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23. Februar 2010

"Breaking the Silence" - israelische Ex-Soldaten als Augenzeugen im Gaza-Krieg

Yehuda Shaul während der Pressekonferenz im Kapitel 8 der Evangelischen Kirche

Erläuterungen der militärischen Aktionen am Computer

Im Tivolisaal des DGB-Hauses

A Palestinian kid with soldiers at the background. Foto von der website http://www.breakingthesilence.il

Die Organisation "Breaking the Silence" wurde von ehemaligen israelischen Soldaten gegründet. Sie begannen 2004 während der 2. Intifada in den palästinensischen Gebieten, und sie haben sich ein einziges und klar formuliertes Ziel gesetzt haben: sie sammeln Berichte, Fotos und Videos von Augenzeugen über Vorkommnisse, die nicht hätten passieren dürfen. Über Tötungen, Misshandlungen, Plünderungen und willkürliche Zerstörung von Eigentum. "Diese Dinge," so heißt es auf der Homepage der Organisation, "waren jahrelang die Norm und werden immer noch entweder als militärisch notwendig praktiziert oder als extreme und einmalige Fälle entschuldigt."

"Breaking the Silence"

Seit 2004 hat "Breaking the Silence" so Aussagen von über 650 Augenzeugen aus den von Israel besetzten Gebieten dokumentiert. Sie werden in Büchern, Ausstellungen, Videos, auf Websites und auf Vorträgen und Diskussionen hauptsächlich in der israelischen Gesellschaft publiziert. In mehreren größeren Publikationen sind die Aussagen dokumentiert.

"Women Soldier's Testimonies" (2009),

"Soldier's Testimonies from Hebron 2005-2007" (2008),

"Hebron Testimonies" (2004).

"Soldier's Testimonies from Operation Cast Lead", Gaza 2009" ist die jüngste Dokumentation. 54 Zeugenaussagen von israelischen Soldaten als Teilnehmern am Gaza-Krieg werden hier auf über 100 Seiten dokumentiert.

"Breaking the Silence" legt Wert auf die Feststellung, dass alle Zeugenaussagen sorgfältig nachgeprüft werden. "All the testimonies we publish undergo meticulous research, including cross-checking facts with additional eye-wetnesses and/or the archives of other human rights organisation which are also active in the field." (aus der Einleitung). Mehr auf der Website der Organisation www.breakingthesilence.org.il

Yehuda Shaul im DGB-Haus

Gut 70 Interessierte waren am 22. Februar der Einladung der Stiftung "Die Schwelle" und der Bildungsvereinigung "Arbeit und Leben" in den Tivoli-Saal des DGB-Hauses gefolgt. Yehuda Shaul, der 27 Jahre junge Generalsekretär der Organistion "Breaking the Silence", berichtete über sich und seinen Werdegang, über die Organisation und vor allem über die Geschehnisse während des jüngsten Gaza-Krieges. Die Moderation hatte Rainer Duhm von der Stiftung übernommen.

Yehuda Shaul hatte nach der Highschool - wie so viele junge Israelis auch - zunächst den dreijährigen Militärdienst absolviert, war dann Berufssoldat geworden und als Sergeant und Commander auch verantwortlich für viele Einsätze hauptsächlich in Hebron. Der Israeli bezeichnet sich selber als gläubigen, orthodoxen Juden und dem rechten Flügel der israelischen Gesellschaft, auch teilweise der Siedlerbewegung,   zugehörig. Viele Erklärungen, die er gab, waren formuliert in der Sprache eines "combatant soldiers" und seinem militärischen Kampf"handwerk". So war von "softened targets", den entweder "wet and dry entries" in palästinensische Siedlungen, Straßen und Häuser und sowieso viel vom Einsatz von Panzern, Flugzeugen, Drohnen, Artillerie, Mörsergrananten, Infanteriesoldaten usw. usf. die Rede. Dass bei Kampfhandlungen viel an Grausamkeiten passiert, menschliches Versagen von Soldaten und Kommandeuren eingeschlossen - das ist für Yehuda Shaul in einem Krieg unvermeidlich. Es zuckten wohl viele der zahlreichen Pazifisten und Friedensfreunde im Saal zusammen bei seinem Kommentar dazu: "shit happens".

Dann aber wurde es zunehmend still im Saal, als Yehuda Shaul begann, über die Gründe zu berichten, die ihn und viele andere israelische Ex-Soldaten dazu schließlich gebracht haben, "Breaking the Silence" zu gründen. Für sie wäre immer deutlicher geworden, dass die "roten Linien", die vorher die Grenzen des Zulässigen in der israelischen Gesellschaft markiert hätten, während der "military operations" in den besetzten Gebieten zunehmend und zunehmend systematisch überschritten worden wären.

Operation "Cast Lead" im Gaza-Streifen

Einen "categorial shift", also einen Wandel der grundlegenden Kategorien der Kriegsführung, hätte es während des Krieges im Gaza-Streifen, der Operation "Cast Lead" ("gegossenes Blei") gegeben. Den ersten Schilderungen aus diesem Krieg hätten sie zunächst nicht glauben wollen. Aber als sie immer mehr Augenzeugenberichte über immer mehr ähnliche Geschehnisse erhielten, sei ihnen klar geworden, dass im Gaza-Streifen etwas grundsätzlich Anderes abgelaufen wäre.

Von der militärischen Führung sei den meist sehr jungen Soldaten immer wieder zu verstehen gegeben worden, dass der Einsatz ein Erfolg werden, dass jegliches Risiko für die eigenen Soldaten beim Einsatz unbedingt vermieden werden müsse und dass die Rücksicht auf die zivile Bevölkerung an letzter Stelle stünde. Eine Blamage wie während des 2. Libanon-Krieges dürfe sich für die "Israel Defense Forces (IDF)" nicht wiederholen. Für den einzelnen Soldaten hätte dieser "categorial shift" bedeutet, dass es so gut wie "no limitations" beim Einsatz der Waffen mehr gegeben habe. In genauen Schilderungen einzelner Ereignisse erläuterte Shaul die grauenhaften Folgen für die Zivilbevölkerung. Zwar wären vor den Einsätzen massenhaft Flugblätter abgeworfen und die Zivilbevölkerung per Telefon zum Verlassen der Gebiete aufgefordert worden, danach aber wäre das Militär wie in einem Krieg vorgegangen: mit Bomben und Raketen von Kampfjets oder Drohnen, und mit Artilleriebeschuss und zum Schluss der Einsatz von Infanteriesoldaten.

Direkte Auseinandersetzungen mit bewaffneten Kämpfern der Hamas, die evtl. eine Rechtfertigung für ein solches Vorgehen hätten liefern können, hätten so gut wie nicht stattgefunden. Es wäre ein Krieg mit der vollen Gewalt der Waffen gegen eine unbewaffnete Zivilbevölkerung gewesen. Die vom israelischen Militär veröffentlichten Verlustzahlen spiegeln diesen "categorial shift" wider. 1400 Palästinenser und 13 Israelis wären ums Leben gekommen und zig-tausende von Häusern und öffentlichen Gebäuden zerstört worden.

Wie kann die israelische Gesellschaft ein solches Vorgehen rechtfertigen? Wo sind die roten Linien in der Kriegführung, die nicht überschritten werden dürfen? Die Organisation "Breaking the Silence" lehnt es nach Aussage von Jehuda Shaul ab, die Geschehnisse zu erklären, zu bewerten oder zu beurteilen. Die Organisation beschränkt sich, wie von Yehuda Shaul immer wieder erklärt, auf das Sammeln von genau dokumentierten und nachgeprüften Zeugenaussagen, unterstützt von Fotos und Videos. Sie publizieren ihre Rechercheergebnisse und fordern von der israelischen Gesellschaft eine Untersuchung der Vorkommnisse durch eine unabhängige Untersuchungskommission. Und dann müsse diskutiert und festgelegt werden, welche "roten Linien", die nicht überschritten werden dürften, für das israelische Militär bei der Besatzung der palästinensischen Gebiete zu gelten haben.


Diskussion

In der anschließenden Diskussion wurden viele Fragen gestellt und Themen zur Sprache gebracht. Ob er den Goldstone-Report kenne und wie er ihn einschätze. Er habe ihn nicht gelesen. Aber dass verbotenerweise weißer Phosphor eingesetzt worden wäre, hätte ja jeder im Fernsehen sehen können. Und über einzelne Gräueltaten bräuchte er nicht die Ergebnisse einer UN-Fact-finding-Commission, dazu hätten sie in ihrer letzten Veröffentlichung ("Operation Cast Lead") mehr als genug Material zusammengestellt. Ergänzend zeigte Shaul noch einige erschreckende Fotos (alle auf der Website

http://www.breakingthesilence.org.il

um deutlich zu machen, um was es hier ginge. Ein Foto zeigt einen Soldaten, der sich dabei fotografieren lässt, wie er auf gefesselte Palästinenser uriniert. Ein anderes Foto zeigt einen ebenfalls gefesselten palästinensischen Jungen, dem die Augen mit einem blutigen Tuch verbunden sind. "Seht nicht auf den Palästinenser", meinte Yehuda Shaul, "seht auf die dabeisitzenden israelischen Soldaten und wie sie deutlich machen, dass sie die Palästinenser überhaupt nicht mehr wahrnehmen." Und das wäre das eigentliche moralische Problem für Israel.

Sönke Hundt