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7. Juli 2009

237. Montagsdemo: "Arbeitslose 'beschnuppern' beim Job-Speed-Dating?"

1. Soll der wegen Untreue und Begünstigung verurteilte ehemalige VW-Vorstandschef Peter Hartz jetzt etwa auf Kosten der Erwerbslosen resozialisiert werden? Unter dem Deckmäntelchen des verkannten Gutmenschentums möchte er nun Langzeiterwerbslosen helfen, sich durch die Weiterentwicklung der Ich-AGs, die nun verniedlichend „Minipreneure“ (von Französisch entrepreneur, „Unternehmer“) genannt werden sollen, selbstständig zu machen. Gemäß neuer Erkenntnisse aus der Hirnforschung soll ein „lokales Netzwerk“ aus Berufstätigen und Langzeitarbeitslosen geschaffen werden. Hierfür werden Erwerbslose benötigt, die von einem gestandenen Handwerksmeister dazu angeleitet werden sollen, ihre „latente Passivität“ zu überwinden. In meinen Ohren klingt hier wieder die herablassende Art durch, die immer davon ausgeht, Erwerbslose müssten nur genügend „an sich arbeiten“, um persönliche Defizite ausgleichen, und schon hätten sie wieder Arbeit. In diesem Fall gelte es nun also, „Passivität“ zu überwinden.

Scheinbar benötigen Hartz und Konsorten nur neue Überschriften und die besagte Hirnforschung, um auszusagen, dass die Teilnehmer miteinander kommunizieren sollen: Aus einem Dialog wird ein Polylog, wobei ein „fundamental kokreativer Prozess“ stattfinde. Offenbar wird sich an die Entwicklung des kindlichen Selbstbildungsprozesses angelehnt, weil Kinder sich auch nicht ohne die Zuwendung von Erwachsenen bilden: Es kann kein Wissen in sie hinein geschüttet werden wie in den Nürnberger Trichter. Manche sprechen lieber von Ko-Konstruktion, wobei es hier nur auf den Blickwinkel ankommt, ob nun der Eigenaktivität des Kindes oder dem Anteil der erwachsenen Fachkräfte mehr Bedeutung beigemessen werden soll. Hartz und Konsorten befinden augenscheinlich, dass Erwerbslose als lernende Kinder begriffen werden müssen, die lediglich einer vernünftigen Anleitung bedürfen, und dann wird es schon. Fragen waren bei der entsprechenden Veranstaltung in Ansbach nicht gestattet, sarkastische Zurufer wurden als Claqueure diffamiert und aus der Halle geleitet. Selbst in der CSU werden kritische Fragen zum Hartz-Comeback formuliert. Der Deutsche Gewerkschaftsbund geht da weiter und kritisiert, dass mit Peter Hartz in Franken „der Brandstifter zur Feuerwehr“ gemacht werden solle. Das sei „geschmacklos“. Ja – und das ist fast noch geschmeichelt!

 

'Bremer Tafel'

2. Bei der Bagis West am Schiffbauerweg liegen Flugblätter der Bremer „Tafel“ aus, wo nicht nur die Zeiten und Bedingungen für die Lebensmittelausgabe beschrieben werden, sondern dort ist auch wörtlich zu lesen, dass Lebensmittel aus Spenden verschiedener Lebensmittelmärkte hin und wieder ein abgelaufenes Datum hätten. Sie würden nach Haltbarkeit vom Team vorsortiert, die Sorge wegen „schlechter“ Lebensmittel sei unbegründet. Wird hier ganz offen und ungeniert dokumentiert und verharmlost, dass durchaus auch Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum für einen Euro vergeben werden? Nach meinem Wissen müssen in normalen Discountern für „arbeitsmarkttechnisch nicht-überflüssige“ Mitmenschen Lebensmittel aus dem Verkehr gezogen werden, wenn sie das Haltbarkeitsdatum überschritten haben.

Wer trägt die Folgen eventueller Magenverstimmungen oder Vergiftungen? Wenn Gammelfleisch einen neuen Produzenten hat, nämlich die Bremer „Tafel“, dann prost Mahlzeit! Das Geschäftsinhaber spart sich das Geld für eine ordnungsgemäße Entsorgung und darf außerdem hin und wieder in der Zeitung als viel gepriesener Wohltäter im Dienste der Allgemeinheit seinen Namen lesen. Gut, dass es die „Tafeln“ gibt! Wo sonst sollte dieser „Müll“ entsorgt werden, und dazu noch kostenpflichtig? Da ist es doch weitaus umwelt- und geldbeutelschonender, die abgelaufenen Lebensmittel durch „Hartzis“ verzehren zu lassen, als der Gefahr wachsender Müllberge und vermeidbarer Unkosten ins Auge sehen zu müssen. Mich stört die menschenverachtende Haltung, auch wenn ich weiß, dass nicht alles gleich verdorben ist, was die Haltbarkeitsgrenze überschritten hat.

3. Die niedersächsische Landesbischöfin Margot Käßmann beklagt die gravierenden Folgen von Armut für Kinder. In der Schule erzähle bereits jedes dritte Kind, dass es gehänselt wird, wenn es bei Klamotten, Handy, Computer und Freizeitaktivitäten nicht mithalten könne. Sie zieht zwar eine positive Bilanz der vor einem Jahr gestarteten Kircheninitiative „Zukunft(s)gestalten“, befindet aber die Dimension der Armut in Niedersachsen als untragbar. Inzwischen muss dort jedes sechste Kind unterhalb der Armutsgrenze vegetieren. Die Bischöfin weist auf die versteckte Kinderarmut hin, wenn Kinder ohne ordentlichen Ranzen zur Schule gehen müssen oder in den Ferien nur in der Wohnung hocken und Urlaubsreisen lediglich aus den Erzählungen ihrer Mitschüler kennen würden. Es ist ja schön, wenn die Kirche sich 2008 mit einer Million Euro an Projekten gegen die Kinderarmut beteiligte, aber gleichzeitig verdient sie auch weiterhin an der Armut durch die Beschäftigung der Eltern dieser armen Kinder als Ein-Euro-Jobber. Denn wo Kinder arm und ausgegrenzt sind, stehen vorher ihre Eltern, weil es zu wenig Jobs und keinen ausreichenden Mindestlohn gibt und die Transferleistungen bei Weitem nicht ausreichen!

4. Für 28.700 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene begann im Jahr 2007 die Erziehung in einem Heim oder in einer betreuten Wohnform. Laut dem Statistischen Bundesamt betraf es 17 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Als Gründe dafür werden mit 43 Prozent eingeschränkte Erziehungskompetenz der Eltern, mit 35 Prozent Auffälligkeiten im Sozialverhalten und mit 22 Prozent Gefährdung des Kindeswohls oder die unzureichende Förderung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen angegeben. Während Jungen und Mädchen beinahe gleich häufig von eingeschränkter Erziehungskompetenz betroffen waren, wurden Auffälligkeiten im sozialen Verhalten bei Jungen und jungen Männern zu 40 Prozent als Grund genannt, bei Mädchen und jungen Frauen zu 30 Prozent. Es verwundert nicht, wenn dann bei den Jungen mit 27 Prozent häufiger schulische Probleme zu einer Aufnahme ins Heim führten als mit 19 Prozent bei den Mädchen.

Hier werden leider nur nackte Zahlen genannt und keine Ursachenforschung betrieben. Sind tatsächlich immer mehr Eltern nur eingeschränkt ihrer Erziehungsaufgabe gewachsen, oder schauen die Behörden nur genauer hin? Müssen sich die wachsende Armut, die zunehmende Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt, die beengten Wohnverhältnisse, die menschenverachtende Behandlung von Seiten der Argen oder die Segregation nicht zwangsweise negativ auf die gesamte Lebenssituation finanziell Benachteiligter ausweiten? Leider wird nicht jeder mit der gleichen Portion Resilienz ausgestattet, die dabei hilft, solch ausgesprochen schwierige Lebenssituationen zu überstehen.

5. Deutschland droht wieder Massenarbeitslosigkeit. Im Juni ist die Zahl der Arbeitslosen saisonbereinigt gestiegen. In seiner Not, die Statistiken vor der Bundestagswahl so gut wie möglich aussehen zu lassen, setzt der Staat auf private Vermittler. Bisher taugten die wenig und deswegen sollen jetzt neue Besen fegen dürfen wie zum Beispiel Speed-Dating für Jobsuchende. So lud der private Arbeitsvermittler Hans-Joachim Elsner rund 30 Männer und Frauen ein, die alle über 50 Jahre sind und deswegen als schwer vermittelbar gelten, zu einem „Job-Speed-Dating“ ein, bei dem sich Bewerber und Personalchefs in zehn bis 15 Minuten „beschnuppern“ können. Dafür mietet er einen Festsaal und verspricht Catering, Musik und Promis zur Auflockerung. Die Idee für die Kuppelshow kommt aus England: In Manchester wird das „Speed-Dating“ seit vergangenem Oktober als Arbeitsvermittlungsmaßnahme erprobt. Von 350 Teilnehmern sind beim vorigen Mal 80 mit einem Arbeitsvertrag nach Hause gegangen. Die geladenen Erwerbslosen waren Möbelverkäufer, Werbefachfrauen, Einkaufsleiter, Altenpflegerinnen oder Chefsekretärinnen, von denen viele im vergangenen Jahr kein persönliches Vorstellungsgespräch bei einem Unternehmen hatten.

Erstaunlicherweise soll es hier ausnahmsweise mal um echte Jobs, also tatsächlich sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen gehen. Bisher konnte Herr Elsner 40 Unternehmen gewinnen und will es auf 100 bringen, die dann auf 650 Erwerbslose treffen sollen. Es ist ein ungewöhnliches Experiment für alle: die Erwerbslosen, die Arge München und den privaten Arbeitsvermittler A4e, dessen Deutschlandchef Elsner ist. A4e steht für „Action for employment“ und hat in Manchester das Massendating für Erwerbslose erfunden. Dass private Arbeitsvermittlung in Deutschland neuerdings wieder angesagt ist, hat bestimmt mit der Tatsache zu tun, dass die privat „betreuten“ Erwerbslosen nicht mehr zu denen mitgezählt werden müssen, die bei der Arbeitsagentur gemeldet sind. Im April 2009 waren rund 200.000 Arbeitslose bei kommerziellen Anbietern untergebracht, doppelt so viele wie im Vorjahresmonat. Da die Wahlen immer näher rücken, scheint Hektik geflissentlich zur Ausrüstung für die Zurschaustellung euphemistischer Statistiken zu gehören.

6. Potzblitz, nun will die Bundesagentur für Arbeit dafür sorgen, dass das Image von ALG-II-Beziehern besser wird! Dabei sind doch die Hartz-IV-Vorurteile natürlich alle handverlesen selbstgezüchtet, um den Erwerbslosen das Gefühl von eigener „Schuld“ an diesem Zustand zu geben und nicht auf die Unmöglichkeit einer Vollbeschäftigung für alle bei einer 40-Stunden-Woche zu verweisen. Dem zum Trotz soll mit der Informationskampagne „Hilfreiche Hände“ dafür gesorgt werden, die Vorurteile zu beseitigen, wobei besonders die Handwerksunternehmen angesprochen werden sollen. 1,5 Millionen Euro wird diese Kampagne kosten, die bei den Arbeitgebern Vorurteile gegenüber den Erwerbslosen abgebauen sollen. Unter dem Titel „Zehn gute Gründe, ‚Hartz-IV‘-Empfänger einzustellen“ sollen Plakate, Diskussionen und Informationen zu Fördermöglichkeiten das Image von jobsuchenden Hartz-IV-Beziehern verbessern.

Das Handwerk leide unter Fachkräftemangel, und dies lasse sich zum Teil durch die Einstellung von ALG-II-Beziehern beheben. Arbeitsagenturchef Heinrich Alt wies darauf hin, dass Handwerk und Sozialpflege mit insgesamt rund 130.000 gemeldeten Stellen trotz angespannter Konjunkturlage Branchen mit wachsenden Arbeitsplatzzahlen seien. Er behauptete, nur 200.000 der ALG-II-Bezieher besäßen handwerkliche Berufsqualifikationen, nur 80.000 kämen aus Gesundheits- und Sozialberufen. Diese sollten „zurück ins Boot geholt“ werden. Wenn das so einfach mit anständig bezahlten Stellen gewünscht wäre, hätte es doch schon lange gemacht werden können! Es muss schon ein bisschen mehr getan werden, als das Land durchzuplakatieren. Überschriften und hehre Ziele reichen nicht aus, wenn denn wirklich daran gelegen sein sollte!

7. Wie ernst es gemeint ist, das Ansehen von ALG-II-Beziehern aufzubessern, stellte letzte Woche der Berliner FDP-Spitzenkandidat Martin Lindner unter Beweis: Er forderte, dass der ALG-II-Regelsatz um bis zu 30 Prozent gekürzt werde, weil nach seiner vollkommen aus der Luft gegriffenen Unterstellung extrem viele Menschen schlichtweg keine Lust hätten zu arbeiten. Die Bezieher staatlicher Sozialleistungen sollten außerdem zu bezahlter gemeinnütziger Arbeit herangezogen werden. Lindner versteifte sich auf die Vorstellung, die soziale Sicherung könne so überdreht werden, dass die Leute keine Lust mehr hätten zu arbeiten, weil sie genau so gut oder besser dastehen, wenn sie Hartz IV kassieren, als wenn sie bestimmte Berufe im Dienstleistungsgewerbe ausüben. Dass so viele Menschen immer von sich auf andere projizieren! Andererseits müssen die geplanten Steuersenkungen für die eigene Klientel ja gegenfinanziert werden.

Das „Erwerbslosenforum Deutschland“ forderte, die Erwerbslosen sollten nun wirklich die Berliner FDP-Dummschwätzer zum Teufel jagen, wenn diese völlige soziale Inkompetenz und menschenverachtende Gesinnung zum Hauptthema öffentlicher Wahlveranstaltungen machen. Die FDP beweist, dass sie Arme nicht ernst nimmt, wenn erst letzten Dezember ihr Berliner Fraktionsvize Henner Schmidt den Vorschlag machte, arme Berliner könnten sich etwas Geld dazuverdienen und Ratten fangen. Die Berliner FDP scheint eine Ansammlung einer besonderen Spezies von Politikern zu sein, deren Hauptaufgabe die Diffamierung von sozial Benachteiligten ist! Dabei scheint kein noch so dummes Argument tabu zu sein. Der Sprecher des „Erwerbslosenforums“, Martin Behrsing, fordert, dass Berliner FDP-Leute erst mal sechs bis acht Monate von Hartz-IV-Bezügen und mit Behördenzwängen leben, bevor sie auf Mitmenschen losgelassen werden.

Wahrscheinlich bliebe dann kein Politiker mehr übrig. Wenn Bundesfinanzminister Peer Steinbrück Vermögende demnächst ohne Vorankündigung von Finanzbeamten auf Steuerhinterziehung überprüfen will, kreischt es aus der FDP sehr laut, das gehe nun aber zu weit, weil es einem Generalverdacht gleichkomme, alle Vermögenden seien Steuerbetrüger. Aber im Gegenzug allen ALG-II-Beziehern pauschal Arbeitsscheu, Faulheit und Betrug zu unterstellen, ist völlig okay! Da kann ich mich nur wiederholen, dass mensch nicht immer von sich auf andere projizieren sollte. Aber selbst wenn das Gehetze einmal ernst genommen würde, schadete der Vorschlag des FDP-Spitzenkandidaten der Wirtschaft. Werden wirklich Hunderttausende Jobs allein in Berlin für Langzeiterwerbslose geschaffen, dann gehen dadurch Aufträge für die Privatwirtschaft verloren. Diese ganzen sinnvollen Jobs gibt es doch gar nicht! Dadurch stiege nur die Gefahr an, dass nun von Erwerbslosen Arbeit übernommen werden müsste, die bislang ordentlich bezahlt wurde und jetzt zu Dumping-Lohn-Arbeit mutieren soll!
Elisabeth Graf (parteilos, aber Partei ergreifend)