
Jacobs University Campus (wikimedia commons)

Professoren tatsächlich wieder in Talaren (Ausschnitt aus Buten un Binnen v. 17.09.11)
Mit einem einem dreistündigen festlichen Dinner in der oberen Rathaushalle mit 1500 geladenen Gästen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, moderiert vom bekannten Fernsehwissenschaftler Ranga Yogeshwar, feierte die private Jacobs University am 17. September 2011 ihr 10-jähriges Bestehen. Die Handelskammer Bremen kündigte dabei ein mit viel Beifall aufgenommenes Geschenk an: eine Spende von 1 Million Euro. Otto Lamotte, Präses der Handelskammer, erklärte in seiner Laudation: "Die Jacobs University steht weltweit für Exzellenz, Transdisziplinarität, Interaktivität, Globalität und Unabhängigkeit - und sie steht, regional betrachtet, für die Kraft und die Stärke, mit denen eine Bürgergesellschaft auf die Gestaltung ihrer Zukunft und ihrer gesellschaftlichen Entwicklung Einfluss nehmen kann." (Weserkurier v. 17. September)
Der Gründungsmythos der neuen University sah ursprünglich vor, dass in Bremen nach dem Vorbild von Harvard und Stanford eine rein privat finanzierte Elite-Universität errichtet wird. 500 Millionen Euro wollten die Gründer einsammeln und aus Zinsen, Studiengebühren und Drittmitteln den Universitätsbetrieb finanzieren. Die am Anfang so getaufte "International University Bremen (IUB)" sollte neben der Universität Witten-Herdecke die zweite private Uni in Deutschland werden und dank hoher Studiengebühren mit Exklusivität, Exzellenz und Internationaliät glänzen.
Das Stiftungskapital aber konnte nie eingesammelt und die Finanzierung nie solide begründet werden. Schon Anfang 2002 bezweifelte der Wissenschaftsrat, dass sich die neue Uni dauerhaft würde tragen können. Als das "Manager Magazin" im September 2006 seinen spektakulären Verriss der neuen Uni mit "Wasser bis zum Hals" betitelte und von einem "munteren Dahinwurschteln ohne Finanz- und Businessplan" berichtete, war das Scheitern des ganzen Projekts in Sichtweite. (Spiegel online v. 25.03.07) In letzter Minute betrat damals der Kaffee- und Leiharbeitsunternehmers (Adecco) Klaus J. Jacobs als neuer Großsponsor die Bühne. 200 Millionen Euro versprach er als Spende aus seiner Jacobs-Stiftung, woraufhin die Uni sich dankbar in "Jacobs University" umbenannte.
In den Jubelmeldungen ging seinerzeit völlig unter, dass der gewiefte Unternehmer die Auszahlung seiner Spende an präzise Bedingungen geknüpft hatte. Sie sollte nur in Raten von jährlich 15 Millionen und nur dann gezahlt werden, wenn auch das Land Bremen ebenfalls 5 Millionen jährlich zur Finanzierung beitrüge. Der Senat war damit in der Klemme. Nach den als Anschubfinanzierung bei der Gründungen schon gezahlten 174 Millionen Euro war es schlechterdings unmöglich, angesichts von Haushaltsnotlage und einschneidenden Kürzungen bei den anderen (öffentlichen) Hochschulen des Landes weiteres Geld einer völlig privaten Einrichtung zur Verfügung zu stellen. In einer Anfrage forderte die LINKE in der Bürgerschaft am 01.10.07 eine präzise Auskunft über die Höhe und die Abfolge von öffentlichen Bremer Finanzmitteln für die Privatuni sowie nach den Absprachen bzw. Verträgen für diese Zahlungen. Die Antwort blieb vage. Der Bremer Senat würde im Rahmen seiner Möglichkeiten die Sicherung und Weiterentwicklung der Jacobs University unterstützen; aber Absprachen oder Verträge darüber gäbe es nicht. Weiter hieß es in der Senatsantwort: "Der Sponsor hat allerdings die Erwartung geäußert, dass die Wertschätzung für die Jacobs University und die angekündigte Spende auch in einem Engagement des Landes ihren Ausdruck findet."
So kam es dann auch. Der Weserkurier berichtete am 29.02.08, dass der Kaufmann und Milliardär Klaus Jacobs für entsprechende Aktivitäten in Regierungsrunden gesorgt hätte. "Denn an die Gabe, so hieß es auf einmal, sei die Erwartung oder wenigstens die Bitte geknüpft, dass Bremen jährlich fünf Millionen Euro dazugibt - bis zu einer Gesamtsumme von 25 Millionen. Einen solchen Gönner wie Jacobs enttäuschen? So weit soll es nicht kommen. 'Angesichts des privaten Engagements kann man eine solche Bitte nicht ausschlagen,' erklärte Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) im Herbst vergangenen Jahres. Etwas kryptisch fügte er hinzu, 'Bremen' werde einen Beitrag leisten."
Jetzt steht wohl dem Land Bremen ein ganz ähnliches Manöver bevor. Im Weserkurier-Bericht vom 17. September über die Jubiläumsveranstaltung hieß es, "die Verantwortlichen der Jacobs University (hätten) auf politischen Kanälen bereits diskret vorgefühlt, ob eine Anschlussfinanzierung möglich ist." Und es habe in der letzten Woche schon "ein etwas konkreteres Sondierungsgespräch mit einem handverlesenen Kreis von Koalitionspolitikern" über eine weitere öffentliche Finanzierung gegeben.
Den eigentlichen Grund für die erneute Bitte aber nannte der Bericht nicht. Der Spender der 200 Millionen weigert sich nämlich offenbar, die für 2011 so dringend benötigte Schlussrate von 125 Millionen tatsächlich auszuzahlen. Die Taz (17.09.11) hatte es herausgefunden: die Jacobs-Stiftung habe auf Anfrage erklärt, dass die Auszahlung sich um mindestens sechs Jahre verzögern würde. Die Stiftung habe sich schon mit der Universität "auf ein verlängertes Finanzierungsmodell und einen Finanzierungsplan geeinigt". Dieser Plan sehe "weiterhin jährliche Zahlungen und eine abschließende Einlage der Jacobs Foundation in den Kapitalstock Ende 2017 vor." Der akademische Erfolg der Universität sei unstrittig, heißt es weiter. Doch, wie die Sprecherin der Foundation erklärte, habe man "auf Herausforderungen reagieren müssen". Durch die Wirtschaftskrise 2008/2009 sei "der Wert des Kapitalstocks und die Zinssätze extremen Schwankungen ausgesetzt" gewesen und gleichzeitig sei "das Umfeld für privates Fundraising in Mitleidenschaft gezogen worden". Im Klartext: die Jacobs Foundation kann erst im Jahre 2017 ihrer Spendenverpflichtung nachkommen.
Reimar Lüst, ehemaliger Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, einer der "Gründerväter" der Privatuni und ihr erster Ehrendoktor machte gegenüber der Taz die fehlende Spenderkultur in Deutschland für die Finanzmisere verantwortlich. Auf die Frage, wieviel denn nun tatsächlich an Spenden eingesammelt worden sei, verweigerte er mit dem Hinweis auf das Betriebsgeheimnis die Antwort. Die Höhe des jährlichen Defizits der Privatuni mochte er - mit der gleichen Begründung - ebensowenig nennen.
Völlig unklar im Geschäftsmodell der Jacobs University ist neben den nicht ausreichenden Spendengeldern die Frage der Studiengebühren. Sie betragen rund 20.000 Euro pro Studienjahr. 50 - 60 Prozent der Studierenden allerdings erhalten Stipendien. Und bei Wikipedia unter dem Stichwort Jacobs University wird vermeldet, dass nur um die 10 Prozent der Studierenden die vollen Studiengebühren zahlen. Wenn ursprünglich vorgesehen war, dass aus den Studiengebühren ein Drittel der laufenden Kosten gedeckt werden müssen, kann die jetzige Situation nicht befriedigen. Schon wird von bösen Zungen gelästert, dass die Privatuni sich ihre Studenten quasi kaufen müsse, weil nicht genügend betuchte Eltern ihren Sprösslingen einen vollen Studienplatz bezahlen wollen. Merke: noch sind die öffentlichen Hochschulen in Deutschland zu gut, als dass sich die soziale Exklusivität einer Privatuni richtig lohnen würde. Für die Universitäten in den USA wäre der Preis für ein Studium allerdings normal. So lässt Spiegel-online v. 17.09.11 eine us-amerikanische Studentin zu Wort kommen: "Für mich ist das nicht viel teurer, als würde ich eine staatliche Uni in den USA besuchen."
Hinter den Kulissen werden für die notwendigen neuen Millionen vom Stadtstaat Bremen schon eifrig die Fäden gezogen. "Sollte in der Landesregierung jemand geglaubt haben", so heißt es im Artikel des Weserkuriers v. 17.09.11, dass "die Jacobs University künftig auf eigenen Beinen steht, so ist die Illusion spätestens in dieser Woche zerstoben. Vorgestern haben erste Sondierungen zwischen Vertretern der Uni und Koalitionspolitikern über die Möglichkeiten einer Anschlussfinanzierung begonnen." Das Thema gelte wieder einmal als heikel. In einem Haushaltsnotlagenland seien eben, so ein ungenannt bleibender SPD-Parlamentarier, "weitere Millionen für eine Privatuni schwer zu vermitteln." Die Unternehmer und Unternehmen in Bremen sind nicht bereit oder in der Lage, die Lücke zu füllen. Die eine Million, die die Handelskammer bereit ist zu spenden, ist jedenfalls weniger als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.
Sönke Hundt
Der Artikel erscheint in einer gekürzten Fassung mit dem Titel "Kaffeekasse leer" in der jungen Welt v. 21.09.11.
Kommentar von Benno Schirrmeister (Taz): Zehn Jahre Fehlinvestition
Geschenke kann die Jacobs-University kaum erwarten. Warme Worte aber wird sie zum zehnjährigen Bestehen genug bekommen. Verdient hat sie selbst die nicht, außer vielleicht wegen der Aufwertung der Grohner Düne.
Aber auch dafür war sie zu teuer. Denn die ersten zehn Jahre hat die privat benannte, aber im Wesentlichen öffentlich finanzierte University am Tropf verbracht. Wann sie ohne den auskommt, bleibt fraglich: Nicht fließen werden die zum Jubiläum in Aussicht gestellten 125 Millionen Euro von Klaus J. Jacobs. Grund: Die Gegenleistung für die sogenannte "Spende" wurde nicht erbracht, der große Rest des zum Überleben notwendigen Stammkapitals fehlt noch immer. Ob er je eingeworben wird, und ob 500 Millionen 2017 bei gestiegenem Inflationsrisiko noch reichen, da machen wir mal ein Fragezeichen. Anders nämlich als der bewundernswerte Astrophysiker Reimar Lüst glaubt die freie Wirtschaft offenkundig nicht an die Kaffeemagnaten-Hochschule. Und darüber, dass sie aus bremischer Sicht eine Fehlinvestition war, täuschen auch ihre akademischen Erfolge nicht hinweg: Den Ertrag hätten die in die private Unternehmung gepumpten öffentlichen Abermillionen an der Uni Bremen locker auch gehabt. Dort wurden jedoch währenddessen renommierte Studiengänge abgewickelt und das Personaltableau durchlöchert. Weil eben nicht jede Konkurrenz das Geschäft belebt, und die um knappe Ressourcen zerstört sie.
Quelle (mit freundlicher Genehmigung): Taz v. 17.09.11