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18. November 2011

Moin, ich bin ... von agauche, linke Jugendgruppe! (Redetext von der Bildungsdemo am 15.11.11)

Große Bildungsdemo am 15. November 2011

Oft, wenn es um Schulstreik oder Demos geht, sagen Leute, dass die Demonstranten ja doch eh den Streik nur als Anlass nutzen, um Schule zu schwänzen. Sie meinen, wir könnten ja auch nachmittags streiken, dann würden wir doch viel ernster genommen werden, und wenn wir doch bessere Bildung und mehr Unterricht fordern, könnten wir diesen doch nicht schwänzen!

Doch wir sehen da zwei Sachen dran anders: erstens gab es schon genügend Demos nachmittags, die niemand interessierten, schon gar nicht Politiker_innen, denn dann ist es nur eine unter vielen. Erst wenn tausende Schüler_innen kollektiv Schule schwänzen, damit Fehlstunden usw riskieren und der normale Schulbetrieb gestört wird, kriegen wir Aufmerksamkeit!

Und die zweite falsche Annahme ist die, dass wir doch eben genau nicht mit dem normalen Unterricht, mit den jetzigen Zuständen zufrieden sind. Unsere Forderung nach mehr Bildung betrifft nicht den bisherigen Unterricht, weil wir dort ja eben nicht genug lernen! Und da wird das Schwänzen eben zu mehr als zu normalem Schwänzen: zu aktiver Teilhabe an politischen Auseinandersetzungen. Demokratie ist eben mehr, als nur in irgendwelchen Gremien zu sitzen! Welche großartigen Veränderungen wurden schon im Sitzungsaal erkämpft?

Doch zurück zu der Unzufriedenheit mit dem Ist - Zustand:

Unsere Bildung ist immer noch Kürzungsopfer nummer eins: Nicht nur das uns aus finanziellen Gründen mit dem Abitur in 12 Jahren ein Jahr Schulzeit weggekürzt wird, wir sind alle Opfer einer Einsparungspolitik, die sich in maroden Schulgebäuden und alten Lernmaterialien ausdrückt.

Wer kennt sie nicht, die kleinen gelb-verquollenen und mit Kaffeeflecken übersäten Reclam-hefte, die uns klassische Literatur nah bringen sollen? Wer kennt es nicht, das verdutzte Gesicht des Lehrers, wenn mal wieder sämtliche naturwissenschaftlichen Experimente im Unterricht mehr als utopisch sind, weil die entsprechende praxis-orientierte Ausstattung der Schulen fehlt? Wer kennt sie nicht, die Toiletten ohne Klopapier und Seife an unseren Schulen? Und WIE VIELE von uns müssen nicht in total überfüllten Klassen hocken, deren Größe interessanten und an UNS orientierten Unterricht unmöglich machen, weil angeblich kein Geld da ist um mehr Lehrer_innen einzustellen?

WENN Geld ausgegeben wird, dann wird über unsere Köpfe hinweg entschieden wofür.
Wer kennt sie nicht, die völlig irrsinnigen Ausgaben, die Schulen haben: So gibt es zum beispiel an vielen Schulen jetzt elektronische Schulpläne, die zehntausende von euros kosten. Da hat niemand die Schüler_innen gefragt, ob sie das sinnvoll finden.
Während für Banken ohne weiteres dreistellige Milliardenbeträge bereitgestellt werden, wird, wenn es um unsere Bildung geht jeder einzelne Cent genau beäugt und gespart! Willkommen in der „Bildungsrepublik Deutschland“!

Doch wir glauben nicht, dass die Schule ein perfekter Ort wird, wenn Jürgens-Pieper endlich weg von ihrem Amt ist und wir ein bisschen mehr Geld für Bildung gekriegt haben.

Wer kennt es nicht, morgens in die Schule zu fahren, mit der Angst, zu wenig gelernt zu haben, wenn eine Klausur ansteht. Wir stehen unter ständigem Konkurrenzdruck und die ständige Bewertung mit Ziffernoten ist keine hilfreiche Rückmeldung über einen Lernerfolg. Noten dienen zur Einteilung von Schüler_innen in Gewinner_innen und Verlierer_innen in der Konkurrenz des normalen Schulbetriebs. Das Beispiel einer Münchner Lehrerin, die es durch engagierten und interessanten Unterricht schaffte (fast) alle Schüler_innen in den einser-Bereich zu bringen und dafür nicht gelobt wurde, sondern ein Disziplinarverfahren bekam, zeigte: der Zweck der Note ist die Unterteilung und wenn es keine „Guten“ und „Schlechten“ gibt hat der Unterricht bzw. die Schule ihren Zweck in unserer Gesellschaft verfehlt.

Außerdem zeigt das Beispiel einiges über den Inhalt der Bildung die wir im jetzigen Schulsystem vermittelt bekommen. Das Ziel ist nicht, dass wir wie häufig behauptet „für's Leben lernen“.oder dass alle Schüler_innen am Ende der Schulzeit ihr Abitur machen können und kritisches Bewusstsein vermittelt bekommen haben. Wie viel Bildung am Ende hängen bleibt, ist letzten endes belanglos, so lange eine bestimmte Sortierung der Schüler_innen erfolgreich war. Am Ende muss es für diese Gesellschaft eben Leute geben, die so wenig Bildung bekommen haben, dass sie „freiwillig“ schlecht bezahlte Jobs, wie zugespitzt gesagt Putzfrau, Sekretärin oder Straßenfeger werden und andere eben eine akademische Laufbahn einschlagen und am ende Ärzte, Manager, Richter usw werden. Zusammenfassend gesagt, die soziale Spaltung der Gesellschaft wird in der Schule reproduziert.

Es ist für uns unglaublich schwierig, dieses komplexe Thema gut zusammengefasst in so eine rede zu verpacken; es zeigt sich jedoch jetzt schon: Es ist nicht getan mit der Forderung nach der Rücknahme von Stundenkürzungen, dem Rücktritt unserer Bildungssenatorin und mehr Geld für Bildung. Es gibt viele Probleme, die dadurch nicht gelöst werden. Fremdbestimmte Inhalte, die nicht unseren Interessen entsprechen, denn muss man z.B. Mathe wirklich bis zur 13klasse haben? Oder autoritäre und gestresste Lehrer_innen, die eine angenehme Gestaltung des Lernalltags unmöglich machen! Oder Selektion, also die Trennung von Schüler_innen in Gymnasiast_innen und Restschüler_innen nach der vierten Klasse, Noten und der damit verbundene Konkurrenzdruck usw. usf.....ihr seht, es gibt viele weitere Themen, über die mensch in so einer Rede reden könnte. Um das alles aber nicht machen zu müssen und euch nicht stundenlang vollzulabern, laden wir hiermit alle interessierten ein, am 17.11. um 18h in die Buchte in der Buchtstraße 3 zu kommen, und über die Forderungen des Schulstreiks zu diskutieren.

Vielen Dank fürs zuhören, checkt unsere Homepage: agauche.tk oder werdet freunde bei facebook mit uns!

eine Sprecherin von agauche, linke Jugendgruppe