
Streikaktivistin Antje Treptow, Mitglied im Schlecker BR

ein empörter Marktleiter

das Chaos ist perfekt, übervolle Einkaufswagen blockieren die Kassenzone

ver.di-Sekretär Richard Schmid erläutert die Aktion
Heute war viel los im Einzelhandel. Ver.di hatte die Beschäftigten der Drogerie-Kette Schlecker und des Real-SB-Warenhauses in der Neustadt zum Arbeitskampf aufgerufen. Bei Schlecker wurden eine ganze Reihe von Filialen komplett abgeschlossen. Bei Real versuchte der Arbeitgeber mit großer Intensität, mit Hilfe von Security- und Leiharbeitsfirmen die Streikenden an ihren Arbeitsplätzen zu ersetzen, was nur zum Teil gelang. Ver.di betonte ausdrücklich den Warncharakter des Streiks. "Es gilt, den Händlern zu zeigen, dass es den Beschäftigten ernst ist mit ihren Forderungen". So formulierte es Richard Schmid, der für den Einzelhandel zuständige ver.di-Sekretär. In Baden-Württemberg konnte ver.di eine Tariferhöhung von 3 Prozent ab dem 1. Juni 2011 und von 2 Prozent ab Juni 2012 sowie weitere Verbesserungen durchsetzen. Aber die Arbeitgeber des bremischen und niedersächsischen Einzelhandels hätten bisher jedes substantielle Angebot in den laufenden Tarifauseinandersetzungen abgelehnt.
Mit einem Bus wurden heute morgen die Streikenden der Schlecker-Filialen abgeholt und zum DGB-Haus gefahren, wo das Streiklokal eingerichtet war und ab 8:30 eine Streikversammlung stattfand. Hier wurde auch die dann folgende Überraschungs-Aktion besprochen, nämlich ein Flashmob im benachbarten Osterholz-Scharmbeck. Richard Schmid erläuterte die Aktion: ein flashmob kommt überraschend wie ein flash, dauert nur kurze Zeit und schafft möglichst viel Verwirrung. Über das Wo und Wann darf vorher nichts durchsickern, damit die Überraschung gelingt.
Die Zustimmung für die vorgeschlagene Aktion war groß; die rd. 40 Streikenden, unterstützt von einigen AktivistInnen vom Anti-Krisen-Bündnis, fanden das durchweg einen guten Vorschlag. Man stieg wieder in den Bus und fuhr in die Duckwitzstraße, um noch Streikende vom Real-Warenhaus zusätzlich einzuladen. Dann erst wurde das Ziel bekannt gegeben: ein großer Marktkauf-Supermarkt der Edeka-Minden-Gruppe in Osterholz-Scharmbeck. Während der Busfahrt gab es weitere Erläuterungen. Warum dieser Supermarkt? Hier hatte in der letzten Woche eine Betriebsversammlung, morgens um 8 Uhr mit einer Dauer von einer oder eineinhalb Stunden stattfinden sollte. Der Arbeitgeber hatte versucht, bis hart an die Grenze zum Unerlaubten, diese Versammlung zu verhindern. Mit Flugblättern, persönlicher Ansprache und überhaupt durch massive Beeinflussungsversuche. Die Betriebsversammlung wäre überflüssig, man würde den Umsatz stören und die Kunden verärgern. Die übliche Litanei. Leider war die Einschüchterung gelungen, denn von 120 Mitarbeitern insgesamt war schließlich eine einzige Mitarbeiterin gekommen! Der Betriebsrat überlegt natürlich wegen dieser massiven Behinderung rechtliche Schritte. Aber das wäre nicht genug, ein solches Verhalten dürfe man nicht durchgehen lassen. Das meinte Richard Schmid während der Busfahrt.
Also musste der Flashmob her. Nacheinander, unfauffällig wie normale Kunden, sollten die Streikenden und ihre Helfer aus Bremen sich einen Einkaufswagen nehmen (für die vorher schon Chips ausgeteilt worden waren), sich nacheinander in den Markt begeben und in kurzer Zeit den Wagen möglichst vollpacken. Ein Flashmob dieser Art, das ist wichtig zu wissen, ist als Mittel in einem Arbeitskampf - wie das Bundesarbeitsgericht vor einiger Zeit festgestellt hat - rechtlich zulässig. Allerdings darf dadurch kein Sachschaden entstehen, weswegen keine Frischwaren und Tiefkühlkost in die Wagen geladen werden sollten. Zu einer genau vorher verabredeten Zeit, nämlich genau um 11.38 Uhr, gingen alle zugleich zu Kassen, ließen die Wagen davor stehen, schoben sie noch etwas zusammen und erklärten den etwas überraschten Kassiererinnen, kein Geld dabei zu haben. Inzwischen war der ver.di-Sekretär erschienen, erhob seine laute Stimme, erklärte die Aktion mit ihren Hintergründen und verteilte Flugblätter.
Nach einer halben Stunde war die Aktion vorbei und man traf sich zu einer kleinen Kundgebung vor dem Eingang. Erschienen waren hier die Betriebsratsvorsitzende mit einigen ver.di-Kollegen. Auch sie waren von der Aktion der Bremer Kollegen und Kolleginnen überrascht worden. Sie wussten zwar, dass was laufen sollte, aber nicht wann. Auch der empörte Marktleiter ließ sich blicken. Die Stimmung war ausgesprochen gut und es wurde viel gelacht über die rundum gelungene Aktion. Die gute Laune blieb auch auf der Rückfahrt nach Bremen. "Viel Spaß bei der Arbeit" wäre das gewesen, meinte eine der Streikenden. Richard Schmid meinte: "Man muss bedenken, dass viele der Schlecker-Beschäftigten zum ersten Mal gestreikt und sich gleich an einer solchen Aktion beteiligt haben. Es ist jedesmal eine Überraschung, wenn Menschen ihre Angst ablegen und das Kribbeln im Bauch überwinden. Sie lernen, mutiger und selbstbewusster zu sein und sich nicht einschüchtern zu lassen. Und was auch wichtig ist: es hat allen einfach einen großen Spaß gemacht."
Sönke Hundt
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Youtube-video bei Schlecker-XL in Gröpelingen am 29.11.2009 hier