9. November 2018

Bremer*innen gedenken der Opfer der Reichspogromnacht

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden von den Nationalsozialisten überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert und Synagogen in Brand gesteckt.

Fünf Menschen wurden in dieser Nacht in Bremen umgebracht: Die Fahrradhändlerin Selma Zwienicki und der Kaufman Heinrich Rosenblum aus der Neustadt, das Burgdammer Arztehepaar Adolph und Martha Goldberg und in Platjenwerbe der Monteur Leopold Sinasohn. Die Bremer Synagoge wurde von SA-Männern zerstört.

Zur Erinnerung an diese Verbrechen luden heute die Bürgerschaftsfraktionen zur Gedenkstunde ein, die in diesem Jahr von der Fraktion DIE LINKE in der Bremischen Bürgerschaft ausgerichtet wurde. Als Ehrengast sprach Dr. Matthias Heyl, Leiter der pädagogischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Die Vorsitzende der Linksfraktion, Kristina Vogt, hielt ebenfalls eine Ansprache, die wir hier online stellen:

Lieber Herr Dr. Heyl, liebe Frau Noa, lieber Herr Teitelbaum, lieber Herr Dr. Pantelejew, liebe KollegInnen, lieber Herr Weber, sehr geehrter Herr Bürgermeister, liebe Anwesende, liebe Gäste,

in der Nacht vom 9. Auf den 10. November 1938 wurden von den Nationalsozialisten überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert, Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger misshandelt, ermordet oder inhaftiert.

Zum achtzigsten Mal jährt sich der Auftakt für den an Brutalität einmaligen Genozid an Menschen jüdischen Glaubens, dem über 6 Millionen Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen.

Am Abend des 9. November ordnete Propagandaminister Goebbels in München den Gauleitern an, in ganz Deutschland gegen Juden und Jüdinnen vorzugehen. Anlass war die Ermordung des Pariser Botschaftsbeamten von Rath durch den Juden Herschel Grynszpan, dessen Eltern einer Woche zuvor in das Niemandsland an der polnischen Grenze abgeschoben wurden.

Der damalige Bremer Bürgermeister Heinrich Böhmker gab Goebbels Befehle sofort an sein Stabsbüro in Bremen weiter. Wörtlich sagte er: „Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen.“ In der Neustadt wurden daraufhin die Fahrradhändlerin Selma Zwienicki und der Kaufmann Heinrich Rosenblum durch die SA ermordet.

SA-Leiter Walter Seggermann instruierte die Lesumer SA-Befehlshaber Ernst Röschmann und Fritz Köster mit den Worten: „Wenn der Abend kommt, darf es keine Juden mehr in Deutschland geben. Auch Judengeschäfte sind zu vernichten.“ Fritz Köster erteilte daraufhin die Befehle zur Erschießung des Arztehepaars Adolph und Martha Goldberg in Burgdamm und des Monteurs Leopold Sinasohn in Platjenwerbe. Alle drei wurden noch in der Nacht zum 10. November 1938 ermordet. Die Täter wurden auch in der Bundesrepublik Deutschland nie richtig juristisch belangt.

Die Synagoge in der damaligen Gartenstraße wurde in Brand gesetzt, Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, Juden zu Sammelstellen beim Alten Gymnasium und den Mißler-Hallen in Findorff gehetzt. Über 170 Männer wurden verhaftet und wurden am 10. November mitten durch die Stadt zum Zuchthaus Oslebshausen getrieben und am 11. November in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg deportiert. Die Hinweise auf die mit staatlicher Gründlichkeit durchgeführte Vernichtung Menschen jüdischen Glaubens und der europäischen jüdischen Kultur waren aber bereits Jahre vor den schrecklichen Ereignissen des 9. Novembers für alle sichtbar gewesen.

Bereits im April 1933 ordneten die Nationalsozialisten den Boykott jüdischer Geschäfte an. Durch das Berufsbeamtengesetz verloren viele jüdische Bürgerinnen und Bürger ihre Arbeit, jüdische Schülerinnen und Schüler wurden ausgegrenzt. Mit dem Ersten Deutschen Reichsbürgergesetz und den Nürnberger Gesetzen wurden Jüdinnen und Juden endgültig zu Menschen zweiter Klasse bestimmt und ihrer Rechte beraubt. Kurz vor dem Pogrom am 9. November wurden über 17.000 Jüdinnen und Juden ausgewiesen, weil sie vor 1935 keine deutsche Staatsbürgerschaft besessen hatten.

Antisemitismus hatte in Europa und in Deutschland eine lange Tradition. Im zweiten Weltkrieg wurde 1916 im Heer eine „Judenzählung“ durchgeführt, mit der Absicht, diese als „Drückeberger“ darzustellen. Über 100.000 jüdische Soldaten waren im 1. Weltkrieg eingezogen, über 12.000 von ihnen sind gefallen. Nach Ende des 1. Weltkrieges wurde auch den Juden die Schuld an der Niederlage zugeschrieben. Sie waren Teil der Dolchstoßlegende, die in der Weimarer Republik den gesellschaftlichen Boden für das Erstarken des Faschismus ebnete. In rechtsextremen und nationalkonservativen Kreisen wurde Antisemitismus damals gesellschafts- und vor allem anschlussfähig. Der jüdischen Bevölkerung wurde immer unterstellt, dass sie Feinde des deutschen Volkes seien, befeuert wurde dies durch völkische Parteien und Medien. Dieser politische Antisemitismus hatte eine sehr breite gesellschaftliche Grundlage.

Vor vier Jahren bin ich hier an gleicher Stelle der Frage nachgegangen, wozu Menschen persönlich fähig sind. Warum auch in Bremen in der Nacht vor 80 Jahren Menschen ihre Nachbarn und Nachbarinnen angegriffen haben? Und warum diejenigen nicht eingegriffen haben, die entsetzt waren? Ich bin aufgewachsen in einer sozialdemokratisch geprägten, aufgeklärten Familie, die immer mit der Frage der individuellen Schuld auseinandergesetzt hat. Meine Oma hatte erlebt, wie am 9. November die jüdischen Männer durch die Bremer Innenstadt getrieben wurden, sie hatte heimlich auf der Toilette ihrer Arbeitsstelle geweint. Natürlich habe ich immer wieder gefragt, warum habt ihr nichts gemacht? Mein Opa stieß bis weit in die Nachkriegszeit mit den erlebten Gräueltaten der Wehrmacht an der Ostfront auf Unglauben und Unverständnis. Ihn verfolgten bis in seine letzten Lebenstage die Erlebnisse im Krieg und seiner späten Desertation. Ihn verfolgte die Erfahrung von Angst und die nie eingestandene Schuld. Die Frage der eigenen individuellen Verantwortung wurde in der stark vom Nationalsozialismus geprägten Nachkriegszeit weitgehend gesellschaftlich totgeschwiegen oder sogar aggressiv verneint. Dies ist mir als junger Mensch bewusst gewesen.

Erst viele Jahre später ist mir allerdings aufgefallen, in welchem Ausmaß der Antisemitismus der Vergangenheit auch heute noch in den Köpfen der Menschen präsent ist. Er äußert sich zum größten Teil in Kleinigkeiten, ist aber bestimmt davon, dass Jüdinnen und Juden immer noch als irgendwie anders begriffen werden. Und dies ist die gefährliche Fortsetzung einer Jahrhunderte alten gesellschaftlichen Stigmatisierung jüdischen Lebens, die im Grunde nie richtig aufgearbeitet wurde. Vor vier Jahren hatte ich gesagt, dass sich vermutlich niemand vorstellen kann, wie sich jeder und jede einzelne von uns in einer Diktatur verhalten würde, die von Unterdrückung, Angst und Terror geprägt ist.

Vier Jahre später stellt sich diese Frage für uns alle dringender denn je zuvor. Und dies aus zwei Gründen: wir erleben seit vier Jahren deutlich wie nie zuvor, dass sich unsere Gesellschaft verändert: Ausgrenzung, Abwertung, Entmenschlichung ist wieder salonfähig geworden. Und dies in all seinen Facetten: Rassismus, Verachtung von Minderheiten und aber auch eben immer offener auftreten Antisemitismus. Wir erleben, dass dieses gesellschaftliche Klima mit der AfD, einer völkischen und in Teilen offen rechtsextremen Partei, ein Sprachrohr gefunden hat, die dies mit aller Macht befeuert. Und wir erleben auch wieder, dass Menschen ängstlich werden.

Deshalb ist es umso wichtiger sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, denn diese hat eben einen langen Arm, der bis in unsere Zeit hineinreicht. Wir dürfen nie wieder ein Klima des Hasses, der Angst und der Intoleranz zu lassen. Mich persönlich macht es betroffen, wenn an Bremens Schulen zunehmend über Antisemitismus berichtet wird. Mich macht es betroffen, wenn Lehrpläne nicht in Gänze eingehalten werden, weil Lehrkräfte sich mit einem latenten oder offenen Antisemitismus in den Klassen überfordert fühlen. Und dieser reicht quer durch alle Schichten und gesellschaftlichen wie politischen Milieus.

Es gibt Berichte aus Schulen in bürgerlichen Stadtteilen, in denen jüdische Mitschüler und Mitschülerinnen mit einem Antisemitismus konfrontiert werden, der hinter einer Israelkritik versteckt ist. Es gibt Berichte aus Schulen, in denen Antisemitismus durch muslimische Schüler und Schülerinnen im Geschichtsunterricht offen geäußert wird. Inzwischen gibt es Fortbildungen für Lehrkräfte, aber wir müssen uns fragen, ob dies ausreicht. Denn dadurch verschwindet dieses Gedankengut ja nicht.

Wir müssen alle gemeinsam auch Relativierungen entgegentreten. Wir müssen offen benennen, worum es geht: Antisemitismus, Rassismus und beispielsweise die Verachtung von Homosexuellen dürfen nicht gegeneinander aufgewogen werden. Wenn wir über Rassismus reden, aber über Antisemitismus schweigen, dann haben wir ein größeres Problem als uns vielleicht bewusst ist.

Gerade wegen der ungebrochenen Tradition antisemitischer Vorurteile in Deutschland. Ich unterstütze daher ausdrücklich das Anliegen der jüdischen Gemeinde, in Bremen die Normalität jüdischen Lebens herzustellen und zu garantieren. Aber auch politisch sind wir gefordert. 2018 gehört es zur bedauerlichen Realität, dass eine Partei in inzwischen allen deutschen Parlamenten mit einem Vokabular das gesellschaftliche Klima vergiftet, welches zuletzt meine Großeltern im Nationalsozialismus erlebt hatten.

Es ist leider heute Realität, dass die AfD ihre antidemokratischen Vorstellungen in die Breite tragen kann. „Wir werden sie jagen“, sagte Alexander Gauland letztes Jahr am Abend nach der Bundestagswahl. Wir müssen diese Drohung ernst nehmen, sonst begehen wir den Fehler unserer Großelterngeneration, die 1933 auch dachten, der Spuk sei schnell vorbei.

Der Zentralrat der Juden hat in einer mit anderen jüdischen Organisationen veröffentlichten Erklärung klar und deutlich gesagt: die AfD ist eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland. Diese Erklärung mahnt uns demokratische Parteien zu klarem Handeln. Liebe Gäste, zum achtzigsten Mal jährt sich heute der heute der Auftakt des professionell durchgeführten und breit getragenen Genozids an der jüdischen Bevölkerung Europas.

Mehr denn je sind wir heute individuell gefordert, Stellung zu beziehen, Haltung zu zeigen und gegen eine gesellschaftliche und politische Entwicklung einzustehen, die unser Land dramatisch verändern kann. Wenn wir dies nicht tun, dann könnte es in gar nicht allzu ferner Zeit sein, dass diese Gedenkveranstaltung nicht mehr stattfindet. Wir können dies alle verhindern.

Die Geschichte der Shoa hat mit einer weit verbreiteten antisemitischen Einstellung und der Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung begonnen. Wir dürfen dies nicht wieder zulassen. Ich danke Ihnen fürs Zuhören und freue mich nach einem kurzen Musikstück Dr. Matthias Heyl als Gastredner begrüßen zu dürfen. Dr. Heyl ist Historiker und Erziehungswissenschaftler und leitet die pädagogischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Bremen ist er durch seine Mitgliedschaft im wissenschaftlichen Beirat des Denkorts Bunker Valentin besonders verbunden.