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26. Oktober 2010

Streik im Atlas-Werk Ganderkesee

aus der Streikzeitung der IG Metall Nr. 2 v. 25.10.10

Fotos übernommen von: www.dielinke-delmenhorst.de/

Am 22. Oktober wurde es Ernst. Die IG Metall hatte ab 6 Uhr morgens zum Streik gegen den Geschäftsführer und Alleininhaber der Atlas Maschinen GmbH in Ganderkesee aufgerufen. Der Streik soll zunächst bis Freitag, den 29. Oktober geführt, und am Donnerstag soll über das weitere Vorgehen beraten werden. Hartmut Tammen-Henke, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Oldenburg, und Streikleiter, ist mit dem Verlauf des Streiks bis jetzt sehr zufrieden und bezeichnet die Reaktion der Streiken als "fantastisch". Der Streik ist vollständig und es findet keine Produktion statt. Lediglich einige Leiharbeiter seien im Betrieb. Die fünf Tore des Werks werden von Streikposten bewacht, 24 Stunden am Tag und auch am Wochenende. Am Haupteingang hat die IG Metall ein beheiztes Zelt und einen Unterstand aufgebaut. Zwei LKW mit Material wären am Freitag vorgefahren. "Wir konnten die Fahrer überzeugen, wieder wegzufahren", so Streikleiter Tammen-Henke. Nicht viel reden mußte die Streikwache mit einem Zulieferer-LKW-Fahrer aus Frankreich: "Als der die Situation erkannte, ist er sofort wieder umgekehrt." (NWZ-online v. 23.10.10) Die IG-Metall hat unter www.atlas-streik.igmetall.de eine Webite eingerichtet, wo laufend über den Streik berichtet wird. Die "Streiknachrichten Nr. 1 v. 22.10.10 und Nr. 2 v. 24.10.10 sind dort ebenfalls verfügbar.

Die Solidarität mit dem Streik ist groß. Gewerkschaftsmitglieder vom Stahlwerk ArcelorMittal in Bremen haben schon ihren Solidaritäts-Koks-Ofen vorbeigebracht und sich auch erkundigt, wann Koks nachgeliefert werden müsse. "Die Ganderkeseer stehen hinter uns", sagt einer aus der Frühschicht der Streikwache. Eine Welle der Solidarität käme aus der Bevölkerung, wie NDR 1 Niedersachsen berichtete. Autofahrer auf der Atlas-Straße hupen oder winken.  Die Nordwestbahn, die zweimal in der Stunde am Haupttor vorbeifährt, grüßt jedesmal mit der Loksirene. Eine Bäckerei bringt den Streikenden Brötchen und Kuchen. Ein Unternehmen spendet eine LKW-Ladung Holz für den Ofen. Die "Knackwurst-Gewerkschaft" Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in  Bremen unterstützt die Streikenden mit Lebensmitteln. Jörg Dombrowe und Peter Vogel, Sprecher der Partei DIE LINKE in Delmenhorst, brachten der streikenden Belegschaft ein umfangreiches Fresspaket vorbei - gespendet von der  Delmenhorster Linkspartei  und von der "Kerem  Kulturkneipe" in Delmenhorst. Jörg Dombrowe: "Wir  unterstützen diesen Streik, der sich auch gegen die  gnadenlose Willkür eines Unternehmers richtet, ohne  Vorbehalt". "Was Süßes für die Männers!", das hätte eine Dame gesagt und sogar Pralinen vorbeigebracht. (Nordwestzeitung vom 25.10.10) Überhaupt die lokalen Medien: NDR 1 Niedersachsen, die Nordwestzeitung und der Delmenhorster Kurier (Regionalausgabe vom Bremer Weserkurier) berichten täglich und ausführlich über den Streik.

Zur Vorgeschichte

Dem jetzigen Streik ist ein langer Arbeitskampf vorausgegangen. Zuerst hatte Fil Filipov, der als Alleineigentümer und Geschäftsführer im April  2010 die drei Werke Ganderkesee, Delmenhorst und Vechta des Baumaschinenunternehmens Atlas von der us-amerkanischen Terex Corporation übernommen hatte, den Mitarbeitern "Arbeitsvertragsergänzungen" zur Unterschrift vorgelegt. Darin sollten sie erklären, freiwillig und ohne Lohnausgleich fünf Stunden länger zu arbeiten. In Gruppengesprächen waren sie unter Druck gesetzt worden, die "Ergänzungen" zu unterschreiben. Die IG Metall hatte daraufhin alle Atlas-Beschäftigten aufgerufen, die Vertragsentwürfe ohne Unterschrift an die Gewerkschaft zu schicken. Laut Gesetz dürfen nach einer Betriebsübernahme ein Jahr lang keine Kündigungen ausgesprochen werden. Der neue Besitzer, so Tammen-Henke, ignoriere jegliche Rechte von Beschäftigten und habe schon 12 Kündigungen ausgesprochen.

Die Gewerkschaft forderte nach diesen Vorkommnissen den Unternehmer auf, über einen Haustarifvertrag zu verhandeln. Fil Filipov, der bulgarisch-amerikanische Investor und neue Alleininhaber des Unternehmens, der sich selber schon mal als "begabten Turn-around-Experten" lobt, fand ein solches Ansinnen eine Zumutung. Er lasse sich nicht in seine Unternehmenspolitik hineinreden, vom Betriebsrat nicht, und von der IG Metall erst recht nicht. In einem vierseitigen Rundbrief an alle Beschäftigten erklärte er, dass die Arbeitszeiterhöhung von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich für die Rettung des Unternehmens notwendig sei. (Delmenhorster Kurier v. 3.9.10)

Die Antwort der Beschäftigten und ihrer angegriffenen Gewerkschaft war ein erster Warnstreik am 10. September an allen drei Betriebsstandorten. Die Reaktion von Filipov in einem weiteren offenen Brief: Ablehnung aller Verhandlungen und offene Drohungen. "Ersatzteile auslagern, die Krane in Großbritannien bauen und weitere Auslagerungen vornehmen, notfalls auch die Insolvenz." Er wolle keinen Tarif mit der Gewerkschaft abschließen und auch nicht den Betriebsrat sein (!) Unternehmen führen lassen. "NEIN, NEIN und nochmals NEIN - das werde ich nicht akzeptieren!" (Delmenhorster Kurier v. 15.9.10) Allerdings fehlte seinen Drohungen etwas die Glaubwürdigkeit, weil die anziehende Konjunktur sich schon positiv bemerkbar macht. Der Cash-Flow sei wieder zufriedenstellend und die September-Auslieferungen wären die höchsten sei zwei Jahren, so Filipov. (NWZ-online v. 4.10.10)

In einem nächsten Schritt bot die IG Metall Zugeständnisse an. Die Gewerkschaft würde unbezahlte Mehrarbeit in einem Sanierungstarifvertrag mit einer Laufzeit bis März 2011 zustimmen. In seinem dritten offenen Brief lehnte Filipov auch das kategorisch ab. Schließlich schaltete sich die "Politik" ein. Die Bürgermeister bzw. ihre Vertreter von Ganderkesee, Delmenhorst und Vechta, die die Gefahr von Verlusten von Arbeitsplätzen und Gewerbesteuer auf sich zukommen sahen, schrieben einen gemeinsamen Brief an den eigensinnigen Unternehmen und boten ihre Vermittlung unter "absoluter Neutralität" an. Zuerst gab es Hoffnungen. Filipov hätte, so die Bürgermeister in einer Erklärung, einer Verhandlung zwischen IG Metall und dem Arbeitgeberverband Oldenburg zugestimmt. Aber Filipov dementierte, verfasste prompt einen vierten offenen Brief und wiederholte sowohl seine Forderungen als auch seine Drohungen. Er erklärt öffentlich, dass er seine Frau beauftragt habe, "ihn vorher zu erschießen, sollte er eine Vereinbarung mit der IG Metall abschließen wollen." (so berichtet auf www.atlas-streik-igmetall.de)

Es folgte ein zweiter Warnstreik am 11. Oktober, der aber ebenso ohne Ergebnis blieb. Es folgte die nächste Eskalationsstufe, obwohl die Gewerkschaft wiederholt erklärt hatte, keinen Streik sondern Verhandlungen zu wollen. Nachdem die IG-Metall-Zentrale in Frankfurt zugestimmt hatte, wurde am 19. Oktober zur Urabstimmung aufgerufen. Die Wahlbeteiligung betrug 98,8 Prozent der gewerkschaftliche organisierten Mitglieder und 79,1 Prozent stimmten für den Streik. Notwendig sind 75 Prozent. Der Organisationsgrad unter den 650 Beschäftigten der drei Werke beträgt 80 Prozent. Der Streik, zunächst begrenzt auf eine Woche und das Werk Ganderkesee, konnte beginnen.

Moderner Kapitalismus heute

Fil Filipov hat die drei norddeutschen Werke erst am 16. April 2010 für 1 Euro von der Terex Corporation, einem international tätigen Baumschinenkonzern mit Sitz in Westport (Connecticut) übernommen. Das Unternehmen, 1919 von der Familie Weyhausen mit dem Namen "Atlas" gegründet und zu großem Erfolg und internationalen Renommée geführt, war schon durch mehrere Investoren- und Beteiligungshände gegangen: von der Familie Weyhausen zunächst 1999 an die EDER Handel und Beteiligungen GmbH, von dort an einen Investor und dann 2001 an die Terex. Terex hatte dann massiv umstrukturiert, die Belegschaft von 1600 zunächst auf 900 und dann auf 650 reduziert und das Werk Löningen ganz geschlossen. Hauptmotor der Restrukturierung damals: Fil Filipov und sein Sohn. Aber das Geschacher um das Unternehmen ging weiter. Während der Wirtschaftskrise beschloss die Terex Corporation, in ihrem Portfolio eine "Flurbereinigung" vorzunehmen und sich aus der Produktion von Baumaschinen in Deutschland wieder zurückzuziehen. Verkauft wurden die Werke zunächst im Februar 2010 an eine sogenannte Vorratsgesellschaft namens "Bltz F 10 7 GmbH", von der schließlich Fil Filipov die drei Werke mit ihren 650 Mitarbeitern als Alleineigentümer und Alleingeschäftsführer übernehmen konnte. Er gründete das Unternehmen wieder um in "Atlas Maschinen GmbH" und führt es seitdem.

Ist Fil Filipov der Unternehmer der Zukunft? Ein Unternehmer, der keinen Betriebsrat und keine Gewerkschaft akzeptiert und so krass wie nur möglich den "Herr-im-Hause-Standpunkt" vertritt? Und dabei vom Grundgesetz ("Eigentum verpflichtet") und vom deutschen Arbeitsrecht mit seinen Rechten und Pflichten zur Mitbestimmung und zur Interessenvertretung entweder keine Ahnung hat oder diese bewusst und überaus aggressiv ignoriert? Mit der brutalstmöglichen Offenheit erläutert Filipov auf seiner eigenen Homepage (http://filosophies.com) mit großem Stolz seinen eigenen Werdegang und seine Ansichten über moderne Unternehmensführung. Geboren in Bulgarien und vor dem Kommunismus in die USA geflohen, hätte er sich in Chicago schnell bis ganz nach oben empor gearbeitet. Er hätte sich früh spezialisiert auf "turn-arounds" (also Rationalisierungen und Restrukturierungen von Unternehmen), die in finanzielle Schwierigkeiten geraten wären, und er hätte "erfolgreich" in den letzten 35 Jahren Unternehmen in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland restrukturiert. Der Erfolg wäre seinen unkonventionellen und häufig unpopulären Methoden geschuldet. Und dafür wäre er im Dezember 2001 auch mit dem "The Best Bulgarian Institution and Business in Chicago Award" ausgezeichnet worden. Auf sein von ihm entwickeltes unternehmerisches Glaubensbekenntnis ("Basic Beliefs") ist er besonders stolz. Das sind seine 8M, nämlich "Manpower, Money, Material, Mashines, Markets, Motivation, Morale and Management". Menschen oder Mitarbeiter als Personen mit eigenen Rechten oder gar mit eigener Würde kommen in Filipov's Philosophie nicht vor.

Die Streikenden setzen dagegen ihren Arbeitskampf und ihre Solidarität. Auf der Streikseite der IG Metall heißt es: "Die Streikenden benötigen eure Unterstützung in Form von Spenden, Soligrüßen und Besuchsdelegationen. Spenden können den Streikenden vor Ort direkt überreicht werden." Solischreiben an oldenburg@igmetall.de. Spendenkonto: IG Metall Kontonummer: 10 40, Bankleitzahl: 500 500 00, Bankverbindung: Helaba Frankfurt, Verwendungszweck: Soli ATLAS Maschinenbau GmbH.
Sönke Hundt