Auch im Daimler-Werk der Hansestadt könnten Jobs verlorengehen. Ein Gespräch mit Gerhard Kupfer. Gerhard Kupfer ist Betriebsrat und Mitglied der IG-Metall-Vertrauenskörperleitung im Mercedes-Werk Bremen
Neben dem Daimler-Werk in Tuscaloosa, USA, soll auch der Standort Bremen von der Verlagerung der C-Klasse aus Sindelfingen profitieren. Freuen sich die dortigen Kollegen darüber?
Die Sache ist: Diese ganzen Zusagen, wir würden wegen der Verlagerung von Sindelfingen mehr Personal bekommen, sind völliger Humbug. Denn im Moment wird hier in Bremen die C-Klasse für den US-Markt produziert. Diese geht nach Tuscaloosa, und wir bekommen die Fertigung für den europäischen Markt, die bisher in Sindelfingen war. Die US-Modelle sind aber sehr personalintensiv, weil sie einen hohen Anteil an Sonderausstattungen haben. In Bremen macht das fast 40 Prozent der Fertigung aus. Deshalb gehe ich davon aus, daß die Gesamtbilanz für Bremen negativ sein wird. Es wird den Leuten vom Vorstand und von der Presse zwar eingeredet, der Standort sei der große Gewinner. Aber das halte ich für absoluten Unsinn, denn an den US-Modellen hängen der Rohbau, die Logistik und die Montage – und das ist alles wie gesagt sehr personalintensiv. Zudem sind auch im Bremer Hafen Hunderte Arbeitsplätze von der Verschiffung der C-Klasse abhängig.
Das heißt, die Beschäftigten in Bremen sehen die aktuellen Maßnahmen kritisch?
Es gibt eine gewisse Spaltung in der Belegschaft. Einige gehen der Behauptung auf den Leim, Bremen sei der Gewinner. Aber ein nicht unerheblicher Teil sagt: Wir müssen uns den Protesten der Sindelfinger anschließen. Aus Wut darüber, was zur Zeit insgesamt bei Daimler abläuft – Arbeitsverdichtung, Rationalisierung hoch drei –, ist ein guter Teil der Kollegen dazu bereit.
Im gesamten Konzern ist die Situation recht widersprüchlich: In manchen Werken und Bereichen werden Überstunden und Sonderschichten gefahren, in anderen gibt es Kurzarbeit oder Arbeitszeitverkürzung bei Lohnverlust. Wie wirkt sich das auf die Stimmung in der Belegschaft aus?
Darüber herrscht absolutes Unverständnis. In der Sportwagenfertigung sind wir dieses Jahr auf ungefähr 16 Wochen mit »Kurzarbeit Null« gekommen. Auch in der C-Klasse gab es teilweise Kurzarbeit. Zugleich werden die Leute aber, wenn sie im Betrieb sind, ausgelutscht bis zum letzten. Die Bänder sind unterbesetzt, Urlaub oder Freizeit können nicht genommen werden. Teilweise wurden die Schichtzeiten verlängert. Das können die Kollegen natürlich überhaupt nicht nachvollziehen. Es herrscht geballte Wut, die sehr schnell zur Explosion kommen kann.
Wie sollten Gesamtbetriebsrat und IG Metall mit der Situation umgehen?
Ich schlage vor, hier in Bremen und in anderen Werken Solidaritätsaktionen mit den Sindelfinger Kollegen zu organisieren. Die Vertrauenskörperleitung sollte dafür sorgen, daß eine Delegation aus Bremen an der Betriebsversammlung in Sindelfingen teilnimmt.
Der Sindelfinger Betriebsrat fordert, falls die Verlagerung der C-Klasse nicht verhindert wird, Ersatzprodukte für das Werk. Ginge das nicht wiederum zu Lasten anderer Standorte?
Ja. Mir gefällt auch nicht, daß auf dem Titel der Brisant, der IG-Metall-Zeitung in Sindelfingen, ein Foto mit einem Schild abgebildet ist, auf dem es heißt »No, no Amerika«. Diese Konkurrenz, ob auf internationaler oder nationaler Ebene, lehnen wir entschieden ab. Es kann nicht sein, daß der Vorstand es schafft, uns gegeneinander auszuspielen.
Was wäre denn die Alternative zu diesem Standortwettbewerb?
Für uns ist ganz klar: Wir mischen uns in diese Standortkonkurrenz nicht ein. Natürlich kämpfen wir um unsere Arbeitsplätze. Letztlich müssen wir uns aber dafür einsetzen, daß in den anderen Ländern gleiche Bedingungen herrschen wie hierzulande. Es ist doch auffallend, daß es in Tuscaloosa, wohin die C-Klasse-Fertigung verlagert werden soll, überhaupt keine gewerkschaftliche Organisierung gibt. Gerade im Süden der USA wird es den Gewerkschaften unheimlich schwergemacht, die Belegschaften zu organisieren.
Im Moment spricht das Daimler-Management nicht von Einkommenskürzungen. Auch der Gesamtbetriebsrat schließt das aus. Ist dennoch zu befürchten, daß es erneut zum Lohnverzicht kommt?
Hundertprozentig. Der Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche hat schon angekündigt, noch einmal vier bis fünf Milliarden Euro einsparen zu wollen. Das kann ja nur zu Lasten der Beschäftigten gehen. Unsere Haltung war immer: Es bringt überhaupt nichts, irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Ganz im Gegenteil, die gesellschaftlichen Folgen sind fatal. Dagegen werden wir uns mit allen Mitteln zur Wehr setzen.
Interview: Karl Neumann
Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Junge Welt v. 08.12.09