Der Streik der Erzieherinnen in den Kitas ging am 11. Juni weiter. Alle wissen, dass die Weigerung, Kinder zu betreuen, die Falschen trifft, nämlich die Kinder und die Eltern. Trotzdem: Die Mehrheit der Eltern unterstützt nach wie vor - trotz aller gegenteiligen Behauptungen der Arbeitgeber - die Kindergärtnerinnen bei ihrem Arbeitskampf. Der ist nach wie vor notwendig, weil es immer noch nicht zu einer Einigung gekommen ist. Die Aufforderung an die Eltern, die Kindergartenbeiträge nicht mehr zu bezahlen, ist den Streikenden dabei nur recht. Erhöht das doch den Druck auf den Arbeitgeber.
Es regnete und nieselte kräftig, als auf dem Marktplatz um 14 Uhr der Solidaritätstag mit verschiedenen Reden und einem Kulturprogramm losging. So bot z. B. der Musiker Markus Rhode (ehemals Bandleader der Kinder-Rockband „Blindfische“ aus Oldenburg) „Rockmusik für Kinder“ und der „verdikanten“-Chor der Bremer Kitas sang Lieder zum Streik. Auf vielen Pappschildern, langen Bahnen mit Zeichnungen auf dem Marktplatz, einer Straßenzeitung, kleinen Ständen, Bildungsbausteinen, einem Kita-Erlebnispfad und Aktionen schilderten wohl an die 400 Erzieherinnen und einige Erzieher die Realität ihrer Kita-Arbeitssituation und auch, wie es besser sein könnte.
Die Berechtigung der Forderungen wird ja auch von niemandem mehr bestritten. Von überall und von (fast) allen Parteien kommen warme Worte der Anerkennung: dass die Gesellschaft für die Betreuung der Kleinsten mehr tun muss, mit besseren Gebäuden, besserer Ausstattung, mehr Personal, besserer Ausbildung und - vor allem - besseren Arbeitsbedingungen.
Trotzdem war die zweite Gesprächsrunde der Tarifverhandlungen am Dienstag wieder ohne Ergebnis unterbrochen worden. Die Gewerkschaften ver.di und GEW müssen also den Druck aufrecht erhalten. "Von Streiktag zu Streiktag steigt die Beteiligung der Kita-Beschäftigten", das erklärte verdi-Sekretär Klaus Schukowski in einer Presseerklärung.
Den Demonstranten auf dem Marktplatz gefiel der Brief vom Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen, den er an die Personalratsvorsitzende von Kita Bremen, Grit Wetjen geschrieben hatte, gut. So erkenne er ausdrücklich an, dass die wertvolle Arbeit in Kindertagesstätten attraktive Arbeitsbedingungen, angemessene Entlohnung und verbesserten Gesundheitsschutz verdiene. Und er hoffe, dass der derzeitige Streik in den Kitas bald mit einem ordentlichen Ergebnis enden werde. "Ich werde mich dafür einsetzen", so Böhrnsen, "dass das Geld, das die öffentliche Hand wegen des Streikes nicht ausgeben musste, nicht zum Stopfen allgemeiner Haushaltslöcher genutzt wird. Ich möchte, dass dieses Geld den Kindern zugute kommt."
Der Senat als öffentlicher Arbeitgeber sei sich bewusst, dass die anspruchsvoller gewordene Betreuung und Bildung von Kindern in der Kindertagesbetreuung qualifiziertes und hoch motiviertes Personal erfordere. "Ich finde es bemerkenswert, in welch großer Solidarität die Eltern mit der besonderen Belastung, die ein Streik mit sich bringt, umgehen. Dies zeigt, dass das Anliegen der Erzieherinnen und Erzieher großen Rückhalt in den Familien findet". Und: „Die so wichtige Arbeit in den Kindertagesstätten verdient größere gesellschaftliche Wertschätzung als ihr derzeit zuteil wird.“
Als der Brief auf dem Marktplatz verlesen wurde, waren ein ironischer Unterton und höhnische Kommentare nicht zu überhören. Die Demonstrierenden wollten das alles erst glauben, wenn den schönen Worten auch Taten folgen würden.
In Bremen und Niedersachsen haben am heutigen 13. Streiktag insgesamt 3.000 Beschäftigte wieder die Arbeit niedergelegt. Schwerpunkte des Streiks waren u.a. Hannover, Bremen, Bremerhaven, Wolfsburg, Wolfenbüttel Göttingen, Lüneburg, Osnabrück und Friesland. Am kommenden Montag folgt dann eine bundesweite Kundgebung in Köln. Danach dann soll der Streik wahrscheinlich bis zu den Sommerferien ausgesetzt werden.
Übrigens hatte die GEW ebenfalls zum Streik an den Kitas aufgerufen. Aber man sah wenig von ihren sonst immer präsenten Fahnen und ihrem Aufruf. Wie es am Rande hieß, gibt es mit ver.di gewisse Spannungen darüber, wer eigentlich befugt ist, Kita-Beschäftigte zu vertreten und - vor allem - zu organisieren. Doch das ist ein anderes Thema. Auf dem Marktplatz ging es erst einmal darum, die Streik- und Demonstrationsbereitschaft gegenüber dem Arbeitgeber deutlich zu machen!
Sönke Hundt
Streikaufruf der GEW hier