Hayungs); „Der Atlas-Prolet“ (Atlas-Werke); „De rode Stau-Haken“ (Hafenbetriebe); „Der Werftprolet“ (AG Weser); „Die Karstadt-Fackel“ (Kaufhaus Karstadt). Vgl. Anm. 2, S. 574.
11) Stadtteil-Archiv Bremen-Neustadt e.V., Meyerstr. 17, 28201 Bremen.