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11. Juni 2008

Alle Räder stehen still. Warnstreik bei Mercedes Benz.

Ältere Beschäftigte müssen auch in Zukunft vor dem gesetzlichen Rentenalter flexibel aus dem Erwerbsleben ausscheiden können

Rund 5.000 Kolleginnen und Kollegen des Bremer Mercedes Benz-Werks sind heute Vormittag in einen zweistündigen Warnstreik getreten. Sie unterstrichen damit ihre Forderung nach einem neuen Tarifvertrag zur Altersteilzeit. Die Produktion der Frühschicht fiel zum großen Teil aus. Hunderte von Autos rollten nicht von den Montagebändern. "Eigenverantwortung, Humankapital, Freisetzung". Hinter der harmlos daherkommenden Sprache des modernen Kapitalismus verbirgt sich nicht mehr und nicht weniger als die bewusste Zertrümmerung des Sozialstaats, rigider Personalabbau und die Abschaffung jedweder sozialer Verantwortung. Auch das Konzept „New Management Model“ ist solch eine neoliberale Beschönigung, eine andere „Zielerreichung Indirektes Personal“. Davon können die Beschäftigten von Mercedes Benz in Bremen ein Lied singen. Denn nach dem eklatanten Stellenabbau in den Verwaltungsbereichen hat der Leiter des Bremer Werks bereits eine neue Vision. Vor seinen Augen steht eine Zielzahl von 2.500 Indirekten und Angestellten in seinem Werk. Dafür müssen im Produktionsbereich 189 Stellen gestrichen werden.

Tatsächlich scheint es in der neoliberalen Logik nur noch um Kopfzahlen und Renditen zu gehen. Angestrebte Ziele sind deshalb nicht etwa innovative und funktionierende, gut gewartete Anlagen und qualitativ hochwertige Autos. Und schon gar nicht vernünftige Arbeitsabläufe und Arbeitsbedingungen. Zielvorgabe ist letztlich die Reduzierung des Personals bei höchstmöglicher Wertschöpfung und Rendite.

Die Kolleginnen und Kollegen des Bremer Mercedes Benz-Werks beklagen sich über zunehmende Arbeitsverdichtung, steigenden psychischen Druck und höheren Stress. Doch diese Klagen werden vom Management des Unternehmens beharrlich ignoriert. Ganz im Gegenteil: Arbeiten soll nach dessen Vorstellungen in Zukunft noch monotoner, Rotationen verringert und die Projektarbeitsziele mit noch weniger Personal in immer kürzeren Vorgabezeiten geschafft werden. 

Gleichzeitig verweigern die Arbeitgeber einen sinnvollen Abschluss zur Altersteilzeit. Selbstverständlich ist die Altersteilzeit kein Allheilmittel. Das ist auch den Betriebs- und Personalräten vor Ort klar. Aber ohne Altersteilzeit schaffen es Hunderte Kolleginnen und Kollegen nicht, wenigstens einigermaßen gesund bis zur Rente zu kommen. Zunehmender Rationalisierungsdruck und jahrelange Schichtarbeit fordern ihren Tribut. Vor allem in der Produktion kämen die älteren Kollegen mit dem Arbeitstempo immer schwerer zurecht, sagt etwa der Leiter des gewerkschaftlichen Vertrauenskörpers, Ralf Wilke. Und verweist darauf, dass sich fast 6.000 Daimler-Beschäftigte in der Altersgruppe zwischen 45 bis 50 befinden. Deshalb müsse es weiterhin möglich bleiben, dass ältere Beschäftige über die Altersteilzeit vorzeitig und ohne finanzielle Einbußen aus dem Berufsleben ausscheiden könnten. Zumal dadurch junge Leute die Chance bekämen, auf den frei werdenden Job nachzurücken. Wer heute die Rente mit 67 fordert, handelt angesichts der verschärften Arbeits- und Leistungsbedingungen und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit arbeitsmarktpolitisch verantwortungslos. Und er hat offensichtlich keine Ahnung von der Arbeitswelt.

  • Ältere Beschäftigte müssen grundsätzlich einen Anspruch auf Altersteilzeit haben. Der Anspruch soll nicht auf besonders belastete Beschäftigte beschränkt werden.
  • Beschäftigte sollen auch in Zukunft vor dem gesetzlichen Rentenalter flexibel aus dem Erwerbsleben ausscheiden können. Für Rentenabschläge soll es weiterhin einen Ausgleich geben. Altersteilzeit soll nicht nur für die letzten vier Jahre vor der abschlagsfreien Rente möglich sein. 
  • Arbeitgeber sollen auch künftig die Bezüge und die Beiträge zur Rentenversicherung während der Altersteilzeit aufstocken.
  • Die Quote derer, die in einem Betrieb in Altersteilzeit gehen können, soll bei fünf Prozent der Belegschaft bleiben.

Manfred Steglich