20. Juni 2011

Der Überraschungsgewinner - ein Gespräch mit Cindi Tuncel

mit Gregor Gysi vor dem Arbeitslosenzentrum Tenever

Cindi Tuncel war bei der Bürgerschaftswahl am 22. Mai 2011 der Überraschungsgewinner. Die Partei hatte ihn auf Platz 10, also einen ziemlichen aussichtslosen Platz, gesetzt. Aber dank des neuen Wahlrechts erhielt Cindi Tuncel genug Personenstimmen, um vorzurücken. Anlass genug, um ihn nach den Gründen und Hintergründen für diesen Erfolg zu fragen. Die Fragen stellte Sönke Hundt.

 

Du hast bei der Bürgerschaftswahl einen großen persönlichen Erfolg errungen. Du hast tatsächlich nach der Spitzenkandidatin Kristina Vogt die meisten Personenstimmen erhalten. Mit 2.427 Personenstimmen hat dich das Wahlvolk vom Listenplatz 10 auf Platz 4 hochgewählt. Wie erklärst du dir diesen Überraschungserfolg?

(Lacht). Ich will ja nicht arrogant klingen, aber ich habe schon mit vielen Stimmen für mich gerechnet. Ich bin vielleicht in meiner Partei nicht so bekannt gewesen, aber es ist einfach so, dass ich in Bremen ziemlich gut vernetzt bin. Ich bin seit 10 Jahren als Sozialpädagoge und Sozialarbeiter in unterschiedlichen Stadtteilen unterwegs. Ich bin ein Kind des Bremer Ostens, bin in Hemelingen groß geworden und habe in Tenever bzw. in Blockdiek gewohnt und gearbeitet. Außerdem, nicht zu vergessen, war ich die letzten vier Jahre als einziger Abgeordneter für die LINKEN im Beirat Osterholz und dort in sieben Ausschüssen aktiv. Jetzt haben wir im Beirat den zweiten Sitz dazugewonnen.

Es gibt weitere Erfolgsmeldungen. Der Stadtteil Tenever gehört mit 10,02 % bei der Bürgerschaftswahl zu den drei erfolgreichsten Stadtteilen (nach dem Steintor mit 11,59 % und dem Westend in Walle mit 10,20 %). Aber: Tenever ist der einzige Wahlbereich, wo die LINKE in der letzten Wahl zugelegt hat, nämlich von 7,92 % (2007) auf 10,02 %. Und es kommt noch schöner. Im Wahlbezirk Tenever 37305 hat die LINKE sogar 24,5 % geholt, allerdings bei den Beiratswahlen. Also noch mal: herzlichen Glückwunsch.

Danke. Ich habe tatsächlich für die Beiratsliste mehr Stimmen bekommen als für die Bürgerschaftsliste. Es ist wirklich so, dass viele Leute gesagt haben, dass sie mich gern im Stadtteil behalten möchten. Aber, habe ich im Wahlkampf immer gesagt, in der Bürgerschaft kann ich auch viel bewegen.

Aber jetzt noch mal: wie hast du das gemacht?

Ich habe einen persönlichen Wahlkampf geführt. Ich habe wirklich alle Einrichtungen in Tenever - und nicht nur einmal - besucht: Arbeitslosenzentrum, Jugendfreizeitheim, Jugendcafe, habe Infostände gemacht an der Züricher Straße, in Blockdiek natürlich ebenso und vor dem Weserpark. Ich bin losgegangen abends oder morgens, je nach den Öffnungszeiten, und habe mir Zeit genommen, mit den Leuten zu reden. Viele kannte ich schon, sie haben mir Fragen gestellt, ich habe Leute überzeugen können, und die haben wieder andere überzeugt. So lief das. Auch in anderen Stadtteil war ich unterwegs, wo auch Menschen wohnen, die ich kenne. Sportvereine, Kulturvereine, religiöse Vereine, Moscheen, Kirchen. Da bin ich auch hingegangen, in die Vereinsheime, habe mich da hingesetzt und mich unterhalten.

Der Stimmenanteil für die LINKEN in Tenever ist hoch. Die Anzahl der Nichtwähler allerdings auch, nämlich 38,2 %. Nur einige Stadtteile in Bremerhaven waren noch schlechter.

Ja, das ist traurig. Wir haben uns zwar etwas verbessert, aber trotzdem. Ich habe immer gesagt, geht wählen, meinetwegen auch die anderen Parteien. Aber geht wählen. Nur nicht die NPD!

Bei den Jugendlichen warst du besonders gut vernetzt...

Ich habe mir viel Zeit genommen für die jungen Leute. Und nicht erst für diese Wahl. Ich bin seit 2001, seit ich in Bockdiek wohne, ehrenamtlich und halbehrenamtlich aktiv gewesen. Außerdem habe ich fünf Jahre als Familienhelfer gearbeitet, hatte immer den Sportverein, habe Kinder von der Straße geholt, sie zum Sport, zum Fußballspielen gebracht. Bis Dezember 2010 war ich Trainer der Fußballmannschaft in Hemelingen, wo ich groß geworden bin. Bis 2007 war ich Trainer beim SV Mardin. Der Verein hat kurdische Wurzeln (Mardin ist ein Ort an der syrischen Grenze). Ich hatte damals den Namen "Tenever International" vorgeschlagen. Weil der Verein offen ist für alle Nationalitäten, und davon haben wir hier viele: tunesische, marokkanische, libanesische, deutsche, polnische, russische, afrikanische... Der Verein war bzw. ist sehr erfolgreich, wir sind immer aufgestiegen in die nächst höhere Klasse. Am Ende hatten wir sechs Mannschaften, drei Jugend- und drei Herrenmannschaften. Oft habe ich die 10- bis 12-jährigen Kinder regelrecht von der Straße aufgesammelt und eine Mannschaft gegründet. Fußballspielen können alle. Ein bißchen soziales Verhalten haben wir trainiert. Und es ist immer noch so, wenn die mich sehen, sagen sie "Hallo Trainer", obwohl ich es schon seit 2007 nicht mehr bin. Also das war eine schöne Zeit, und das hat mir im Wahlkampf auch viel geholfen.

Fußball ist also sehr wichtig?

Im Landessportbund leite ich zur Zeit das Projekt "Sport gegen Gewalt, Intoleranz und Rassismus" und organisiere darüber Fußball- und Basketball-Nächte in den sogenannten sozial benachteiligten Stadtteilen und (wieder Stichwort: Vernetzung) baue Verbindungen auf zu den Jugendeinrichtungen, den Schulen und anderen Einrichtungen. Durch Fußball locken wir sie alle. "Sport spricht eine Sprache", sagt man, und die Spielregeln gelten für alle gleich. Wir versuchen dann, weitere Kontakte herzustellen. Wir erreichen junge Leute, die nicht einfach sind, mit Migrationshintergrund, die arbeitslos sind, manchmal keinen Schulabschluss haben. Wir versuchen, sie bei der Suche nach Jobs, Ausbildungs- und Praktikantenplätzen, beim Bewerbungen-schreiben usw. zu unterstützen Es gibt aber mehr als nur Rasenfußball, es gibt krumping, climbing, Tai-Boxen, Hip Hop oder Tanzen. Heute nachmittag z.B. habe ich ein Futsal-Turnier in Hemelingen. Futsal kommt aus Brasilien und ist zur Zeit schwer angesagt. Der Ball ist kleiner, hüpft nicht so, das Spiel ist sehr schnell, nicht so körperbetont und wird in der Halle gespielt. Auch für Mädchen initiiere ich jedes Jahr Angebote.

Den Job beim Landessportbund gibts du aber jetzt auf, wenn du in der Bürgerschaft bist?!

(lacht). Nein. Mit einer halben Stelle bleibe ich dabei. Ich will unbedingt an der Basis, vor Ort bleiben, das würde mir sonst auch sehr fehlen. Ich bin einer, der zu den Leuten geht und weniger im Büro sitzt und schreibt.

Zurück zu deinem besonderen Wahlkampf. Viel ist über Facebook gelaufen. Wie hast du das organisiert?

Gut, dass du das fragst! (lacht) Vor meinem Wahlkampf war ich eigentlich kein Freund von Facebook. Aber meine Jugendlichen haben sich Gedanken gemacht, wie sie mich unterstützen können und mir dazu geraten und mir geholfen. Und dann haben wir das richtig in Angriff genommen. Zu meiner eigenen Facebook-Seite habe ich eine Gruppe gegründet ("Cindi Tuncel (Die LINKE) wählen!"), und innerhalb kürzester Zeit waren da rd. 830 Mitglieder. Die hatten wieder andere Freunde, und das hat sich rumgesprochen. Alle meine Aktivitäten während des Wahlkampfs kamen ins Netz, dazu Kommentare, Fragen, Antworten. Man hat sich getroffen, die jungen Leute kamen zu den Infoständen. Einer der Musiker von "Re Records" (kommt von Revolution Records), die ja auch schon für uns auf dem Bahnhofsvorplatz gespielt haben, hatte allein 1500 Facebook-Freunde und hat sich für meine Wahl eingesetzt. "Der Mann ist immer für uns dagewesen" so hieß es, "und jetzt unterstützen wir ihn." Ich habe auch erfahren, dass viele wieder andere, die eigentlich nicht wählen gehen wollten, regelrecht abgeholt haben bei der Wahl. Gerade die Musiker haben viele Fans, gerade unter den Jüngeren ab 16, und haben viele dazu gebracht, überhaupt wählen zu gehen. Ja, so lief das mit der Vernetzung. Es war ganz klar ein Vorteil für mich, dass bei dieser Wahl ab 16 gewählt werden konnte. Das war wirklich toll. Also ohne Übertreibung: wenn ich nicht auf der Liste gewesen wäre, hätte die LINKE weniger Stimmen gekriegt. Die Gruppe auf Facebook wird auf jeden Fall fortgesetzt. Die Jugendlichen wissen ganz genau, dass ich es nicht in die Bürgerschaft ohne ihre Unterstützung geschafft hätte. Und dass es auch klar ist, dass ich weiterhin ihre Unterstützung brauche.

Bist du auch von Haus zu Haus (oder von Hochhaus zu Hochhaus) gegangen und hast an den Türen geklingelt?

Nein, das kommt für mich nicht in Frage. Das finde ich aus meiner Sicht respektlos. Man kann da nicht einfach hingehen und klingeln und sagen: wählt mich. Das ist auch sinnlos. Damit erreicht man die Leute nicht. Ich hatte ja 5000 Flyer und war damit persönlich unterwegs, im Bremer Osten aber auch in Vegesack, in Blumenthal, in der Lüssumer Heide, eben überall dort, wo ich Leute auch kannte, wo ich auch wieder mitgenommen wurde zu anderen, die sie kannten. Aber ich bin nicht zu Leuten gegangen, denen ich fremd war.

Ist für dich die Einrichtung von Bürgerbüros eine wichtige Sache?

Keine Frage, ganz wichtig. Ich bin schon intensiv auf der Suche. Zentral für den Bremer Osten wäre Blockdiek oder auch Sebaldsbrück. Dann wäre die LINKE vor Ort vertreten und die Menschen hätten dort einen Ansprechpartner. Das werde ich also auf jeden Fall machen.

Gegen Ende des Wahlkampfs war auch Gregor Gysi in Tenever.

Das fand ich große Klasse. Er hat sich Zeit genommen, viele Gespräche geführt, viele Fragen beantwortet, viele Fragen gestellt. Wir waren mit ihm im Arbeitslosenzentrum Tenever. Mein Ziel wird sein, dass ich viele Veranstaltungen vor Ort organisiere, wo die Menschen sich einbringen und ohne Umwege auf uns zugehen können.

Am 11. Juni hat es dann ein großes Fest gegeben.

Ja, über Facebook hatte ich ins Jugendhaus Tenever gegenüber vom Schwimmbad eingeladen und ich schätze, dass so um die 400 Leute da gewesen sind und mit mir gefeiert haben. Ich habe natürlich eine kurze Rede gehalten und mich überall bedankt. Kristina Vogt konnte leider nicht kommen, aber Peter Erlanson und Agnes Alpers waren da und haben ein paar Sätze gesagt. Und natürlich Joachim Barloschky, genannt "Barlo", den noch amtierenden Quartiersmanager in OTE, den ich dann als meinen Freund und Förderer angekündigt habe. Dann wurde schöne Musik gemacht, lecker gegessen und getrunken und gefeiert. Um 16 Uhr ging es los, und es dauerte so bis 20 Uhr.

Bei "Barlo" hast du ja sozusagen gelernt.

Genau. Bei ihm habe ich ganz am Anfang mein Anerkennungspraktikum gemacht nach meinen Studium als Sozialarbeiter / Sozialpädagoge an der Hochschule Bremen und dann viel in der Zusammenarbeit mit ihm gelernt. Vor allem in der Projektgruppe Tenever. Barlo ist nicht ganz unschuldig daran, dass ich politisch aktiv geworden bin. Er hört ja leider jetzt als Quartiersmanager auf. Bei seiner Verabschiedung am 22. Juni werde ich die Ehre haben, als Freund, als Migrant und jetzt als neuer Bürgerschaftsabgeordneter die Abschiedsrede für ihn zu halten.

Du bist 1985 mit deinen Eltern und sechs Geschwistern aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Warum?

Wir lebten in der Türkei an der syrischen Grenze. In den 80er Jahren war dort ein regelrechter Krieg zwischen der türkischen Armee und der PKK. Wir waren als yezidische Minderheit politisch und religiös verfolgt und zwischen den Fronten. Entweder man wurde sogenannter "Dorfschützer" und unterstützte das türkische Militär oder man ging zur Guerilla. Oder man flüchtete. Meine Eltern sind mit uns sieben Kindern nach Deutschland geflüchtet.

Du bist Türke, Kurde und Yezide. Wie ist deine Identität?

Ich bin Bremer. (lacht) Man darf nie vergessen, woher man kommt. Und ich bin ein Kurde, ein yezidischer Kurde, der jetzt seit 26 Jahren hier in Bremen lebt und deutscher Staatsbürger ist. Es ist wichtig, dass man weiß, wo man herkommt und das nie vergisst.

Es gibt hier in Norddeutschland eine große yezidische Gemeinde. Ist die Religion für dich wichtig?

Wenn du meine Eltern fragst, die halten mich vielleicht nicht für religiös. Es ist nicht so, dass ich dreimal am Tag bete, aber ich bin auch für meine Religion verfolgt worden und habe mich intensiv mit meiner Religion auseinandergesetzt. Das Yezidentum war ja verboten in der Türkei und auch in anderen islamischen Ländern. Man wurde ins Gefängnis geworfen, wenn man sagte, dass man Yezide ist. Das ist in den Ländern, in denen yezidische Kurden leben, also in der Türkei, in Syrien, im Irak und Iran heute unterschiedlich. Was offziell gilt und was inoffziell praktiziert wird, das ist aber sehr unterschiedlich.

Stimmt es, dass das Yezidentum älter ist als das Christentum und der Islam?

Ja, das behaupten wir von uns. Und auch, dass wir die älteste monotheistische Religion sind. Wir sind die ersten, die gesagt haben, es gibt nur einen Gott. Für Yeziden gibt es keine Propheten wie Jesus oder Mohammed. Das Yezidentum ist nicht missionarisch. Es kann auch niemand dieser Religion beitreten. Es ist eine sehr alte kurdische Religion, die Verbindungen zum persischen Zarathustra-Glauben hat. Aber das ist ein weites Feld. Ich habe übrigens auch noch den Vorsitz im Yezidischen Kulturverein Bremen e.V., den ich aber jetzt abgeben werde. In Deutschland ist übrigens Celle die Stadt mit der größten yezidischen Gemeinde. In Bremen sind wir ca. 2.000.

Im Landesverband Bremen der LINKEN hat es vor der Wahl große interne Auseinandersetzungen gegeben. Unser schlechtes Wahlergebnis hat sicher auch damit zu tun. Es ging dabei um die Aufstellungsversammlung am 15. Januar 2011, auf der die Liste für die Bürgerschaftswahl bestimmt wurde. Du hast gesagt, dass du diesen Tag nicht vergessen wirst. Wie siehst du das heute?

Wir müssen jetzt als neue Fraktion mit nur noch fünf Abgeordneten natürlich nach vorn schauen, in erster Linie an unsere Wählerinnen und Wähler denken und unsere persönlichen Geschichten hintan stellen. Trotzdem darf man nicht vergessen, was damals abgelaufen ist. Dass man Menschen aus einer bestimmten Gruppe ausgenutzt hat, um sich bestimmte Vorteile bei der Aufstellung zu verschaffen. Warum musste man jemanden unterstützen, der neu und in der Partei nicht verankert war? Warum nicht Cindi Tuncel unterstützen, der sei 2005 (damals noch PDS) in der Partei ist, immer politisch aktiv war, Erfahrungen aus seiner Beiratsarbeit hat und gut vernetzt ist? Bremen ist, wie du weißt, recht übersichtlich. Da kennt man sich (lacht), die Einrichtungen, die Migrantenvereine, jeder weiß, wer wo wie was macht und man informiert sich gegenseitig. Das Ergebnis hat gezeigt, dass es besser ist, wenn man offen ist für Menschen, egal woher sie kommen, und sich nicht an bestimmte kleine Gruppen fixiert. Es waren in der Partei leider an diesem Vorgang einige beteiligt und ich hoffe, dass sie jetzt aufgewacht sind und darüber reflektieren. Jedenfalls dürfen sie nicht noch mit bestimmten Ämtern dafür belohnt werden. Ich hoffe auch, dass wir uns in vier Jahren nicht wieder mit so was auseinandersetzen müssen. Und mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Eine Frage zum Schluss: du lachst gern und viel, auch in diesem Gespräch, und bist ein fröhlicher Mensch. Wie machst du das?

(lacht) Ich bin privat sehr glücklich und habe eine wunderbare Frau und eine wunderbare Familie. In meiner Kindheit habe ich viel Schlimmes erlebt und kenne Not, Elend und Angst. Auch deshalb bin ich wohl ein positiv denkender Mensch. Ich kämpfe, und wenn man was erreichen will, muss man die Energie haben. Wenn man Leute motivieren will, muss man auch selber die Hoffnung haben, dass man gemeinsam etwas verändern kann. Und man kann etwas verändern!

In diesem Sinne, vielen Dank für das Gespräch!