
Mit der IG-Metall-Jugend Bremen vor dem Streikfeuer

Der Streikaufruf

Am Werkstor

Im Dunkeln: fertig montierte Zwei-Wege-Bagger, fertig zum Abtransport
Der Landesparteitag am Wochenende hatte eine Solidaritätserklärung mit den Streikenden in den Atlas-Werken Ganderkesee und Delmenhorst beschlossen - und am 3. November nutzte eine Gruppe (Klemens Alff, Nihat Boyraz und Sönke Hundt) die Gelegenheit, um mit der IG Metalljugend nach Ganderkesee zu fahren. Das Werkstor wurde gut bewacht, ein großes Holz- und Koksfeuer spendete wohlige Wärme und im Streikzelt waren Stellwände mit vielen Solidaritätserklärungen aufgestellt. Die Landtagsfraktion der LINKEN Niedersachsen war da, ebenso Vertreter von Daimler, Airbus, der Betriebsrat von den DLW Delmenhorst, die IGM-Renter und sogar die RPP (Renterinnen- und Rentnerpartei) und viele andere mehr.
Der Betriebsratsvorsitzende Holger Rigbers und andere Kollegen freuten sich sichtlich über unseren Besuch und gaben bereitwillig Auskunft über die Ereignisse der letzten Tage. Auch das BR-Mitglied Detlef Pecht, dem Filipov mit fadenscheinigen Gründen gekündigt und sofort Hausverbot erteilt hatte, beantwortete unsere Fragen. Allerdings blieb er auf dem Bürgersteig stehen, um nicht auf das für ihn verbotene Werksgelände zu treten. Am Donnerstag gab es einen Versuch, einen Bagger vom Typ 230 MH aus dem Werk zu bekommen. Aber die Kollegen hätten sich vor das Tor gestellt und trotz Polizei die Auslieferung verhindert. Ein ähnliches Spiel am Freitagabend, als ein Kleintransporter aus dem Werk Ersatzteile holen sollte. Die Polizei verhielte sich korrekt und im Arbeitskampf neutral, müsse sich aber an die Gesetze halten. Wie alle anderen natürlich auch, wie immer wieder betont wurde. Trotzdem könne man natürlich kreativ sein und habe bisher alle Versuche erfolgreich vereitelt, fertig produzierte Bagger oder Teile aus dem Werk zu holen. Nur den Hubschrauber, der im Werk gelandet sei, habe man nicht verhindern können. Entweder hätte er Leiharbeiter eingeflogen oder Ersatzteile ausgeflogen. Vielleicht wäre es aber auch der Unternehmer selber gewesen, der so dem Pfeifkonzert seiner Mitarbeiter entkommen wollte.
Die Solidarität mit der Bevölkerung hier wäre groß, schließlich ist Atlas auch ein großer Arbeitgeber für Ganderkesee und die umliegenden Orte. Wie zum Beweis gab auch wieder die Nordwestbahn, die gerade vorbeifuhr, ein deutliches Signal an die Streikposten. Vor allem wäre der Zusammenhalt und die Solidarität unter den Kollegen gewachsen. Holger Rigbers: "Also das ist schon ein Erlebnis. Das schweißt auch zusammen. Manche Kollegen kennt man ja sonst nur so als Arbeitskollegen. Wenn man hier stundenlang am Feuer sitzt, ist der Zusammenhalt enorm. Das ist eine echt tolle Erfahrung."
Die Streikenden erhalten ihr Streikgeld von der IG Metall, wofür sie täglich ihre Karte abstempeln müssen. Aber nur, wer als Mitglied in der Vergangenheit regelmäßig seinen vollen Beitrag (1 % vom Bruttoverdienst) bezahlt hat, muss keine oder kaum Einkommenseinbußen befürchten.
Das Werk wird rund um die Uhr an vier Toren, wo Produkte rausgefahren werden können, in drei Schichten à acht Stunden bewacht. Fil Filipov, der die drei norddeutschen Atlas-Werke von Terex für 1 Euro gekauft hat und noch 17 Millionen als Bonus oder als Investitionsmittel dazu bekommen hat, ist seit Sonnabend nicht mehr gesehen worden. Was er wirklich vorhat, bleibt im Dunkeln. Einige meinen, dass seine Aufgabe darin bestehen würde, die Werke zu sanieren, um sie dann wieder an Terex zurückzuverkaufen. Schließlich wäre er als Sanierer bekannt und berüchtigt. 2001 ist er mit seinem Sohn schon mal hier gewesen und hat hier Sanierungsaufgaben erledigt. Und Sanierung würde evtl. heißen, die alte Belegschaft so weit wie möglich zu reduzieren, auszutauschen und mit neuen zu deutlich schlechteren Bedingungen oder mit Leiharbeitern zu ersetzen. Deshalb die Härte des Arbeitskampfes ohne Rücksicht auf die Motivation der bisherigen hochqualifizierten Belegschaft. Die Konjunktur wäre zur Zeit gut, Aufträge wären genug da, und einige fertige Bagger würden auf den Abtransport warten. Man konnte einige der Zwei-Wege-Bagger (für Schiene und Straße) in der Dunkelheit von der Straße aus stehen sehen. Die Kosten des Werksstillstands sind mit Sicherheit riesig und der ökonomische Schaden pflanzt sich fort zu den Zulieferern und zu den Abnehmern.
Wie es weitergehen wird - darüber ist großes Rätselraten angesagt. Ist es jetzt die reine Dickköpfigkeit des Unternehmers mit seiner Weigerung, überhaupt über einen ganz normalen Tarifvertrag mit der IG Metall zu verhandeln, wobei die Gewerkschaft immer wieder erklärt hat, kompromissbereit zu sein? Oder steckt - trotz der großen Verluste - ein Kalkül dahinter, und wenn ja welches? Hätte die IG Metall nicht doch von Anfang an entschiedener vorgehen und gleich alle drei Werke bestreiken sollen? Die Kollegen in Vechta, wo noch nicht gestreikt wird, wären jedenfalls ganz wild darauf. Für die hochwertigen Produkte, die in Ganderkesee und Delmenhorst gefertigt würden, brauche der Unternehmer erfahrene und qualifizierte Facharbeiter, Maschinenbauer und Schlosser vor allem. Sie durch Leiharbeiter und kurz Angelernte zu ersetzen - das würde nicht funktionieren, so die einhellige Meinung der Kollegen. Auf jeden Fall schreit es zum Himmel, dass ein einzelner Unternehmer, der für sage und schreibe einen Euro gerade zum alleinigen Privateigentümer von drei Werken geworden sei, jetzt nach Gusto damit verfahren kann. Er kann die Werke ausbauen, schließen oder weiterverkaufen. Was mit den 650 Mitarbeitern und den sonstigen Betroffenen in den Familien, bei den Zulieferern und all den anderen geschieht, das ist nicht seine Angelegenheit. Dafür fühlt er sich nicht verantwortlich. Er ist nur seinem Kapital verpflichtet.
Sönke Hundt
Aktuelle Informationen immer unter www.atlas-streik.igmetall.de
v. 05.11.10
Die Stimmung an beiden streikenden Standorten, Ganderkesee und Delmenhorst ist weiterhin gut, das langwierige Ausharren ohne Infos und Gespräche mit dem Besitzer Filipov hat bei den meisten die Einstellung hervorgebracht "jetzt erst recht, wir halten durch, solange es sein muss".In beiden Werken sind allerhöchstens je 30-40 Leute noch am arbeiten, fast ausschließlich Verwaltungsangestellte, bzw. Geschäftsführung und Meister.
Die Produktion und in Delmenhorst auch der Vertrieb stehen still. Es sind daher bereits Leute aus der Verwaltung in die Produktion versetzt worden, um sie in Gang zu bekommen. Das hat bei ein paar KollegInnen bewirkt, dass sie empört abgelehnt und sich dem Streik nachträglich angeschlossen haben. Streikbrecher "schleichen" sich gesenkten Hauptes auf das Werksgelände und meiden in der Regel jeden Kontakt mit Streikenden KollegInnen.
Es gibt täglich an beiden Standorten Versuche, an den Streikposten und besetzten Toren vorbei Teile aus dem Werk zu schaffen. In Ganderkesee sind insgesamt 3 Bagger aus dem Werk geschafft worden, einer wurde heute über einen angrenzenden Acker gefahren. Kleinteile wurden die letzten Tage über per Hubschrauber aus dem Werk geschafft. Die meisten Bagger und größeren Teile befinden sich allerdings noch auf dem Gelände in Ganderkesee. Heute gab es auch in Delmenhorst den ersten erfolgreichen Versuch, einen Kran aus dem Werk zu schaffen: ein angemieteter Traktor mit dem Kran auf einem Anhänger fuhr durch einen Holzzaun hindurch auf den angrenzenden Acker, wurde hier von Streikposten zu Fuß und mit Auto verfolgt. Er versuchte in Schlangenlinien zum regulären Zufahrtsweg zu gelangen, dieser war jedoch blockiert. Also gab er "vollgas" und machte sich über den Acker davon. Der Bauer, dem der Acker gehört hat wohl Anzeige wegen Hausfriedensbruch gegen den Unternehmer gestellt. Außerem fuhr der Traktor mit einem grünen Landwirtschafts-Kennzeichen, so dass der Besitzer durch die dokumentierenden Fotos steuerrechtliche Probleme bekommen kann...
Am Sonntag läuft die Frist für den Streik an beiden Standorten aus. Da sich der Besitzer Filipov kein Stück bewegt, gehen alle davon aus, dass der Streik am Montag fortgesetzt wird. In diesem Fall wird vermutlich auch am Montag der dritte Standort Vechta mit in den Streik treten. Die Streikleitung wird sich dafür aber am Wochenende nochmal hinsetzen.
Bei der Vorabenddemo zum Castortransport wird es einen Redebeitrag zum Atlas Streik geben. Am Samstag bei der DGB Demo in Hannover werden Atlas Kollegen vor Ort sein und hoffentlich auch einen Redebeitrag halten können.
Einschätzung: Wenn der Streik fortgesetzt wird ist es wichtig, die Solidarität auszuweiten. Bitte besprecht das Thema in allen euren Zusammenhängen und Betrieben und überlegt, wie ihr Solidarität organisieren könnt und wann sich für euch eine Gelegenheit bietet, selbst zu den KollegInnen hinufahren. Je länger der Streik dauert, desto wichtiger ist es, den Leuten vor Ort zu vermitteln, dass sie nicht alleine stehen, sondern Unterstützung bekommen. Es ist außerdem wichtig den Druck auf alle
Akteure der Gegenseite zu erhöhen. Die logistischen Angriffe auf die Streikposten und Versuche Geräte aus den Werken zu schaffen, werden von dem Stamm-Logistiker "G. Dittmar Transport- u. Speditions GmbH" aus Ganderkesee organisiert - die Aktionen der Spedition waren bisher so offensiv, dass der Name in die Öffentlichkeit gehört und Aktionen gegen den Speditionssitz, Blockaden etc. eine echte Unterstützung wären.
Außerdem gehört der ehemalige Besitzer Terex (http://www.terex.de) ins Licht gerückt: der amerikanische Baumaschinenhersteller verkaufte die Atlas Werke erst im vergangenen Frühjahr und zahlte an Filipov nach bisherigen Informationen zusätzlich 17 Millionen, um den Laden zu "sanieren" und umzustrukturieren. Terex ist daher für alle Angriffe gegen die Beschäftigten mitverantwortlich und spielt höchstwahrscheinlich im Hintergrund eine große Rolle. Filipov selbst hat bei dem ganzen Spiel zwar sein Gesicht als harter Hund und sportlich Aggressiver Investor zu verlieren, jedoch keine großen Marktanteile - wenn die Atlas Werke insolvent gehen, stößt er sie halt ab. Terex hingegen steht mit 9,138 Mrd. US Dollar Umsatz im Jahr mitten im internationalen Konkurrenzkampf im Baumschinensektor und gehört hier zu den "ganz großen". Würde Terex bei der Atlas Auseinandersetzung in den Fokus geraten, würde allein schon der mögliche Imageverlust ein großes Druckmittel sein - ähnlich wie bei Siemens in der Auseinandersetzung mit der Mdexx Belegschaft im vergangenen Jahr...
Es gibt also viel zu tun - beteiligt euch nach Möglichkeit!
Nonni Morisse, IG-Metall-Jugend