
Renate Jürgens-Pieper hat das alles zu verantworten. Sie ist die alte und die neue Senatorin für Bildung und Wissenschaft
"Neue Akzente in der Bildungspolitik" wurden von Rot-grün vor der Wahl versprochen. In den Koalitionsvertrag nach der Wahl wurde reingeschrieben: jährlich soll der Personalstand an den Schulen um 1,2 Prozent verringert werden. Umgerechnet sind das 450 Lehrerstellen.
Das war noch ziemlich abstrakt. Wie das konkret an den Schulen aussehen könnte - das konnte oder wollte man sich so ganz genau noch nicht vorstellen. Jetzt kann man es. Zwei Tage vor den großen Ferien, wo alle Stundenpläne für das neue Schuljahr in den Schulen fertig sind, verkündet die Bildungsbehörde in einer Dienstbesprechung die Vorgaben für die Kürzungen:
Die Auswirkungen dieser Kürzungen auf die Schulen kann sich jeder vorstellen: sie sind katastrophal. Viele Schulleitungen und StundenplanerInnen wissen nicht, wie das umgesetzt werden kann. Besonders betroffen von den Streichungen sind die Oberstufen, die besonders viele SchülerInnen mit Migrationshintergrund oder mit einem guten Realschulabschluss aufnehmen. Hier ist die Zahl der SchülerInnen, die vor dem Abitur mit der Fachhochschulreife abgehen, was eine sehr sinnvolle Möglichkeit ist, höher als an den traditionellen Gymnasien. Dafür werden sie jetzt mit besonderen Kürzungen "bestraft", indem man ihnen weniger Stunden zuweist.
In einer ersten Stellungnahme vom 5. Juli 2011 fordert die Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft (GEW) die Senatorin für Finanzen auf, diese Stellenstreichungen zurückzunehmen. Die GEW ruft außerdem den Zentralelternbeirat, die GesamtschülerInnenvertretung und die Bildungsdeputation auf, gemeinsam mit den betroffenen Schulen gegen diesen Kurs des Bildungsabbaus vorzugehen.
Bei den oktroyierten Streichungen an den Schulen muss man wissen, was alles für die Schulen in der letzten Zeit an zusätzlichen Aufgaben geplant und versprochen worden ist: Ausdehnung des Ganztagsbetriebes, mehr Personal für die Bewältigung des Programms der Inklusion, Verringerung der Folgen aus der zunehmenden sozialen Spaltung der Stadt und und und.
Als Begründung für die - im übrigen voraussehbaren und von der LINKEN vorausgesagten - Kürzungen im Bildungsbereich verweist die Bildungsbehörde kühl, dass es an den Bremer Schulen zu viele Lehrkräfte gäbe. Zu viel, weil der Haushaltsplan der Finanzsenatorin zugrunde gelegt wird. Und zu viel, weil die rot-grüne Koalition sich dem Wahn der Schuldenbremse verschrieben hat. Die rot-grüne Koalition hat die Schuldenbremse befürwortet, sie will die Schuldenbremse auch in der Landesverfassung verankern und sie fängt jetzt mit den Kürzungen an. Irgendwie muss die Zahl von 450 LehrerInnenstellen ja erreicht werden.
(sh)
Detaillierte Informationen gibt die GEW in ihrer Pressemitteilung vom 5. Juli 2011:
"Die Bildungsbehörde hat den Schulleitungen zum Thema Unterrichtsversorgung Folgendes mitgeteilt: Die Stundenzuweisung für die GyOs wird neu berechnet. Im Schnitt erhalten alle GyOs eine Kürzung um 9%! Die Folgen für die einzelne Schule sind gravierend:
Die Stundenpläne für das nächste Schuljahr sind schon geschrieben, die Kurse eingeteilt, die Profile abgesichert. ReferendarInnen, die schon fest in die Personalplanung eingeplant sind, um dringende Fachbedarfe abzudecken, werden wahrscheinlich nicht übernommen.
Schulen in schwieriger Lage werden besonders benachteiligt. Durch die Zusammensetzung ihrer Schülerschaft (Migrantenanteil, viele Aufsteiger aus den Sekundarschulen) haben sie im Übergang von der Quali-1- nach der Quali-2-Phase viele Abgänger in das duale System, an die Fachhochschule und andere berufsqualifizierende Bildungswege. Diese an sich positive Entwicklung für die einzelnen Schüler gerät hier zum Nachteil der Schulen. Sie werden nach der neuen Berechnung erheblich schlechter gestellt als die Schulen mit weniger Abgängern.
Mit diesem bisherigen „Mehr“ wurden kleinere Kurse mit besseren Fördermöglichkeiten sowie für spezielle Fördermaßnahmen z.B. zum Ausgleich von Defiziten aus der Sekundarstufe I finanziert. Diese Förderung wird jetzt zurückgefahren. Damit wird die Abbrecherquote für dieses Schülerklientel erhöht werden.
Mit der neuen Berechnung wird es für die Oberstufe zukünftig sehr wichtig, unterfrequente Kurse zu vermeiden. Genau diese Kurse decken aber oft ein breites Bildungsangebot ab. Eher weniger angewählte Profile (z.B. Chemie oder Französisch) werden dann gar nicht oder deutlich weniger angeboten und die SchülerInnen werden in die eher traditionellen Profile umberaten. (Im Übrigen hat die GEW auf diese Einschränkung eines breiten Angebots schon bei der Bildung der kleinen Oberstufen hingewiesen.)
Vollkommen unklar ist, wie der Schülerschwund von Quali 1 nach Quali 2 umgesetzt werden soll. Die Schule ist nach KMK verpflichtet, begonnene Profile auch zu Ende zu führen. Umsteuerungen sind kaum möglich.
Eine Besonderheit liegt bei den budgetierten Schulen vor. Diese haben Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit der Behörde abgeschlossen, in denen die alten Zuweisungen festgeschrieben sind. Frage: Welchen Wert haben solche Vereinbarungen mit der Behörde?
Viele Angebote in der GyO müssen bereit gestellt werden, weil sie aus dem verkürzten 8jährigen Bildungsgang verpflichtend vorgeschrieben sind.
Bremen bildet zurzeit viele Referendarinnen in der Sekundarstufe II aus, hat die Zahl letztes Jahr sogar erhöht. Gibt es für sie eine Perspektive in Bremen?
Wo die Einsparungen konkret vorgenommen werden sollen, welche Angebote gestrichen oder zusammengelegt werden, darüber besteht größte Unklarheit. Die Schulleitungen fordern Handreichungen von der Behörde, wie diese Kürzungen umgesetzt werden sollen und welche Angebote gestrichen werden sollen. Die Frage, ob diese neuen Rahmenbedingungen überhaupt mit dem bestehenden System der GyO realisiert werden können, blieb unbeantwortet.
Darüber hinaus wurde auch bekannt gegeben, dass auch in anderen Bereichen Lehrerstellen eingespart werden. So werden in der integrierten Eingangsphase der Grundschule 200 Stunden gestrichen und die Zuweisung von mehr Leitungszeit für Schulleitungen wird um ein Jahr verschoben. Im Bereich der Grundschule weitere Kürzungen vorzunehmen, bedeutet eine Verschlechterung der Qualität und eine Einschränkung der Förderungsmöglichkeiten. Das vor der Wahl gegebene Versprechen, die Arbeitsbelastung der Schulleitungen zum neuen Schuljahr zu senken, wurde gebrochen."