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20. Februar 2012

"Frieden muss auch organisiert werden!" Ernst Busche zum 80. Geburtstag

Ernst Busche ist 80 geworden.

Das blaue Friedenshaus mit Taube und Gartenzwergen in Findorff

revolutionärer Gartenzwerg

im Gespräch mit der Polizei

Am Montag, 20. Februar 2012, feiert der Mitbegründer des Bremer Friedensforums, Dr. Ernst Busche, seinen 80. Geburtstag. Seine Mitstreiter aus zahlreichen außerparlamentarischen Bürgerbewegungen gratulieren sehr herzlich. Ernst Busche, der vor allem durch sein jahrzehntelanges Friedensengagement bekannt wurde, bezeichnet sich selbst als "Bürgeraktionär".  Als Sprecher der Bürgeraktion Garlstedter Heide kämpfte er auch überregional gegen die Stationierung von US-Truppen nördlich von Bremen. Legendär ist die Zahl der von Ernst Busche gesammelten rund 16.000 Unterschriften unter den "Krefelder Appell" gegen die Stationierung neuer Atomraketen in der Bundesrepublik in den 1980er Jahren. "Die Bremer Politikszene der letzten vier Jahrzehnte ist ohne Ernst Busche kaum denkbar", würdigen ihn seine langjährige Weggefährten Hartmut Drewes und Ekkehard Lentz vom Bremer Friedensforum. Ernst Busche war nicht nur an der Organisation zahlreicher Demonstrationen und Kundgebungen in der Hansestadt beteiligt, sondern wirkte bei einer Vielzahl von Veranstaltungen und Aktionen verantwortlich mit und meldete sich immer wieder zu Wort – unbestechlich und von seinem antimilitärischen Anliegen überzeugt. Trotz angegriffener Gesundheit initiierte Ernst Busche zuletzt die Proteste vor der Bremer Eiswette gegen die Rede von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und gegen den Neujahrsempfang der Bundeswehr im Rathaus.  Sönke Hundt besuchte Ernst Busche und Eva Böller am 18. Februar in ihrem bekannten blauen Haus mit Friedenstaube in Findorff und führte das folgende Gespräch mit dem Geburtstags"kind".

Frage: Wie fühlst du dich so als Mann im reifen Alter?

Antwort: Bis auf meine Knochen und meine Muskeln fühle ich mich ganz ok so. Der Kopf ist jedenfalls noch in Ordnung.

Frage: Was war deine letzte politische Aktion (bis jetzt)?

Antwort: Das war die Aktion gegen Josef Ackermann, "mach dich vom Acker, Mann!". Er war eingeladen am 21. Januar 2012 von der Eiswettgesellschaft als einer der Hauptredner. Und da haben wir mit 30 Leuten "gegen die Bankenmacht" vorm Eingang vom Congress Zentrum protestiert.

Frage: Du bist bekannt geworden in Bremen als "Bürgeraktionär". Ist diese Bezeichnung eigentlich von dir?

Antwort:  Ich glaube, ja. Ich habe keine Aktien, aber ich mache gern Aktionen. Und ich bin Bürger. Also bin ich ein "Bürgeraktionär". Ist vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ganz einprägsam.

Frage: Deine Kindheit und dein Elternhaus lassen wir hier mal weg. Du hast Biologie, Geographie und Geschichte studiert und bist schon gleich bei deiner Prüfung als Assessor für den Schuldienst "unangenehm" aufgefallen. Womit?

Antwort: Ich unterrichtete eine 10. Klasse in Biologie und wollte den Jungen und Mädchen etwas über Sex und Fortpflanzung und Verhütung beibringen, wobei sie natürlich sowieso schon ganz gut Bescheid wussten. Das war aber damals noch, 1964, ein äußerst brisantes Thema. Meine Prüfung habe ich mit Mühe und Not bestanden, vor allem, weil eine meiner Prüferinnen, eine Pastorentochter, absolut nicht mit meiner Wahl des Themas einverstanden war. "Herr Busche, wie können Sie Verhütung in einer gemischgeschlechtlichen (!) Klasse durchnehmen!?" Die Note wurde auf vier hochgedrückt durch die anderen Prüfer, und so habe ich gerade mal mit Mühe und Not bestanden.

Frage: Du bist dann 1972 in den Schuldienst nach Bremen und zum Horner Gymnasium gekommen - und gleich angeeckt. Und das nicht wegen deiner politischen Weitsicht, sondern, so der Vorwurf dann, wegen deiner Engstirnigkeit und Einseitigkeit.

Antwort: Ich hatte in meinem Erdkundeunterricht in der Klasse 9 Südamerika "gemacht" und hatte auch Chile behandelt. Also die Städte, Landschaften, Flüsse, den Titicacasee usw. Und bin dabei auch auf Allende und auf den Militärputsch von Pinochet eingegangen. Das gefiel dem Vater der einen Schülerin, dem Commerzbankdirektor Ekkehard Scherz, überhaupt nicht, und dem Vater einer anderen, was der Schulrat persönlich war, ebenfalls nicht. Die haben sich beschwert, worauf der Schulleiter über mich kein Gutachten sondern ein "Schlechtachten" verfasst hat. "Ob Herr Busche mehr Schaden anrichtet als andere Lehrer, kann ich nicht beurteilen", schrieb er, "weil ich in seinem Unterricht nicht gewesen bin, sondern ihn nur von ferne beobachtet habe." Das Ende vom Lied: mein Zeitvertrag, der nur über ein Jahr lief, wurde von der Schulbehörde nicht verlängert und ich damit arbeitslos.

Frage: Was hat dich eigentlich politisiert, dich zu einem so aktiven politischen Menschen gemacht?

Antwort: Das war natürlich, weil ich aus der Schule rausflog. Und die dann folgende Arbeitslosigkeit über drei Jahre, wo ich viel Zeit hatte zum Lesen und zum Nachdenken. Aber vor allem war es die praktische Arbeit in der DFU (Deutsche Friedens-Union)und die Zusammenarbeit mit dem 1999 verstorbenen Dietmar Tinnei und Ekkehard Lentz. Das hat mich politisiert. Und mit Ekkehard arbeite ich im Bremer Friedensforum immer noch eng zusammen.

Frage: So richtig los ging es dann, als in der Garlstedter Heide, mitten in einem schönen Naturschutzgebiet, 90 Kasernen für 4000 US-Soldaten mit 400 Panzern, 500 LKW und anderes gebaut werden sollten. Die Panzerhaubitzen waren geeignet, Atombomben zu verschießen.

Antwort: Es war die berüchtigte Panzerbrigade "Hell on Wheels", die nach dem verlorenen Krieg in Vietnam hier bei uns in der Garlstedter Heide stationiert werden sollte. Es waren nicht nur die 4000 US-Soldaten mit ihren Panzern, sondern dieser Stützpunkt sollte sozusagen die Speerspitze für eine riesige Basis für den (eventuellen) Krieg gegen den Ostblock werden. Da Deutschland als Schlachtfeld dienen würde, hat das damals wirklich vielen Leuten Angst gemacht, so dass wir eine breite Unterstützung fanden. Dietmar Tinnei hatte Bezüge nach Osterholz-Scharmbeck und wir haben dann eine wirklich große Bürgerinitiative gestartet und unglaublich viele Aktionen, Demonstrationen, Mahnwachen, Kinderfeste usw. organisiert. Eine Zeitlang war ich auch Sprecher der Bürgeraktion Garlstedter Heide und immer bei den Aktionen mitten drin.

Frage: Die Kasernen und Panzertrasse wurden dann schließlich trotz aller Proteste gebaut. Aber 1992 sind die Amerikaner wieder abgezogen. Warum eigentlich? Und was ist heute in der Garlstedter Heide?

Antwort: Heute sind da nur noch 400 bis 500 Bundeswehrsoldaten, sogenannte Logistiker. Auch da machen wir noch Aktionen, z. B. am Tag der offenen Tür, zusammen mit der LINKEN aus Osterholz-Scharmbeck. Dann kommen der Tod mit der Sense und ein Lachsack zum Einsatz und wir machen "action", um deutlich zu machen, dass wir deutsches Militär dort auch nicht haben wollen.

Frage: Die deutsche Friedensbewegung ist in den 70er und 80er Jahren sehr groß gewesen, hat viele begeistert und zum Mitmachen bewegt. Was waren für dich damals die größten Erfolge?

Antwort: Das waren die Großdemonstrationen in Bonn gegen den Nato-Doppelbeschluss, gegen die Stationierung der Pershing-Raketen und die Cruise Missiles, wo 300.000 bis 400.000 Menschen teilnahmen.

Frage: Je stärker die Friedensbewegung damals wurde, desto härter wurde auch die staatliche Repression durch Polizei, Genehmigungsbehörden und Justiz. Du warst häufig Anmelder, Organisator, Redner, "Anführer", "Rädelsführer". Bist du eigentlich mal festgehalten, verhaftet, verklagt, verurteilt worden?

Antwort: Nein. Ich habe immer alles in der Öffentlichkeit gemacht, immer alles korrekt angemeldet und auch immer ein nettes Verhältnis zur Polizei gepflegt, wo es möglich war. Nicht die Polizisten waren ja unsere Gegner, sondern die Politik. Dennoch gibt es eindeutige Belege, dass auch ich umfangreich vom Verfassungsschutz bespitzelt wurde und hinter meinem Rücken die Polizei Anzeigen erstattete, die aber nicht weiterverfolgt wurden. Also ich habe wohl insgesamt Glück gehabt, und habe vielleicht ja auch, bei aller Entschiedenheit, so eine persönlich Art drauf, die die Konfrontation vermeidet - und außerdem immer den Humor behält.

Frage: Ja, ich habe dich kennengelernt als einen fröhlichen Menschen, der sagt: "Politik muss auch Spaß machen".

Antwort: Ja, das stimmt. Das ist wichtig. Ich war, glaube ich, immer sehr kontaktfreudig und habe gern improvisiert, wenn mal was schief lief. Einmal z.B. hatte die DFU im Rahmen ihrer Landeskonferenz im Bürgerhaus Weserterrassen ein Kulturprogramm geplant, nur die eingeplante Musikgruppe war nicht gekommen. Große Katastrophe. Ich bin dann am Osterdeich langgegangen und habe Straßenmusiker engagiert. Die haben hervorragend gespielt, sind prima angekommen. Und damit war das Kulturprogramm gerettet.

Frage: 1979 war der Nato-Doppelbeschluss und als Reaktion darauf der "Krefelder Appell". Die Friedensfreunde haben damals eine riesige Unterstützung erhalten und Unterschriften gesammelt. Du hast allein, so wird in Bremen erzählt, rund 16.000 Unterschriften gesammelt.

Antwort: Das "Krefeldern" ist damals regelrecht zur Sucht geworden bei mir. Ich habe überall gesammelt, wo Menschen waren. Sogar am Nacktbadestrand am Bremer Unisee war ich angezogen mit Kugelschreiber und Unterschriftenliste unterwegs. Mit Erfolg. Alle haben unterschrieben. Am nächsten Tag war dann ein Transparent aufgestellt: "Leute, unterschreibt. Es geht ums nackte Überleben!" Außerdem gab es Konkurrenz, will sagen einen sozialistischen Wettbewerb. Ettie Gingold, die Frau von Peter Gingold, hat damals eine ähnliche Menge an Unterschriften gesammelt.

Frage: Ende der 80er kam dann der Zusammenbruch der sozialistischen Länder. Besonders der Zusammenbruch der DDR hat auch die Deutsche Friedens-Union sehr getroffen und führte zu vielen Veränderungen.

Antwort: Die Auflösung der DDR, das war ein harter Schlag für mich. Ich lag damals an der Jahreswende 1989/90 im Krankenhaus mit einer Operation am Knie. Viele Freunde haben sich damals abgewandt, haben das auch zum Anlass genommen, ihr berufliches Fortkommen nicht weiter zu gefährden, und haben sich aus der politischen Arbeit zurückgezogen. Wir haben damals nach langen Diskussionen die DFU aufgelöst, weil auch ein guter Teil der finanziellen Unterstützung für die Organisation und für unsere Geschäftsstelle am Grünenweg wegfiel. Zum Glück gab es seit 1983 das Bremer Friedensforum in der Villa Ichon, das die Friedensarbeit fortsetzen konnte.

Frage: Die Friedensbewegung war mal groß und einflussreich mit viel gesellschaftlicher Unterstützung. Heute kann sie längst nicht mehr so viele Menschen mobilisieren, auf die Straße zu gehen. Was hat sich eigentlich Deiner Meinung nach in der Gesellschaft verändert?

Antwort: Das ist die Zerfledderung der Gesellschaft, diese zunehmende Individualisierung, dieses Selber-vorankommen-wollen. Der Wunsch, in Gruppen zusammen für politische Ziele zu kämpfen, hat abgenommen. Außerdem: viele hatten in diesen Jahren echt Angst vor einem Krieg. Heute finden die Kriege tatsächlich statt, aber sie finden statt in Jugoslawien, in Afghanistan oder im Irak oder in Libyen. Also weit weg am Hindukusch, wo der Westen den Krieg sogar schon von unbemannten Drohnen führen lässt. Wir tun hier so, als ob es uns nichts angeht, wir leben hier im relativen Wohlstand. Es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund: Frieden muss auch organisiert werden. Aktionen geschehen nicht von allein. Die Friedensbewegung wurde seinerzeit breit unterstützt von den Kirchen, Pastoren, vielen Gemeinden, von Jusos, linken Sozialdemokraten, Grünen. Überall, in fast jeder Gemeinde und in vielen Stadtteilen, gab es aktive Friedensgruppen. Sie haben auch das Organisatorische mitgetragen, haben telefoniert, Flugblätter entworfen, diskutiert, abgestimmt, für den Druck gesorgt, und verteilt, Demos angemeldet usw. usf. Ich war nie bei der DKP, aber sie war eine große organisierende Kraft mit einer Struktur, die auch zum großen Teil weggebrochen ist. Wenn heute tatsächlich Pastoren nach Afghanistan fahren, um sich dort um die armen Seelen der Soldaten am Hindukusch zu kümmern - das hätte sich früher keiner vorstellen können.

Frage: Wie geht es weiter?

Antwort: Es geht immer weiter. Es geschieht ja auch heute viel, es wird ja auch heute viel organisiert. Das kann man nicht steuern. Ich hoffe, dass wieder mehr Menschen sich aktiver für den Frieden einsetzen, es ist angesichts der gerade laufenden Kriegshetze in den Mainstream-Medien gegen Syrien und den Iran wirklich bitter notwendig. Jedenfalls die Hände in den Schoß legen, das gibt es für mich als politischen Menschen nicht.



  • Ernst Busche hat auch ein kleines lesenswertes Buch geschrieben und im Donat-Verlag veröffentlicht mit dem Titel: "Aus dem Leben eines Bürgeraktionärs. Zwanzig Jahre in der Friedensbewegung." Bremen 1997

  • Außerdem lesenswert: Busche (Hg), Niemöller, Spoo, Klauser, Oel, Rudolf: Rettet die Garlstedter Heide! mit einem Sonderteil über die Bürgerinitiative KEINE BOMBEN AUFS TEUFELSMOOR!, 1977 im Verlag Atelier im Bauernhaus Worpswede, Fischerhude veröffentlicht.

  • Hanni Steiner hat heute (20.02.12) im Weserkurier (Stadtteilausgabe West) einen Artikel  geschrieben mit dem Titel: "Berufsdemonstrant" Ernst Busche wird heute 80. Diskussionen mit Andersdenkenden beleben den Friedensaktivisten / Recht auf freie Meinungsäußerung stark in Anspruch genommen

  • AG Friedensforschung: Ernst Busche wird 80 ...... und denkt nicht ans Aufhören. Wir gratulieren von Herzen