Stolz verkündete die Bildungsbehörde letzte Woche, dass über 80 Prozent aller Schüler ab kommendem Schuljahr die 5. Klasse an der Schule ihrer Erstwahl besuchen werden. In den Medien kursierte eine Zahl von 120 bis 180 Schülerinnen und Schülern, die nicht an der Schule ihrer Wahl (Erst-, Zweit- und Drittanwahl) unterkommen würden. Sieht man sich die Anwahlzahlen genauer an, ergibt sich eine regionale Schieflage. Demnach würden allein im Bremer Westen 142 Kinder nicht an der Schule ihrer Erstwahl unterkommen. 125 Kinder bekommen in diesem Jahr die Absagen von der GSW, ein paar wenige von der Oberschule Findorff. Freie Plätze stehen im Westen an den Oberschulen Waller Ring, Helgolander Straße und der Oberschule Gröpelingen aber in dem Umfang gar nicht zur Verfügung. An diesen drei Schulen kommt man nach den neuen Berechnungen für die Klassenfrequenzen insgesamt lediglich auf eine Zahl von 78 verfügbaren Plätzen. Das ergibt nach Adam Riese eine Differenz von 64. Viele Eltern haben also zu befürchten, dass ihre Kinder nicht einmal an der Schule ihrer Zweitwahl unterkommen werden. Auch wenn sich die Zahl von 64 Schülerinnen und Schülern eventuell durch Wegzüge, freiwillige Anwahl von entfernteren Schulen oder Anmeldungen an Privatschulen noch reduzieren wird: Grob geschätzt fallen nach den vorliegenden Zahlen im Westen fast 50 Kinder hinten runter. Das würde bedeuten, dass von den Kindern, die bremenweit keinen Platz an der Schule ihrer Wahl bekommen, ein Drittel auf den Westen entfällt.
Offensichtlich scheint der Bildungsbehörde in den letzten Jahren die Rechenkompetenz abhanden gekommen zu sein. Seit Jahren belegen die Schülerzahlen im Bremer Westen ein Schulproblem: In Walle, Gröpelingen und Oslebshausen sinken die Schülerzahlen entgegen der Behauptung der Behörde nämlich nicht. Das statistische deutsche Mittel von 1,4 Kindern pro Familie wird man in Gröpelingen lange suchen müssen. Dennoch wird die Forderung nach einer neuen zusätzlichen Schule für den Westen hartnäckig ignoriert. Statt dessen hat man lieber die Klassenfrequenzen erhöht: Gymnasialklassen mit schlimmstenfalls bis zu 34 Schülerinnen und Schülern in der 5. Klasse sind am SZ Waller Ring und am SZ Findorff eher die Norm, denn die Ausnahme gewesen. Auch die Sekundarschulklassen waren im Westen immer etwas voller, als in anderen Stadtteilen. Angesichts der enormen sozialen Probleme, mit denen die Schulen im Westen zum Teil konfrontiert sind, verringern sich so die Chancen auf eine adäquate Bildung nochmals erheblich. Dies ist entweder politisch gewollt oder es wird zumindest so hingenommen. Denn die Tatsache, dass sich das Problem der fehlenden Schulplätze verschärft, wenn per Gesetz die Klassenfrequenzen auf höchstens 25 verringert werden, war auch den Verantwortlichen in der Bildungsbehörde bekannt. Hätte ihnen zumindest bekannt sein müssen, wenn sie den simplen Dreisatz beherrschen würden.
Die Frage ist nun: wo kommen diese 50 Kinder unter? Wo schickt sie die Regionalkonferenz nächste Woche hin? Nach Marßel? Nach Obervieland? Oder wird die Behörde mal wieder die Klassenfrequenzen erhöhen? Dann kann Frau Senatorin allerdings nicht mehr von Oberschule sprechen. Oder werden - wie im vergangenen Jahr auch bereits - einer Schule weitere Klassen auf’s Auge gedrückt? Nach Aussagen der Bildungsbehörde aber haben die Schulen im Westen bereits jede Besenkammer zum Klassenraum umfunktioniert. Die Antwort bleibt zwar offen, aber eines steht jetzt bereits fest: Von Chancengleichheit hat sich Rot-Grün endgültig verabschiedet. Sogar der Schwarz-Grüne Senat in Hamburg nimmt für Stadteile mit hohen sozialen Belastungen eine maximale Klassenstärke von 19 Schülerinnen und Schülern in das neue Schulgesetz auf. Die Beiräte vor Ort haben ebenfalls kleinere Klassenfrequenzen gefordert, leider sind diese Forderungen von der Bremer Bildungsbehörde nicht in Erwägung gezogen worden. Da auch die neu berechneten Klassenfrequenzen im Bremer Westen immer noch viel zu hoch angesetzt sind, kann die Lösung nur darin liegen, dass im Westen eine weitere Schule für den Sek I-Bereich gebaut wird.
Im Übrigen haben die Eltern mit 206 Erstanwahlen für die GSW wieder mal eindrucksvoll bezeugt, dass sie von dem Konzept der Gesamtschulen überzeugt sind. Leider stoßen Eltern aber ja seit Jahren mit ihrem Wunsch nach integrativen Schulen bei der Bildungsbehörde auf wenig Gegenliebe. Hier wurde mit dem neuen Schulgesetz ja wieder mal lediglich eine vermeintlich leistungsstarke elitäre Minderheit bedient.
Kristina Vogt