So kommentierte der Bremer Erwerbslosenverband (BEV) Bremen den Bericht im Weserkurier vom 14. Juli über die Bremer Tafeln. Hartz IV ist Armut per Gesetz. Die Zustände der Tafeln als Armenspeisungen würden das wieder einmal veranschaulichen. Es reiche nicht aus, um Verständnis für die individuelle Situation der Arbeitenden und der Betroffenen zu werben. "Bereits die Existenz der Tafeln ist schon ein Skandal. Anstatt die Armut effizienter zu verwalten, geht es darum, endlich ihre Ursachen zu bekämpfen." Anstelle von Hartz IV müsse eine armutsfeste Grundsicherung als Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben treten. Damit würden sich dann auch alle Debatten über die Tafeln erledigen, so Herbert Thomsen vom Bremer BEV abschließend.
Der Weserkurier vom 14. Juli hatte (mal wieder) über die Bremer Tafeln berichtet. Die Weserkurier-Redaktion hatte anonyme Erfahrungsberichte erhalten, in denen über Ungerechtigkeiten bei der Verteilung und über unfreundliche Behandlung bei der Ausgabe geklagt wurde. Von Erniedrigungen und Beschimpfungen war die Rede. Der Geschäftsführer der Bremer Tafeln, Wilfried Runge, kam ebenfalls zu Wort, räumte ein, dass es zwischen Kunden und Mitarbeitern nicht immer reibungslos verlaufe. Aber: alle Mitarbeiter arbeiteten ehrenamtlich und die Belastung wäre sehr hoch. Die Bremer Tafel in Hemelingen versorge 250 Bedarfsgemeinschaften; in Gröpelingen wären es halb so viele.
1993 wurde die erste Tafel in Berlin gegründet. Die Idee der "Tafel" ("Überfluss zum Wohle der Menschen einsetzen!") breitete sich schnell aus: 2001 existierten in Deutschland schon 300, 2009 schon mehr als 800 Tafeln in allen größeren und in vielen kleineren Städten und Gemeinden. Nach dem Motto "versorgen und nicht entsorgen" wurde im Mai 1995 auch die Bremer Tafel e.V. gegründet. "Da ca. 20 % aller produzierten Lebensmittel in genießbarem Zustand auf dem Abfall landen", so heißt es auf ihrer Homepage, "hat sich die Bremer Tafel zum Ziel gesetzt, überzählige Lebensmittel zu sammeln und an bedürftige Mitbürger und Mitbürgerinnen zu verteilen. Die Bremer Tafel ist als gemeinnützig und mildtätig anerkannt. Ihre Arbeit erfolgt auf überparteilicher, überkonfessioneller und übernationaler Grundlage."
Die Tafeln sind ein schnell wachsender Bereich des ebenfalls schnell wachsenden Armutssektors in einer reichen Gesellschaft. Bis jetzt noch auf ehrenamtliche Mitarbeiter angewiesen, ist offenbar geplant, auch die neuen "Bürgerarbeiter" bei den Tafeln einzusetzen. Nach einer Meldung der Bild-Zeitung vom 12. Juli sollen in Niedersachsen und Bremen 3210 Hartz-IV-Empfänger im Rahmen des Bundesprogramms "Bürgerarbeit" in sozialen und karikativen Einrichtungen wie z.B. der Tafel arbeiten.
Sönke Hundt