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6. Februar 2011

Offener Brief an den Rektor der Universität Bremen

Universität Bremen

zur Stellungnahme des Rektorats und aller Dekane der 12 Fachbereiche der Bremen und zur Stellungnahme des Dekans des Fachbereichs der Universität Bremen zur „Erklärung Bremer und WissenschaftlerInnen zu Stiftungsprofessuren“ 1. Februar 2011

Sehr geehrter Herr Prof. Müller, sehr geehrte Rektoratsmitglieder, sehr geehrte Frau Dekanin, sehr geehrte Herren Dekane,

ich darf Sie höflich auf eine offenbar als unumstößlich akzeptierte Randbedingung Ihrer Stellungnahmen aufmerksam machen, in denen zu Unrecht von „unhaltbaren Vorwürfen“ die Rede ist. Skandalös sind nicht die sachlich begründeten Feststellungen der Bremer Erklärung, sondern die permanente Unterfinanzierung der Hochschulen, die Sie akzeptierend mit der Begründung „schwierige Haushaltslage“ hinnehmen.

Gemeinden kämpfen um ausreichende Mittel für eine angemessene Ausstattung ihrer Haushalte, Gewerkschaften kämpfen dafür, dass Vollzeitbeschäftigte von ihrem Lohn leben können müssen, warum kämpfen Professoren nicht dafür, dass ihre Bildungs- und Forschungsstätte mit ausreichenden staatlichen Mitteln versehen wird? Sie haben dabei noch den Vorteil, die große Masse der Studierenden hinter sich zu haben. Das sind genau diejenigen, denen Sie dabei helfen, sich ein möglichst umfassendes Wissen anzueignen, das sie befähigt, morgen in der Universität, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Nehmen wir einmal an, dass dieser Schulterschluss erfolgreich wäre.

Dann würde nicht nur die soziale Ungerechtigkeit der Studiengebühren wegfallen, sondern auch die permanente Suche nach Drittmitteln und Stiftungsprofessuren. Die Universitäten könnten dann selbst darüber entscheiden, mit welchen industriellen Partnern Kooperationsprojekte der angewandten Forschung abgeschlossen werden, um sinnvolle neue Produkte auf den Weg zu bringen. Und das wäre Bestandteil von staatlicher Technologieförderung unter dem kompetenten und wachsamen Auge der Wissenschaft. Damit wären Freiheit und Autonomie der Hochschulen in keiner Weise angetastet, ganz im Gegensatz zu der in der Erklärung beklagten Situation.

Das beschriebene Modell von staatlicher Technologieförderung ist keineswegs graue Theorie. Es wurde unter dem Regime einer Zivilklausel in den (Kern)Forschungseinrichtungen des Bundes in Karlsruhe, Jülich und anderswo jahrzehntelang mit Erfolg praktiziert, nachdem die Kernforschung an Bedeutung abgenommen hatte. Anstatt die Forschungszentren zu schrumpfen, wurden unter Beibehaltung der relativ guten Finanzausstattung und der Arbeitsplätze neue Aufgabenfelder der Umwelt-, Grundlagenund Technologieforschung unterstützt. Wichtige Nutznießer in diesen neuen Tätigkeitsfeldern waren und sind kleine und mittelständische innovative Firmen, die bekanntlich die meisten Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. Das war auch der Tatsache geschuldet, dass jegliche Forschung für militärische Zwecke per Gesellschaftsvertrag ausgeschlossen war und bei solchen Firmen die Überprüfung des Produktionszwecks sehr einfach ist.

Als ehemaliger Beschäftigter des Forschungszentrums Karlsruhe kann ich Ihnen versichern, dass sowohl die Zivilklausel als auch diese Art von ziviler Technologieförderung Konsens zum Nutzen der Allgemeinheit im gesamten Betrieb und von Beschäftigten, Betriebsrat, Gewerkschaften, Wissenschaftsgremien bis hin zum Vorstand getragen war.

Die Vollfinanzierung der Hochschulen durchzusetzen, ist sicherlich kein Spaziergang. Wenn wir aber aufhören, uns das Märchen erzählen zu lassen, dass Sicherheit mit Waffen, Rüstung und Krieg statt mit zivilen Konfliktlösungen zu erreichen wäre, dann könnten umfangreiche staatliche Mittel zur Finanzierung der Bildungsstätten und des Sozialstaats frei werden.

Dann würde es keinerlei Begründung mehr geben, die vorbildlichen Bremer Senatsbeschlüsse von 1986 und 1991 (Zivilklausel) zu relativieren. Über keine einzige Stiftungsprofessur wären Gedanken zu verschwenden, ebenso wenig wie über Drittmittel aus Rüstungsquellen. Anstelle einer OHB-finanzierten Stiftungsprofessur könnte ein Lehrstuhl für Rüstungskonversion eingerichtet werden. Die Zeiten sind nicht mehr fern, in denen angesichts des weltweiten Wirtschaftswettbewerbs, z.B. mit China, offen über notwendige industrielle Umstrukturierungsprobleme und die Sinnlosigkeit von HiROS-Spionagesatelitten und Rüstungsprojekten wie Talarion, Eurofighter, MEADS und A400M gesprochen werden wird.

Es ist Zeit zur Umkehr. Das fordern übrigens auch 53 ErstunterzeichnerInnen in einem Internationalen Appell „JA zur Friedensbindung der Universitäten – Nein zur Militärforschung. Es ist Zeit zum Handeln!“, darunter die Nobelpreisträger Paul Crutzen, Harry Kroto, Mairead Corrigan Maguire und Jack Steinberger, der Bürgermeister von Hiroshima Tadatoshi Akiba und der frühere Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie Hartmut Grassl. Mehr http://www.inesglobal.com/commit-universities-to-peace.phtml

Ihrer geschätzten Antwort sehe ich mit Interesse entgegen.
Mit freundlichen Grüßen

Dietrich Schulze
Winterstr. 27
76137 Karlsruhe