Vorbemerkung: "Eine Schule für alle" mit gleichen Bildungschancen für alle in allen Stadtteilen - das soll es nicht mehr geben. Die Schulen sollen sich stattdessen nach neoliberalem Muster unterscheiden, sich profilieren und gegeneinander konkurrieren. Dazu gehört dann auch unausweichlich das Schul-Marketing und die Markenbildung. Also folgt der nächste Quatsch: die Schulen sollen sich jetzt einen (neuen) Namen suchen, um ihr "Alleinstellungsmerkmal", ihre "Unverwechselbarkeit" und vor allem die Ungleichheit zu dokumentieren. Jürgen Burger (GEW) gibt im folgenden einen kurzen und interessanten Rückblick in die informative Geschichte der Namensgebung von Bremer Schulen. (sh)
Jetzt sollen sich alle Oberschulen einen Namen suchen. Warum eigentlich? Das ist eine längere Geschichte.
In Bremen – wie auch in vielen anderen Städten – war es bisher üblich, eine Schule nach der Straße zu benennen, an der sie liegt. Das ist seit 1858 so, als die neu gebaute staatliche Freischule an der Schmidtstraße eingerichtet wurde. Vorher gab es nur die Kirchspielschulen, die jeweils nach ihrer Gemeinde hießen (Liebfrauen, Stephani, Remberti usw.), außerdem die privaten Klippschulen mit den Namen ihrer BetreiberInnen sowie das einzige Gymnasium. Wegen des schnellen Bevölkerungswachstums wurde von 1870 bis 1914 fast jedes Jahr eine (teils entgeltliche, teils unentgeltliche) Volksschule fertig gestellt, die dann nach der jeweiligen Straße benannt wurde. Die höheren Schulen, die ab 1900 folgten, bekamen manchmal auch Stadtteil-Bezeichnungen (z.B. „Realschule in der westlichen Vorstadt“ – heute Waller Ring). Die höheren Mädchenschulen blieben bis zur Weimarer Republik privat (daher ist der Name Kippenberg erhalten geblieben). Nach 1933 bekamen die höheren Schulen dann völkische Namen, die nach 1945 schnell wieder verschwinden mussten. Als ab 1970 Gesamtschulen als Angebotsschulen entstanden, griff man auf die Stadtteil-Bezeichnung zurück (GSO, GSW, später GSM).
Seit etwa 10 Jahren fördert die Bildungsbehörde die Benennung von Schulen nach historischen Persönlichkeiten. Man mag lange darüber spekulieren, ob es ein Zufall ist, dass dieser Wechsel in der „Namenspolitik“ zeitgleich mit der zunehmenden Zersplitterung des Schulsystems durch politische Kompromisse liegt. Auf jeden Fall ist es bezeichnend, dass der Wechsel stattfand, nachdem die Schulbezirksgrenzen in der Sekundarstufe I abgeschafft worden waren. Der Wettbewerb um SchülerInnen aus der Primarstufe verlangt den Sek.-I-Schulen ein gewisses Maß an Marktschreierei ab, zu dem ein ehrwürdiger Schulnamen passt.
Die aktuelle Forderung der Behörde, sich einen neuen Namen zu suchen, hat noch einen weiteren Hintergrund: Die bisherigen Gesamtschulen und Integrierten Stadtteil-Schulen werden wie die Sek. I -Zentren zu Oberschulen gemacht und gehen so ihrer im Schulnamen sichtbaren pädagogischen Ausrichtung verlustig. Durch neue Namen kann man diesen Vorgang etwas verdecken.
Jürgen Burger
Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Bremer Lehrerzeitung Oktober 2009