Zurück zur Startseite
11. Juli 2008

Zentralisierungswahn: die Großküche im Klinikum Bremen-Mitte

Die neue Zentralküche auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Mitte

Im Verbund der vier kommunalen Bremer Kliniken sollen bekanntlich 1200 Stellen abgebaut werden. Diese "Bombe" hatte der neue Geschäftsführer der GeNo, Diethelm Hansen, gleich zu Beginn seines Amtsantritts platzen lassen. Wie dieser Aderlass bewerkstelligt werden soll, ohne dass die Qualität leidet - dafür existiert bislang kein Konzept. Nur ein Rezept hat Hansen schon parat: die Zentralisierung von Funktionen. Gemeint sind z.B. Einkauf, Reinigung, IT, Labor und Küche. Sie soll einen Teil der Einsparungen bringen.

Die Zentralisierung von Funktionen ist aber betriebswirtschaftlich immer ein sehr zweischneidiges Schwert: sie kann Einsparungen zur Folge haben (die sich häufig schnell ausrechnen lassen), aber sie kann auch zu einem neuen Wasserkopf, auf jeden Fall zur Inflexibilität und zu neuen unvorhergesehen Kosten führen (was sich häufig erst viel später zeigt). Ein Zentralisierungskonzept muss also sorgfältig und solide vorher durchgerechnet sein, damit es in der betrieblichen Realität später tatsächlich hält, was versprochen wurde: nämlich ein mehr an Einsparungen gegenüber den Kosten.

Die neue Zentralküche im Klinikum Bremen-Mitte zeigt, wie man es falsch macht. Versprochen wurde am Anfang eine große zentrale Küche für den gesamten Klinikverbund, gebaut nach neuesten Erkenntnissen der Küchentechnik, die viel wirtschaftlicher und qualitativ besser arbeitet als vier dezentrale kleine Küchen. Und was ist dabei herausgekommen?

Die FDP hat in der Bürgerschaft in einer Kleinen Anfrage in der Bürgerschaft (die gesamte Kleine Anfrage hier) nach genauen Zahlen gefragt, um nachzurechnen. Herausgekommen ist dieses:

Frage 10: Welche Kosten sind für den Umbau der Zentralküche bisher angefallen, haben sich Abweichungen gegenüber dem ursprünglichen Planungsansatz aus dem Jahr 2004 zuzüglich des im Jahr 2006 festgestellten erheblichen Mehrbedarfs ergeben und in welcher Höhe werden ggf. weitere Kosten, etwa für die Anpassungsmaßnahmen, anfallen?

Antwort: Die Baukosten einschl. Festeinbauten betrugen 13,5 Mio. Euro. Die ursprüngliche Planung sah ein Investitionsvolumen von 7 Mio. € vor. Das höhere Baukostenvolumen war die Folge der innerhalb des Klinikverbunds beschlossenen Kapazitätserweiterung zur Versorgung des KBN und des KLdW. Eine Aussage, ob und ggf. in welcher Höhe Anpassungsmaßnahmen zum weiteren Ausbau der Kapazität der Zentralküche erforderlich werden, kann zur Zeit noch nicht getroffen werden.

Frage 5: Wie hoch werden die Kosten für die Mahlzeiten pro Patient und Tag bei Versorgung durch die Großküche sein, in welcher Höhe werden die Krankenhäuser darüber hinaus für die Refinanzierung der Investitionen finanziell belastet und welche Ersparnis ergibt sich gegenüber der bisherigen Versorgung (Darstellung bitte nach Krankenhäusern getrennt)?

Frage 6: Mit welchem Einsparvolumen infolge der Umstellung auf die Zentralküche ist im Hin-blick auf die laufenden Kosten auf Ebene der Holding „Gesundheit Nord“ im Jahr 2008 und in den Folgejahren jeweils zu rechnen?

Antworten auf 5 und 6: Die durchschnittlichen Kosten pro BKT werden 11,28 € betragen. Es ergibt sich eine durch-schnittliche Einsparung von 0,58 € pro BKT. Die anteiligen Finanzierungskosten werden noch ermittelt und in einem zu definierenden Umlageverfahren verteilt werden. Für 2008 ist keine Angabe zum Einsparvolumen möglich, da der Betrieb der Küche erst angelaufen ist und die Belieferung des KBN und des KLdW erst sukzessive in der 2. Hälfte die-ses Jahres erfolgt (vergl. Antwort zu Frage 7). Bezogen auf die laufenden Betriebskosten ist mit einer unternehmensweiten Einsparung in Höhe von 307 T€ p.a. zu rechnen.

Daraus folgt: Die Baukosten haben sich glatt verdoppelt. Die geplanten Einsparungen haben sich dagegen auf rd. ein Fünftel gegenüber der Planung reduziert. Ursprünglich war mal mit einer Einsparung von 1,6 Mio. € gerechnet worden; und übrig bleiben jetzt 307 T €. Wobei die Finanzierungskosten für die gesamte Investition noch nicht enthalten sind. Die wegen der gestiegenen Projektkosten auf jeden Fall auch höher sind als ursprünglich geplant.

Also: Die ursprünglich geplanten Einsparungen gehen ins Minus. Wahrscheinlich wird die einzelne Mahlzeit im Endeffekt sogar teurer als vorher. Ein völliges Fiasko!

Das kann doch nicht sein!? Das ist doch nicht möglich!? Es ist mehr als wahrscheinlich, dass es so kommen wird. Und es kommt noch mehr dazu: lange Transportwege durch ganz Bremen (bei gestiegenen Treibstoffpreisen und wachsender Umweltbelastung), schlechtere Qualität (cook & chill-Verfahren), geringere Flexibilität in Bezug auf besondere Anforderungen der einzelnen Kliniken.

Die Zentralküche im KBM ist noch ein Projekt aus der Zeit von Tissen und Lindner (beide inzwischen endgültig zu Gefängnisstrafen verurteilt), und es war eins der zentralen Projekte zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit des Klinikverbunds. Tissen hatte sich noch mehr Kompetenzen gewünscht für weitere Projekte dieser Art.  Diethelm Hansen hat sie jetzt. Er kann entscheiden über Personal, Finanzen, Strategie und natürlich über die Zukunft der wirtschaftlichen ("patientenfernen") Dienste wie Einkauf, Reinigung, Labor, IT und ... Küche. Er ist als Holding-Geschäftsführer gleichzeitig AR-Vorsitzender der einzelnen eGmbHs. Die Geschäftsführer der Kliniken sind praktisch zu Postempfängern degradiert. 

Die bange Frage: wird es in Zukunft mehr solcher gigantischen Fehlentscheidungen geben wie die mit der Zentralküche? Wo jetzt mit der viel größeren Entscheidungskompetenz als noch bei Tissen auch die Fehlentscheidungen viel größer sein können.

Peter Stremmel, der abrupt entlassene Geschäftsführer vom Klinikum Links-der-Weser, hat frühzeitig und energisch vor der Funktionszentralisierung gewarnt. In einem Gespräch mit der Taz am 12.06.08 (noch im Zusammenhang mit dem gescheiterten PPP-Modell) wurde er gefragt:

"Frage: Gibt es Beispiele, wo Zentralisierungen zu Fehlentwicklungen geführt haben?
Antwort: Da muss man nur nach Hamburg gucken. Vor zehn Jahren haben die den gleichen Weg begonnen, haben die Zentrale eingeführt. Die Kliniken wurden entmachtet, der Wasserkopf immer größer. Am Ende war das ganze Ding nur noch in den roten Zahlen - es musste verkauft werden. Und was macht der neue private Eigentümer, Asklepios? Führt alles wieder zurück in die Häuser, um die zu stärken. Den Umweg über die Privatisierung könnte sich Bremen ersparen."

Sönke Hundt