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28. Februar 2010

Streik der Tekelarbeiter in Ankara - Solidaritätsaktion in Bremen

Die Solidaritätsaktion vor der Bürgerschaft

"Roter Pfeffer" lautstark

Christian Wechselbaum, NGG-Gewerkschaftssekretär

Ibrahim Akbal, Betriebsrat von Mercedes-Benz mit der aktuellen Ausgabe der "Hürriyet"

Seit mehr als 70 Tagen streiken die türkischen Tekel-Tabakarbeiter gegen die Privatisierung des ehemals staatlichen Tabak-Konzerns, der von der Regierung Erdogan an den US-Tabakmulti British American Tobacco (BAT) verkauft worden ist. Privatisierung heißt für viele Tekel-Betriebe die komplette Schließung oder Kündigung der Tarifverträge.

Am 21. Februar waren etwa 20.000 Gewerkschafter aus der ganzen Türkei nach Ankara gekommen, um die Tekel-Arbeiter zu unterstützen. Eine Zeltstadt war mitten in der Fußgängerzone von Ankara aufgebaut worden. Aus Bremen waren sechs Gewerkschafter der NGG, IG Metall und ver.di nach Ankara zu einem mehrtägigen Solidaritätsbesuch geflogen. Die Bremer Delegation hatte in Ankara Spenden und Solidaritätsbotschaften überbracht und den dort seit gut zwei Monaten bei nasskalter Witterung in provisorischen und nur notdürftig geheizten Zelten des Protestcamps ihre Unterstützung zugesagt.

Stephan Heins vom Komitee "Wir sind der GHB" aus der Delegation berichtete: "Was ich da erlebt habe, kann man kaum in Worte fassen. Eine Mischung aus Stolz, Verzweifelung und Entschlossenheit. Wir waren eine Delegation aus sechs Arbeitern (Daimler, Becks, Hafen), und als wir in der Zeltstadt ankamen, wurden wir aus allen Teilen willkommen geheißen. Wir wurden dann ums  Gewerkschaftshaus begleitet, vor dem eine Kundgebung stattfand. Es war eine ganz besondere Atmosphäre, ich war so was von beeindruckt, mir fehlten im ersten Moment die Worte. Als wir dann im Gewerkschaftshaus begrüßt wurden, gingen wir wieder nach unten und traten vor die Arbeiter.

Als erstes sprach unser türkische Kollege Ibrahim (Daimler) zu den Arbeitern, ich verstehe kein türkisch, aber die Emotionen waren überwältigend. Da standen Arbeiter mit Tränen in den Augen. Ibrahim stockte kurz weil ihm die Stimme weg blieb, und auch wir anderen, die die türkischen Worte nicht verstanden, waren emotional stark angetan. Wir legten immer wieder kleinere Gesprächspausen   ein, in denen die Arbeiter ihre durchdringenden Parolen lautstark zur Geltung brachten. Wir bekamen viel Applaus und  Hochachtung von den Arbeitern. Danach gingen wir in Richtung Zelte, um hier mit den Arbeitern zu reden, aber wir kamen nicht weit, es bildete sich sofort eine Traube um uns, jeder wollte uns die Hand schütteln und mit uns reden. Wir zogen den ganzen Tag durch die Zeltstadt und sprachen mit so vielen Arbeitern. Wir hörten von so viele Schicksalen und sprachen auch immer wieder über Politik. Zwischenzeitig besuchten wir auch die Hungerstreikenden, die zu diesem Zeitpunkt schon seit sieben Tagen im Hungerstreik waren. Es war erschreckend, wie schlecht es diesen Menschen ging, und mich überkam wieder dieses unbeschreibliche emotionale Gefühl. Immer wieder hörten wir "Dann sterbe ich halt hier". Eine Frau berichtete, wie sie von der Polizei verprügelt wurde, und wie man Tränengaskartuschen vor ihr Gesicht geschoben hatte. Nur weil Sie sich schützend vor hungerstreikenden Frauen stellte.

Am Abend war ein Fackelmarsch geplant, und man berichtete uns, dass heute ein verdammt großes Polizeiaufgebot da ist. Man weiß nicht genau warum, aber es könnte sein, dass die den Fackelmarsch verhindern wollten. Als es dann soweit war, bekamen wir die Ehre, mit unseren Transparent, das wir aus Deutschland mit brachten, den Fackelmarsch anzuführen. Vor uns weg liefen zirka fünf Kamera-Teams und ein Dutzend Reporter, die ununterbrochen fotografierten. Pausenlos  donnerten die Sprechchöre. Wir liefen ca. einen Kilometer, kamen an Hundertschaften behelmter Polizisten vorbei, und wurden die ganze Zeit von zivilen Staatsdienern mit Knopf im Ohr und verstecktem Funkgerät verfolgt.

Wir blieben fast die ganze Nacht bei unsern Freuden. Was mich aber belastete, waren diese Hoffnung und Erwartungen, die man an uns hatte. Auf der einen Seite möchte man keine Hoffnung zerstören und auf der anderen Seite mussten wir ehrlich sein. Diese Menschen haben den größten Respekt und alle Hilfe, die man organisieren kann, verdient. Wenn ich alles wieder geben sollte, was ich da in zwei Tagen erlebt habe und was ich in den Gesichtern der Streikenden gelesen habe - dann müsste ich ein ganzes Buch verfassen..."

Die Bremer besuchten auch die im örtlichen Gewerkschaftshaus untergebrachten Hungerstreikenden, deren Zustand nach Angaben der Ärzte inzwischen als kritisch gilt. "Keine Arbeit, kein Brot, kein Frieden, lautete ein Motto des Kampfes.

Zurück in Bremen beschlossen Gewerkschafter am 27. Februar eine Solidaritätsaktion auf dem Bremer Marktplatz. Ein Zelt wurde aufgebaut, in dem Fotos und Videos aus Ankara gezeigt wurden. Auf großen Transparenten wurde die Solidarität bekundet. Außerdem wurden weitere Unterschriften und Geld zur Unterstützung gesammelt. Mehrere Redner schilderten die Situation für die türkischen Kolleginnen und Kollegen. Die Gruppe "Roter Pfeffer" sorgte mit ihren großen Blechfässern für eine lautstarke und rhythmische Unterstützung.

Über die Aktion auf dem Marktplatz berichtete die türkische Zeitung "Hürriyet"; die türkischen Fernsehkanäle Hayat TV, Kanal D und Kanal Star übertrugen direkt in die Türkei. Verglichen mit der Wucht des Protestes in der Türkei hielt sich die Beteiligung aus den Bremer Betrieben allerdings hielt sich in Grenzen. Einer der etwas enttäuschten Aktivisten drückte es so aus: "Wahrscheinlich ist es so, dass deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter erst in die Gänge kommen, wenn die Aktion während der bezahlten Arbeitszeit erfolgt und sie in Bussen der Gewerkschaft auch an der Veranstaltungsort gebracht." werden.

Für den 28. Februar hat der Ministerpräsident Erdogan die Räumung des Protestcamps - notfalls auch mit Militäreinsatz - angekündigt.
Sönke Hundt