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9. Februar 2009

8. Februar: Gedenkfeier auf dem Waller Friedhof

Auf dem Weg zum Mahnmal

vlnr: Peter Erlanson, Michael Horn, Agnes Alpers, Christoph Spehr, Monique Troedel

Raimund Gaebelein

Willi Gerns

Wie sich die Bilder gleichen! Schon vor einer Woche war ein Zug mit vielen roten Fahnen zum Mahnmal für die gefallenen Verteidiger der Räterepublik auf dem Waller Friedhof gezogen. Aber vor einer Woche war die Gedenkfeier von DGB und SPD allein organisiert worden. Sie hatten es vorgezogen, für sich zu bleiben und sich nicht an der traditionellen Gedenkfeier zu beteiligen. Die tragische Spaltung der Arbeiterbewegung - sie hat auch noch 90 Jahre nach der Niederschlagung der Räterepublik und nach den Erfahrungen im Faschismus Bestand.

Am 8. Februar nun gedachte ein traditionell breites Bündnis aus verschiedenen linken Organisationen, wie schon seit vielen Jahren, der vor 90 Jahren gefallenen Verteidiger der Bremer Räterepublik. In dem breiten Bündnis hatten sich zusammengefunden: VVN/BdA Landesverband Bremen, Deutsche Kommunistische Partei [DKP] Bezirk/Land Bremen, DIE LINKE Landesverband Bremen, Marxistische Abendschule [MASCH), Bremer Antikapitalistische Linke [BAL], Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD, Marxistisch-Leninistische Partei Deutschland [MLPD] Bremer Montags-Demo, Solidarische Hilfe, Bildungsvereinigung SALZ, Initiative Nord-Bremer Bürger gegen den Krieg und das avanti-Projekt/undogmatische Linke.

Mehr als 200 Menschen waren gekommen, um am Mahnmal der Toten zu gedenken. Es sprachen nacheinander Raimund Gaebelein von der VVN, dann Willi Gerns, der für den erkrankten Hermann Gautier eingesprungen ist, für die DKP, danach Heike Hey von der Bremer Antikapitalistischen Linken und als letzter der Schüler Oskar vom avanti-Projekt/undogmatische Linke. DIE LINKE stellte keinen Redner, aber Mitglieder des Landesvorstands, der Linksfraktion in der Bürgerschaft und der Beiratsfraktion in Walle legten am Mahnmal zum Gedenken an die Revolutionäre Blumen nieder.

Raimund Gaebelein dankte am Anfang dem Vorbereitungskreis dieser Feier für die geleistete Arbeit. Ebenso dem Beirat Walle, der - auf Antrag der Linksfraktion im Beirat - die Reinigung der steinernen Tafel mit den Namen der Gefallenen an diesem Denkmal möglich gemacht hatte. Raimund bedauerte es noch einmal, dass sich DGB und SPD von der Vorbereitung zu einer gemeinsamen Feier zurückgezogen hätten. Sicher, ein Bündnis um jeden Preis könne es nicht geben. Aber vielleicht habe ja, damit griff er einen Gedanken von Margot Konetzka auf, dabei auch eine Rolle gespielt, dass in der heutigen Krisenzeit auch die Idee davon, dass eine ganz andere Entwicklung der Gesellschaft möglich und notwendig sei, mit entsorgt werden sollte. (die ganze Rede hier...)

Willi Gerns erinnerte daran, dass es die Mehrheitssozialdemokraten unter Ebert und Noske gewesen waren, die sich gegen die Idee der Revolution zum Instrument der wirtschaftlich Herrschenden hatten machen lassen. "Sie ließen", so Willi Gerns, "die  von kaiserlichen Offizieren geführten Freikorps von der Kette. Unter ihren Kugeln und Gewehrkolben starben tausende Revolutionäre, darunter auch sozialdemokratische Arbeiter... Gustav Noske, der bekanntlich von sich selbst gesagt hat: 'Einer muss der Bluthund sein', trägt auch die volle Verantwortung für die Niederschlagung der Bremer Räterepublik. Am 25. Januar 1919 befahl er der Division Gerstenberg, dem sich ein Freikorps aus bremischen Bürgersöhnen anschloss, den Angriff auf Bremen... Mit der Niederschlagung der Revolution und der Ermordung tausender Revolutionäre durch Freikorps, die zum Teil schon damals das Hakenkreuz am Stahlhelm trugen, wurde der Keim für die Zerschlagung der kaum geborenen Republik gelegt und der Boden bereitet, auf dem das deutsche Großkapital Hitler an die Macht bringen konnte." (die ganze Rede hier...)

Heike Hey widmete ihre Rede ganz den Frauen während der Zeit der Revolution. Sie hätten ebenso wie die Männer demonstriert, agitiert und wären Kuriere für geheime Flugschriften gewesen. Nicht nur das. Es würde auch berichtet, dass Frauen Waffen für sich gefordert hätten. Heike zitierte Rosa Luxemburg: "Die Proletarierin braucht politische Rechte, weil sie dieselbe wirtschaftliche Funktion in der Gesellschaft ausübt, ebenso für das Kapital rackert, ebenso den Staat erhält, ebenso vom ihm ausgesogen und niedergehalten wird, wie der männliche Proletarier. Sie hat dieselben Interessen und benötigt zu ihrer Verfechtung dieselben Waffen. Ihre politischen Forderungen wurzeln tief in dem gesellschaftlichen Abgrund, der die Klasse der Ausgebeuteten von der Klasse der Ausbeuter trennt, nicht im Gegensatz von Mann und Frau, sondern im Gegensatz von Kapital und Arbeit." (die ganze Rede hier...)

Zum Abschluss sprach Oskar vom anvanti-Projekt: "Es ist 90 Jahre", so begann er, "dass Menschen hier in Bremen beschlossen haben, den herrschenden Verhältnissen, mit dem Krieg, dem Hunger und den kapitalistischen Verhältnissen zu brechen und für eine andere bessere Gesellschaft auf die Straße zu gehen... Über Jahre hinweg wurde die kapitalistische Ordnung in Deutschland von einer Arbeiterklasse bedroht, die genug hatte von ihrer eigenen Ausbeutung und für eine gerechtere Produktionsweise kämpfte. Diesen Widerstand konnte das Großkapital erst im Bündnis mit Faschisten und der Anwendung skrupelloser Gewalt niederschlagen." Der Glaube an die Alternativlosigkeit und an die Möglichkeit einer anderen, solidarischen, Gesellschaftsordnung hätte sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr ausgebreitet. Nur die radikale Linke hätte es noch gewagt, den Sinn und den Zweck des Kapitalismus' in Frage zu stellen. Nicht einmal an den Schulen würden Schülerinnen und Schüler noch etwas über die Räterepublik lernen, obwohl dieser doch eins auch heute noch zu verdanken wäre: die Freiheit vom Religionsunterricht. Angesichts der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise hätte sich aber schon viel geändert, wenigstens verbal. In den Feuilletons und den Talkrunden würde auf einmal wieder viel von der Krise, der Notwendigkeit der Veränderung und von Verstaatlichung und Vergesellschaftung die Rede sein.

Die Gedankfeier wurde musikalisch umrahmt vom Buchtstraßenchor. Kulturell ging es dann auch im Anschluss im Café Westend weiter, wo bei Kaffee und Kuchen (alles vom Vorbereitungskreis organisiert und vorbereitet!) ein vielgestaltiges und viel beklatschtes Kulturprogramm geboten wurde.
Sönke Hundt