
SchülerInnen aus dem Bremer Westen werden mitunter 15 km lange Schulwege zugemutet. "Das läuft sich zurecht", sagt Behördenvertreter Bothmann
Nun ist die Katze aus dem Sack: Die ersten Eltern, deren Kinder nicht an einer Schule im Westen beschult werden können, haben am 11.03.2010 von der Bildungsbehörde telefonisch „angeboten“ bekommen, die Kinder könnten in Marßel, Vegesack oder Hemelingen zur Schule gehen. Einer Mutter wurde telefonisch recht kaltschnäuzig mitgeteilt, wo sie sich den Busfahrplan nach Marßel im Internet runderladen könne, ihr Kind sei schließlich alt genug.
Ein Elternvertreter merkte dazu nur lakonisch an, dass er hoffe, dass sich die betroffene Mutter denn auch zwei Sozialtickets leisten könne. Aber vielleicht sei es ja auch nicht so wichtig, ob sie an Elternsprechtagen teilnehmen könne. Nach Informationen von Elternvertretern und Ortsamt West können von der Grundschule am Pulverberg in Walle mindestens 9 SchülerInnen nicht im Westen zur Schule gehen. Rückmeldungen aus den anderen Grundschulen in Walle und Gröpelingen stehen derzeit noch aus. Die Auswertung der Erstanwahlzahlen vom 17. Februar 2010 lässt aber befürchten, dass es sich noch um weit mehr Kinder handeln könnte (s. Artikel vom 24.02.2010). Hatte Behördenvertreter Otto Bothmann in einer öffentlichen Ausschusssitzung des Fachausschusses Bildung im Ortsamt Walle am 25. Januar 2010 noch behauptet, „das laufe sich zurecht“ und den Eltern Panikmache vorgeworfen, so offenbart sich jetzt, was die Behörde unter „Zurechtlaufen“ versteht.
Monatelang wurde in Vorbereitung des neuen Schulgesetzes davon geredet, das neue Schulgesetz führe dazu, dass die Kinder endlich wohnortnah beschult werden könnten und dann mutet man Fünftklässlern einen 15 km langen Schulweg zu. Dabei stand bereits vor einem Jahr fest, dass die Rechnung der Bildungsbehörde nicht aufgeht, weil im Westen schon in den vergangenen Jahren zuwenig Schulraum zur Verfügung stand. Die im Schulgesetz vorgeschriebene und auch dringend notwendige Reduzierung der Klassenfrequenzen verschärft das bereits vorhandene Problem. Bedenken, die nicht nur von der LINKEN, sondern auch von den Beiräten im Westen vorgetragen wurden, wurden ignoriert.
Die aktuellen Zahlen belegen, dass man zwei bis drei weitere Klassen im Westen benötigt. Sogar dann, wenn man diejenigen Kinder, die an Privatschulen angemeldet werden, bereits herausrechnet. Zudem klagen Schulleiter an den weiterführenden Schulen im Bremer Westen bereits seit Jahren, dass sie mehr Klassen einrichten müssen, als die Schulgebäude eigentlich hergeben. Der Bau einer weiteren Schule im Westen ist seit langem überfällig Die soziale Situation im Westen rechtfertigt Klassenfrequenzen von höchstens 20 Kindern. Diese Forderung stellte 2008 auch der runde Tisch der gesamten Bildungsausschüsse der Westbeiräte im Rahmen des angeblich so breiten Beteiligungsverfahrens. KommunalpolitikerInnen und Eltern wurden zwar beteiligt. Ihre Forderungen nach einer längeren gemeinsamen Beschulung und besserer Ausstattung der Schulen in ökonomisch benachteiligten Stadteilen wurden allerdings bestenfalls zur Kenntnis genommen. Im neuen Schulgesetz sind die Forderungen jedenfalls nicht aufgenommen worden.
Was die LINKE bereits vor Verabschiedung des neuen Schulgesetzes kritisierte, dass dieses nämlich die soziale Spaltung der Stadt verschärft, wird noch vor flächendeckender Einführung der Oberschule Realität: Verlierer des neuen Schulsystems finden sich vor allem in den ohnehin schon stark belasteten Stadtteilen wieder.
Auf Grund der im Vorfeld breit vorgetragenen Bedenken, kann man auch bei aller Gutwilligkeit nicht mehr davon reden, dass dies nicht vorhersehbar gewesen wäre. Angesichts des jüngsten Umgangs der Senatorin und ihrer Behördenvertreter mit den betroffenen Eltern und Lehrern, bei der die Senatorin nicht einmal vor Lügen zurückschreckte, muss man logischer Weise zu dem Schluss kommen, dass dies genauso auch politisch gewollt ist. Frau Senatorin hat nicht Gymnasienschutzzonen erhalten, sondern geradezu Stadtteilschutzzonen eingerichtet, die zu Lasten aller gehen, die ökonomisch aus dem Raster der vermeintlich bildungsnahen Eliten herausfallen. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich hier nur noch eine Frage: Wann nimmt sich endlich mal jemand den Mut, und legt Frau Senatorin Jürgens-Pieper den Rücktritt nahe?
Kristina Vogt