An vielen Universitäten und Hochschulen in vielen Städten wird gestreikt oder Aktionen durchgeführt. Nur in Bremen ist es bislang relativ ruhig geblieben. Die Erklärung von Wilfried Müller, Rektor der Uni Bremen, warum bislang keine Aktivitäten stattgefunden haben, ist: "WIR SIND IM DIALOG!"
Ein Dialog kann aber kein Ersatz für nicht gewährte Mitbestimmung von Studierenden sein. Das wurde bei der heutigen - vorsorglich vom Rektor initiierten - Veranstaltung von den Studierenden deutlich ausgesprochen: ginge es ihm ernsthaft um demokratische Veränderungen in Lehre und Forschung, müsste er sich vorrangig für die Wiedereinführung verfasster Mitbestimmungsrechte, vor allem für die 1973 durch Verfassungsgerichtsentscheid abgeschafften Drittel-Parität einsetzen. Auf der von über 500 Studierenden besuchten Versammlung wurde diese Forderung mehrfach erhoben. Aber das Rektorat bot nur an, dass Studierende ihre konkreten Anliegen zur Veränderung des Bachelor- und Masterstudiums doch bitteschön in die Fachbereiche und Studiengänge einbringen könnten. Soweit also zum Thema: demokratisches Lernen und Mitbestimmung heute an der Uni Bremen! Sie war vor 40 Jahren als Reform-Uni angetreten und auch dafür bundesweit bekannt geworden.
Auslöser der studentischen Proteste (und damit auch für diese Veranstaltung) ist der bundesweite Bildungsstreik, der sich u.a. gegen die Verschlechterungen von Studienbedingungen durch die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengänge richtet. Die Bremer Uni hat diesen Umstellungsprozess jetzt komplett abgeschlossen. Die Folge sind die Verkürzung des Studiums, eine erhebliche Verdichtung der Inhalte und ein permanenter Prüfungsstress. Ein Hauptpunkt der Kritik ist außerdem die Hierarchisierung der Studierenden und ein faktischer Numerus Clausus (NC) für viele beim Zugang zum Masterstudium. Nur noch 20% der Studierenden aus den Bachelor-Studiengängen sollen in das Masterstudium zugelassen werden.
Allein dies rechtfertigt Protestmaßnahmen, denn ein derart verschultes Studium und die finanzielle Not, die zwei Drittel aller Studierenden zu bezahlter Arbeit neben der Ausbildung zwingt, bewirkt gesundheitliche Beeinträchtigungen und vermehrten Stress. Studierende sind kaum noch in der Lage, Zeit zu finden für eigene Schwerpunktbildung, eigene Interessenwahrnehmung oder gar hochschulpolitischem Engagement. Dass der auch von der Uni-Leitung eingeräumten chronischen Unterfinanzierung der Uni ihrerseits nur mit weiterer Kommerzialisierung begegnet werden könne, wurde von den Studierenden stark kritisiert, zumal Müller einräumte, dass man bei Beginn der Umstellung nicht auch zusätzliche Finanzen hierfür verlangt hat.
Im Verlauf der Veranstaltung stellte sich vielen Beteiligten die Frage, welche Macht ein Rektor eigentlich hat, der einerseits die rotgrüne Regierungspolitik vollzieht und von ihr getragen wird und sich andererseits aber nicht in der Lage sieht, hier deutlich andere Akzente zu setzen und die erhobenen Forderungen mit der Rückenstärkung der Proteste zu zu unterstützen. Obwohl der Bremer Rektor stellvertretenden Vorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz ist, wäre er offenbar nicht in der Lage, den öffentlichen Druck für die Umsetzung dieser Forderungen gegenüber der Bundesregierung zu verstärken. Und auch diese Frage drängt sich auf: welche Macht und welche Aktionsmöglichkeiten haben die Betroffenen in Anbetracht ihrer Not? Dass der Protest gerechtfertigt ist und solidarisch von der Partei DIE LINKE. unterstützt wird, machte der bildungspolitischen Sprechers des Landesvorstandes in einem kurzen Beitrag deutlich, was von den Studierenden auf ihrem Auswertungsplenum begrüßt wurde.
Interessante Fragen waren dort: Wie wird die Veranstaltung bewertet und wie geht es weiter? Hat der Rektor sein Ziel, den Protest zu kanalisieren, um dann wieder Ruhe einkehren zu lassen, erreicht? Haben die Studierenden einen wichtigen Schritt getan, um nicht nur ihre Probleme öffentlich auszusprechen sondern auch um faktisch bessere Studienbedingungen zu erkämpfen? Wie ist dem Spagat zu begegnen, der zwischen verwehrter Finanzierung und einem erhöhten Anspruch an sich selber besteht, trotzdem eine gute Ausbildung und das gesetzte Studienziel zu schaffen.
Michael Mork