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26. November 2011

Karin Leukefeld beim Solidaritätsbasar in der Stephani-Gemeinde

Die Journalistin Karin Leukefeld kam mit dreistündiger Verspätung

Blick in den vollbesetzten Saal der Stephani-Gemeinde

die mitreißend singende und spielende Songgruppe

Ingeborg Kramer von der "Initiative Solidaritätsbasar" begrüßte die Gäste

Das Organisationsteam für den jährlich stattfindenden Solidaritätsbasar in der Stephani-Gemeinde am 25. November hatte dieses Mal die Journalistin (schreibt viel für "junge Welt" und "Neues Deutschland") Karin Leukefeld eingeladen. Sie hat sich besonders in der letzten Zeit als Ethnologin, Islam- und Politikwissenschaftlerin einen Namen gemacht, weil sie laufend aus den Ländern des arabischen Aufbruchs berichtet. Und sie berichtet aufgrund eigener Recherchen und Erfahrungen vor Ort.

Die Kritik an den Medien war ein wichtiger Punkt in ihrem Vortrag. Die Rolle der Medien in diesen Ländern müsste neu diskutiert werden. Von einem bürgerlich-demokratischen Verständnis, dass Zeitungen und Sender eine informierende, kritische und evtl. korrigierende Rolle in einem demokratischen Land spielen müssten, hätten sich viele Medien, vor allem das Fernsehen, deutlich entfernt. Schon gäbe es unter arabischen Journalisten eine heftige Debatte darüber; und viele hätten ihre Sender bereits verlassen, weil sie einfach nicht bereit wären, die ihnen zugedachte Rolle zu spielen. "Die Medien sind", so Karin Leukefeld, "zum Teil aktive Instrumente der Auseinandersetzungen geworden und haben auch schon die Rolle übernommen, Kriege vorzubereiten. So z. B. in Libyen, und zukünftig wohl auch in Syrien. Das ist eine ganz bittere Geschichte, gerade für mich als Journalistin."

Karin Leukefeld war erst vor zwei Tagen aus Damaskus nach Deutschland gekommen und berichtete hauptsächlich über die Entwicklungen in Syrien. Sie schätzte die Lage sehr pessimistisch ein. An Verhandlungen, an der Bildung von Kompromissen, an der eventuellen Bildung von Übergangsregierungen und einer demokratischen Öffnung wäre "der Westen" eher nicht interessiert. Es würde wohl auf einen Bürgerkrieg zulaufen.

Vier Dinge aus ihrem inhaltsreichen Bericht waren besonders bemerkenswert:

  1. Die Umbrüche in der arabischen und islamischen Welt wären für Beobachter keinesfalls so plötzlich gekommen wie häufig in den westlichen Medien berichtet. Das Buch der Sozilogen Emmanuel Todd u.a. (auf deutsch: "Die unaufhaltsame Revolution") hätte eine solche Entwicklung schon vor vier Jahren vorausgesehen. Hier wäre beschrieben worden, wie diese Änderungen seit 40 Jahren rasant vorangeschritten.
  2. Die sozioökonomsichen Verhältnisse wären in der Region durchaus ähnlich gewesen: unter der überwiegend jungen Bevölkerung, teilweise gut ausgebildet, bei hoher Arbeitslosigkeit und ohne berufliche Perspektive, wäre die Unzufriedenheit immer größer geworden. In Zeiten der Globalisierung mit Internet, Satelliten-TV hätten sie erfahren können, wie andere junge Leute in anderen Ländern leben könnten. Sie konnten aber auch sehen, wie es bei der kleinen Schicht der Reichen im eigenen Land zuging, die ihren unermesslichen Reichtumg auch ungeniert zu Schau stellten. Diese rebellische Schicht, hätte die Rebellionen angeführt, so dass Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten tatsächlich zurücktreten mussten.
  3. Für den Westen aber war die Kontrolle über die Rohstoffressoucen und die Zufahrtswege von Bedeutung, die Bevölkerung war unwichtig. Das hätte dazu geführt, dass diejenigen, die mit der Revolte angefangen haben, heute nicht mehr beteiligt wären an dem, was jetzt ausgehandelt würde.
  4. Eine immere wichtigere Rolle würde die Muslimbrüderschaft einnehmen. Sie würde mit viel Geld und Waffen von Saudi-Arabien, Katar und vor allem der Türkei unterstützt. Die Türkei, in der die AKP, auch eine Partei der Muslimbrüderschaft, jetzt die Regierung bilde, würde sich große Hoffnungen machen und auch machen können, in den arabischen und afrikanischen Ländern in Zukunft eine wichtige Rolle, politisch und ökonomisch, zu spielen. Das "türkische Modell" aber, ökonomisch zur Zeit überaus erfolgreich, wäre aber überhaupt nicht fortschrittlich. Der Umgang mit der eigenen Minderheit, den Kurden, wäre eine einzige Katastrophe! Trotz der manchmal radikalen und gegen die westliche Moral gerichteten Reden des türkischen Ministerpräsidenten Atalay Erdogan wäre aber der Kontakt zur Nato nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil: die Türkei habe erst in der letzten Zeit einer gegen den Iran gerichteten Raketenstation zugestimmt, die sie bislang immer abgelehnt hatte.

Mit dreistündiger Verspätung

Karin Leukefeld konnte ihr interessantes Referat erst mit einer mehr als dreistündigen Verspätung halten, der Deutschen Bahn sei Dank! Ab 18 Uhr war in den Räumen der Stephani-Gemeinde der Solidaritätsbasar eröffnet worden. Ingeborg Kramer und Margot Konetzka begrüßten die rd. 200 Anwesenden und berichteten, dass auch in diesem Jahr wieder Geld für die vielen Projekte, die unterstützt werden, gesammelt wurde. Es waren exakt 14.260,81 Euro zusammen gekommen; 9.089,81 sind per Überweisung , 800 durch eine große persönliche Spende und 4.371 Euro von der DKP gespendet worden. Das Geld aus dem Basarverkauf nicht mitgerechnet. Mit großem Beifall wurde den Spendern aber vor allem den vielen OrganisatorInnen und UnterstützerInnen dieses traditionellen Abends genannt.

Es war der 46. Solidaritätsbasar für Vietnam, Chile, Kuba, Nicaragua und Südafrika, der wieder im Gemeindehaus von St. Stephani stattfand. Ab 18 Uhr öffnete der Basar, auf dem Bücher, Kalender, Kunstgewerbe, Handarbeiten, Marmelade, Brot und Kekse angeboten wurden. Zu der traditionsreichen Veranstaltung der "Initiative Solidaritätsbasar" hatten rund 300 Bremerinnen und Bremer sowie 24 Organisationen aufgerufen. Die Initiative sammelt Geld für Projekte in von Armut gezeichneten Regionen und macht zugleich auf die Gründe des Elends auf der Erde aufmerksam. Geldspenden können auf das "Solidaritätskonto Alida Klee" bei der Sparkasse in Bremen, Konto-Nummer 171 5796, Bankleitzahl 29050101, überwiesen werden. Mehr über den Solidaritätsbasar und seine Geschichte hier und hier.

Die Songgruppe

Die lange Wartezeit bis zum Eintreffen von Karin Leukefeld wurde nicht lang. Die Songgruppe mit Wiebke Rendigs, Eva-Maria Ströh, Klaus Levin und Jochen Ströh spielte und sang mitreißend. Der Sound war gut abgemischt, die Instrumentierung mit "Quetschi" Jochen Ströh an der Quetschkommode sowie Gitarre und Mandoline war variantenreich und kam an. Vor allem natürlich die Texte und Melodien der bekannten Schlager (ist überhaupt nicht abwertend gemeint!) der internationalen Solidarität: als da sind "The Winds Are Singing Freedom", "La Lega" in der Übersetzung von Dieter Süverkrüpp, "All the Little Children" der Sands-Family, "Hold The Fort" von Billy Bragg sowie das "Solidaritätslied" und "Avanti Populo" in vielen Sprachen. Als die Gruppe das Lied "Zündschnüre" von Franz Josef Degenhardt sang, wurde es still - bis dann der Beifall losbrach. Die alten Lieder wären überhaupt nicht alt und verstaubt, meinte Jochen Ströh in seiner Ansage. Im Gegenteil: angesichts der aktuellen Lage wären sie wieder hochaktuell. Wenn sie so unverstaubt, frisch, überaus gut gelaunt und engagiert vorgetragen werden, kann man dem nur zustimmen!
Sönke Hundt