Der Gesundheitsfonds wird am 1. Januar 2009 in Kraft gesetzt. Er wird auf jeden Fall einen einheitlichen Beitrag von 15,5 % für die gesetzlichen Krankenkassen für alle Versicherten bringen. Für die meisten heißt das: Beitragserhöhung. Trotzdem bleibt das gesamte deutsche Gesundheitssystem chronisch unterfinanziert. Die letzte große Demonstration in Berlin unter dem Motto "Der Deckel muss weg!" hat das noch einmal allen vor Augen geführt. In Bremen besonders akut: die Sanierung der vier Bremer kommunalen Kliniken, denen ein Einsparziel von 1000 Vollzeitstellen aufgedrückt wurde ("Hansen-Plan").
Alle Diskussionen landen unweigerlich immer wieder bei der Frage: "Wer soll das bezahlen?" Wie es geht, wie ein sozial gerechteres, leistungsfähigeres und finanzierbares Gesundheitssystem aussehen kann - das zeigen die skandinavischen Länder.
Dr. Cornelia Heintze ist Spezialistin auf diesem Gebiet und hat sich in der letzten Zeit mit vielen Veröffentlichungen und Vorträgen zu den Themen Wohlfahrtsstaat und Gesundheitspolitik zu Wort gemeldet.
Der Vorbereitungsgruppe für das Offene Plenum (Sabine Bomeier, Manfred Englisch, Helmut Gehle, Marlies Hundt, Brigitte Kramm, Reinald Last, Rainer Nathow und Anthony Young) ist es gelungen, Cornelia Heintze für das Offene Plenum der LINKEN am 15. Oktober um 19.30 in den Weserterrassen zu gewinnen. Ihr Thema an diesem Abend: "Für eine solidarische Gesundheitspolitik. Ein deutsch-skandinavischer Systemvergleich". Anschließend hoffentlich eine interessante Diskussion!
Hier einige Auszüge aus ihrem Artikel: Effektiv und effizient: Das finnische Gesundheitssystem von unserer Seite "Debatte"
Das deutsche Gesundheitssystem ähnelt einer Blackbox, in der sich die davon profitierenden Lobbyisten bestens eingerichtet haben. Schon zaghafteste Versuche der Politik, die vermachteten Strukturen durchlässiger zu gestalten, münden umgehend in den Vorwurf, es drohe eine Staatsmedizin. „Staatsmedizin“ – dieser Vorwurf ist gedacht als Synonym für Zwang und Unfreiheit. Das Denkmuster dahinter ist einfach gestrickt: Hier die gute, weil freiheitliche, qualitativ hochstehende und von den Leistungserbringern selbstverwaltete Medizin; dort die böse, weil staatlich dirigierte, damit unfreie Medizin, von der selbstredend auch keine guten Ergebnisse zu erwarten sind.
Tatsächlich lassen sich Gesundheitssysteme nicht losgelöst von dem Wohlfahrtsregime, in das sie eingebettet sind, begreifen. Der deutsche Sozialstaat ist im Kern ein patriarchalischer, auf der traditionellen Familie mit männlichem Haupternährer basierender Sozialversicherungsstaat. Entsprechend ist auch das Gesundheitssystem als Versicherungssystem organisiert mit der deutschen Besonderheit einer Parallelstruktur von gesetzlichen (GKV) und privaten (PKV) Vollversicherungen. Die patriarchalische Prägung spiegelt sich sowohl in der kostenlosen GKV-Mitversicherung nicht erwerbstätiger Ehefrauen wie in den bisweilen abstrusen Klinikhierarchien. Konträr zum deutschen Sozialversicherungsstaat steht sowohl der angelsächsische wie der skandinavische Typ. Das Alleinstellungsmerkmal der skandinavischen Länder (Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island) ist es, wenig Armut mit den international höchsten Beschäftigungsquoten bei soliden Staatsfinanzen zu kombinieren, während die angelsächsischen Länder eine polarisierte Entwicklung mit zwar geringer Arbeitslosigkeit, gleichzeitig aber hoher sozialer Ungleichheit aufweisen.
Mit seinen universellen, nicht statusgebundenen Leistungen – sie erfordern eine hohe Staatsquote und einen großen Staatssektor - trotzt der skandinavische Wohlfahrtsstaat der Globalisierung recht erfolgreich.
weitere Veröffentlichungen - auch zum Download - auf der Homepage von Cornelia Heintze